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WIEN / Akademietheater: IN EWIGKEIT AMEISEN

22.03.2019 | KRITIKEN, Theater

 
Fotos: Burgtheater / Reinhard Werner

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
IN EWIGKEIT AMEISEN von Wolfram Lotz
Uraufführung
Premiere: 22. März 2019

Der Dramatiker Wolfram Lotz muss bei Karin Bergmann einen Riesensteinbrocken im Brett haben. In ihrer Ära hat sie 2012 von ihm „Einige Nachrichten an das All“ nachgespielt und 2014 „Die lächerliche Finsternis“ uraufgeführt. Und ihr Bedürfnis, ihn – knapp vor Torschluß ihrer Intendanz – noch einmal zu spielen, war offenbar so groß, dass sie sich nicht von der Tatsache hindern ließ, dass er kein Stück parat hatte – weder ein altes noch ein neues. Also – es musste offenbar ein Lotz sein – hat man zwei Hörspiele, 2007 geschrieben, 2009 vom SWR gesendet, zusammen gespannt und auf die Bühne gebracht. Das ergab im Akademietheater eindreiviertel pausenlose und ziemlich leere Stunden.

„Das Ende von Iflingen“ und „In Ewigkeit Ameisen“ haben eines gemeinsam: Es sind gewissermaßen „Endzeit“-Entwürfe – verpackt als platte Kabarett-Sketche mit ein wenig Schrägheits-Effekt. Im ersten Hörspiel (der Text kam, mit elektronischer Nachhilfe, an diesem Abend glasklar von der Bühne – man konnte beruhigt die Augen zumachen und zuhören) kommen der Erzengel Michael und Ludwig, „ein gewöhnlicher Engel“, auf die Erde, mit der Aufgabe, das Jüngste Gericht zu vollziehen. Michael erweist sich da als ziemlich mieser Kerl, der brennend Lust darauf hat, die einfachen Bewohner eines einfachen Orts mit seinem Schwert zu zerteilen, am besten vertikal durch, es geht aber zur Not auch horizontal. Engel Ludwig findet das sehr bedenklich. Nun passiert nichts weiter, als dass sie von Haus zu Haus gehen und immer wieder feststellen, dass niemand zuhause ist…

„In Ewigkeit Ameisen“ führt den Zoologen Professor Schneling-Göbelitz und seinen Assistenten Müller irgendwo im tiefen Afrika vor. Sie suchen die „blaue Ameise“ – während aus dem Radio die Meldung kommt, ein Atomkrieg sei ausgebrochen und die Menschheit habe noch eine Stunde zu leben. Der Professor im Rollstuhl hetzt nun den Assistenten, ihn weiter und weiter zu schieben, um den Ruhm des Blaue-Ameise-Entdeckens noch vor dem Ende zu ernten. Auch da passiert weiter wenig als die stete Wiederholung. In dem einen oder anderen Stück taucht nun gelegentlich ein Tier auf (Igel, Mauersegler, Schwein), man hört Radio- und Telefonstimmen – und das ist es auch schon in steter Repetition der Grundsituation…

Ensemble, Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz

Was hat Regisseur Jan Bosse nun tun können? Er schnitt die beiden Texte ineinander, und er lässt vier Schauspieler immer wieder die Rollen tauschen. Zu Beginn zappeln Christiane von Poelnitz als mauliger Erzengel und Katharina Lorenz als schüchterner Engel vom Himmel herab, dann zappeln in ähnlich parodistischer Weise Peter Knaack als Professor und Klaus Brömmelmeier als sein unglückseliger Assistent am Boden herum. Wenn am Ende der Professor zu den blauen Ameisen kommt und sich selbst in eine verwandelt, trägt er die Züge von Christiane von Poelnitz, und wenn der Erzengel in den Zuschauerraum blickt, weil sich dort offenbar die Bewohner von Iflingen befinden, die sich vorsichtshalber selbst umgebracht haben, ist er zu Klaus Brömmelmeier geworden… Ein Theatertrick, um von der inhaltlichen Leere des Ganzen abzulenken.

Schließlich kann vor blauem Hintergrund (Bühne: Stéphane Laimé) szenisch nicht viel mehr geboten werden, als dass die Herrschaften (wenn es mit „In der Luft schweben“ vorbei ist) einfach herumgehen. Nur Aenne Schwarz darf als Igel, Mauersegler und Schwein sowie Telefonstimme ein paar urige und auch schaurige Auftritte hinlegen (wenn das Schwein darum brüllt, geschlachtet zu werden…). Tiefgang oder Tiefsinn sind auch damit nicht zu erreichen.

Was ist es nun gewesen? Vielleicht diente der Abend auch dazu, Schauspieler, die unter Kusej nicht bleiben werden (Christiane von Poelnitz, Aenne Schwarz und Peter Knaack stehen angeblich auf der Abschussliste), noch einmal ins brillante Licht zu setzen, und vor allem die Damen stellen sich wieder einmal als starke Extremschauspielerinnen vor, als die man sie in Erinnerung behalten wird. Sie müssen für diesen lahmen, weitgehend inhaltslosen Kabarett-Abend auch viel tun. Das Publikum hat am Ende, wie immer, gejubelt, aber die Vorstellung davor ohne weitere Lacher und Zeichen der Anteilnahme vorbeigehen lassen. Es war eine verdammt dünne Suppe, die hier mit diesen schwachen Hörspielen aufgekocht wurde.

Renate Wagner

 

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