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WIEN / Akademietheater: MACHT UND WIDERSTAND (Gastspiel Hannover)

13.05.2019 | KRITIKEN, Theater

 
Foto: Website Burgtheater

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
MACHT UND WIDERSTAND von Ilija Trojanow
Gastspiel des Schauspiel Hannover
11.
und 12. Mai 2019, besucht wurde die zweite Vorstellung

Wenn man einen Krieg verloren hat, zeigt man besser nicht mit dem Finger anklagend auf die anderen. (Etwa in der Art: Wer hat mehr Menschenleben auf dem Gewissen, Hitler oder Stalin – und am Ende „siegt“ wahrscheinlich Mao…) Das ist der Grund dafür, dass man sich hierzulande lieber nicht mit dem Kommunismus auseinandersetzt, mit seinen – nie eingestandenen und nie gesühnten – Verbrechen. Ilija Trojanow, geflüchteter Bulgare, der nach vielen Umwegen heute in Wien lebt, kann hingegen auf den „realen Kommunismus“ in seiner Heimat zurückblicken – oder genauer: Darauf, wie sich auch nach der „Wende“, die ja nicht nur die DDR betraf, im Grunde nichts geändert hat: dieselben Menschen in den Führungspositionen, dieselbe Machtausübung, dieselbe Vertuschungspolitik.

Trojanow hat darüber 2015 den Roman „Macht und Widerstand“ geschrieben, Regisseur Dušan David Pařízek hat ihn für eine Koproduktion des Deutschen Theaters Berlin und des Schauspiels Hannover auf die Bühne gebracht. Als „Hannoveraner Gastspiel“ sah man den Abend nun auf der Bühne des Akademietheaters – die zweite Vorstellung nicht ganz voll, aber der Jubel danach frenetisch.

Und das ist einzusehen. Dušan David Pařízek, den man für seine sinnlose, geistlose, bösartige Verschandelung Grillparzers („König Ottokar“ am Volkstheater) am liebsten mit hartem Lager bei Wasser und Brot und Berufsverbot bestraft hätte, beweist bei einem Thema, das ihm offenbar mehr liegt, eine starke Hand – ganz abgesehen davon, dass es ihm hier nicht um Verbiegung der Vorlage geht, sondern um deren bühnengerechte Umsetzung. Was nicht völlig leicht ist, da es sich im Grunde nur um eine politische Diskussion handelt, die aber mit nur vier Darstellern geradezu fulminant lebendig geworden ist.

Pařízek hat sich als sein eigener Bühnenbildner nur ein Rahmengerüst gebaut, darin Tische und Stühle, und man ist überall, wo man sein will, wie auch die Darsteller „alles“ spielen – bloß Samuel Finzi muss außer seiner Hauptfigur „nur“ noch eine keifende Ehefrau unternehmen, die anderen sind, was benötigt wird, auch wenn es einmal ein Hund ist… Was schon impliziert, dass hier durchaus mit drastischer Komik gearbeitet wird, ohne dass das Thema den Zuschauer je aus dem Würgegriff entlässt.

Das Stück spielt „nach der Wende“, also nach 1989, aber doch so weit in der neuen Zeit, dass die „Alten“ von einst sich diese nach altem Muster eingerichtet haben. Damals wie früher steht ihnen der „Anarchist“ Konstantin Scheitanow gegenüber, der wegen Stalin-Verunglimpfung fast hingerichtet worden wäre, dann „nur“ ein Jahrzehnt Gefängnis mit Folter, Gewalt und versuchter Gehirnwäsche überlebt hat – und heute nicht nur den Täter, sondern auch die Beweise für sein Schicksal sucht. Aber der neue Beamtenstaat schottet sich gnadenlos gegen alle Versuche ab, die Vergangenheit aufzuarbeiten (da müsste man ja zugeben, was an Verbrechen geschehen ist) – und mehr noch: sein Peiniger von einst, der Geheimdienstoffizier Metodi Popow, ist erneut in Amt und Würden und voll Suada nicht nur ein Verteidiger dessen, was geschehen ist, sondern auch dessen, was fast unverändert im neuen Gewand von „Demokratie“ und EU-Liebäugeln geschieht…

Da stehen sie nun, Samuel Finzi (auch er, wie der Autor, in Bulgarien geboren, beide fast gleich alt) als Konstantin und Markus John als Metodi, und sie vertreten ihre Standpunkte: Gespenstisch, wie locker dem Apparatschik, der es sich immer „gerichtet“ hat, die verlogenen Rechtfertigungen von den Lippen fließen, das Wegwischen der Gewalttaten (eh nicht so schlimm gewesen), die man als unvermeidlich erklärt, der zynische Missbrauch der Macht, das Kaufen und Manipulieren von hilflosen, in Angst gehaltenen Menschen…

Dagegen muss Samuel Finzi seinen Zorn über den sinnlosen Gang durch die Institutionen ausdrücken, den man ihm aufzwingt (Geräusche zeigen, wie er an real nicht vorhandene, aber perfekt „gespielte“ Wände stößt), mit einer Geschichte, die niemand hören will außer seine Nachbarin, die Krankenschwester (eine der Rollen von Sara Franke), die ihrerseits den Kummer ausspuckt, wie gnadenlos in den Spitälern mit den armen Leuten verfahren wird…

Ihre zweite große Rolle hat die Darstellerin als jene Frau, deren Mutter, schuldlos im Lager (wenn man nicht genügend „Insassen“ eingeliefert hatte, wirkte das schlecht, also schickte man Menschen unter fadenscheinig konstruierten Vorwänden dorthin), von Metodi Popow vergewaltigt wurde. Keine Frage, dass er sich aus der Vater-Problematik so ölig herauswindet wie aus allen Vorwürfen, die ihn treffen – und doch so gar nicht treffen. Nur wenn in einer Szene mit ihm die Art von „Folter“ gespielt wird, die er immer angewandt hat – da bricht er wutentbrannt-heulend (und doch etwas entsetzt) aus…

Und da ist dann noch, prächtig in jeder Variation, Henning Hartmann als all die vielen Leute am Rande, die man braucht, vor allem die Wendehälse, die sich in jedem System finden und schnell zurecht finden. Und wenn alle es tun, knirscht Konstantin mit den Zähnen, ist es ja „normal“… So normal, wie die Angst war, in der man lebte, und die Resignation, in der man sich wiederfindet. Nur dass das System seine Kinder frisst und auch die Apparatschiks ganz schnell entfernt, wenn sie nicht mehr „passen“, scheint einen Hauch von historischer Gerechtigkeit in sich zu tragen. Aber was nützt das Menschen wie Konstantin, der hilflos keine Chance hat, gehört zu werden?

Nun zumindest Autor Ilija Trojanow und Regisseur Dušan David Pařízek haben ihm die Sprache der Empörung gegeben, die das Publikum wohl verstanden und mit Jubel honoriert hat.

Renate Wagner

 

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