Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Akademietheater: LAND IN SICHT

29.05.2019 | KRITIKEN, Theater


Fotos: Georg Soulek

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
LAND IN SICHT von Joachim Meyerhoff
Ein Projekt für Ignaz Kirchner
Uraufführung
Premiere: 26. April 2019,
besucht wurde die Vorstellung am 29. Mai 2019

Man fände es nicht gerecht, wollte man einen Augenblick daran zweifeln, dass Joachim Meyerhoff mit seinem Drei-Stunden-Marathon „Land in Sicht“ im Akademietheater nichts anderes wollte als ein großes, würdiges Gedenken an seinen im Vorjahr verstorbenen Partner und Freund Ignaz Kirchner. Voss & Kirchner, die berühmte Partnerschaft, hat Meyerhoff schon bewundert, als er noch Schauspielschüler war. Ans Burgtheater zu kommen und mit den beiden auf der Bühne stehen zu dürfen, hat ihm viel bedeutet.

Meyerhoff & Kirchner waren oft Partner, am nachdrücklichsten wohl in dem Zwei-Personen-Stück über Robinson (mit Kirchner als Freitag). In Kirchners Mini-Garderobe verbrachten sie Stunden redend. Und Kirchner zeigte dem Kollegen jene „Klebebücher“, die er über Jahrzehnte führte: die charakteristischen chinesischen Notizbücher im Schulheft-Format, in die er vor allem Fotos aus Zeitungen und Zeitschriften einklebte, verbunden mit Texten und privaten Erinnerungen wie Briefen. 280 davon gibt es, Meyerhoff sollte sie erben, lässt sie aber der Witwe, dem Sohn, dem Enkel. Nur für den „Land in Sicht“-Abend holt er sie auf die Bühne.

Kirchner hin, Kirchner her – Meyerhoff ist selbst Autor, er ist ein großer „Alleinunterhalter“, und er braust in einem erst einmal eineinviertelstündigen Monolog über die Bühne des Akademietheaters, dass es ein wahres Vergnügen ist: die denkbar witzigste, kurzweiligste, anekdotenreichste „Einführung in das Theaterleben“, die man sich denken kann, geschöpft aus eigenen Erlebnissen und Erfahrungen. Die Gedächtnis- und Konzentrationsleistung ist fulminant (und nur einmal verlor er an diesem Abend den Faden, als er ankündigte erzählen zu wollen, warum Bernhard Minetti bis über 90 auf der Bühne stand… und dann darauf vergaß).

Aber Allrounder-Meyerhoff ist nicht nur sein eigener Autor und Interpret, er ist auch Regisseur, er gibt kleine Lektionen nebenbei (etwa über Ablenkung), indem er zwei Kollegen als Bühnenarbeiter verkleidet und am Rande äußerst witzig „stören“ lässt… Kurz gesagt, das funktioniert die längste Zeit prächtig.

Der Abend knickt schwächelnd ein, wenn er von den Projekten erzählt, die er für Kirchner schreiben wollte und von denen man – so seltsam, wie sie klingen – nicht wirklich bedauert, dass sie nicht zustande gekommen sind. Am aufwendigsten erzählt er (so genau will man es wirklich nicht wissen) die fiktive Geschichte von einem Radfahrer auf den Äolischen Inseln (wofür er dann sieben Radfahrer auf die Bühne bringt, die eine Viertelstunde wild und sinnlos auf der Stelle strampeln…). Na gut, denkt man bei sich, niemand kann die Spannung endlos halten, nach der Pause gibt es einen Neustart.

Das tut es auch, aber was nun kommt, überzeugt nicht. Nun blättert sich Meyerhoff nur durch ausgewählte Seiten der Kirchner’schen Notizbücher, wobei das Publikum mittels Projektor Anteil haben darf. Und es ist peinlich, das zu sagen, zumal Meyerhoff dies so hoch jubelt – aber wenn man keine Beziehung zu Kirchner hat, wenn man kein besonderer Fan von ihm war, wenn man ihn nur (einigermaßen, nicht übermäßig hoch) als Schauspieler geschätzt hat, ist diese Sammlung von Zeitungsfotos letztendlich belanglos, auch wenn er gerne Unterwäsche, nackte Unterleiber und Politiker einklebte. Die Zusammenhanglosigkeit ist keine Qualität, der Inhalt in keiner Weise intellektuell, ästhetisch oder in irgend einer Form bemerkenswert. Ein Mann hat gesammelt und eingeklebt, was ihm unter die Finger kam. Na und?

Für Meyerhoff offenbar eine Kostbarkeit, sonst würde er die Bücher nicht am Ende alle auf der Rückwand des Akademietheaters aufstellen, ja, aufbahren wie auf einem Altar, beleuchtet, darunter Kirchners Kostüme, dazu geschätzt fünf andächtige Minuten elektrisch verstärkter Schlagzeug- und Trommel-Musik (Musik: Philipp Quehenberger) ein feierliches Requiem, als bahrte man ein großes Werk auf.

Zuständig für die „Arbeiten“ abseits von Meyerhoffs bis zur Pause brillantem Monolog sind übrigens Mirco Kreibich (slapstick-gewandt) und Fabian Krüger. Hoppla – Fabian Krüger? Einer der interessantesten Schauspieler, den das Haus in den letzten Jahren hatte? Einer, den Kusej einfach rauswirft (mal sehen, ob irgendjemand, den er bringt, Krüger das Wasser reichen kann)? Und der spielt jetzt einen Statisten, mit ein paar leisen Worten und ein paar leisen Song-Phrasen, sonst befasst er sich mit Bühnentechnik? Nichts anderes hat sich für seinen Abschied von einem Haus gefunden, das er so bereichert hat? Denken wir auch an die Lebenden, nicht nur an die Toten.

Immerhin, einen Lebenden hat Joachim Meyerhoff nachdrücklich gefeiert: sich selbst. Er bleibt uns ja hoffentlich erhalten. Er ist, um das abgelutschte Wort zu benützen, was auch Krüger ist: ein Ausnahmeschauspieler. Einer, um dessentwillen man ins Theater geht.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken