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WIEN / Akademietheater: ENGEL DES VERGESSENS

09.09.2015 | KRITIKEN, Theater

Engel des vergessens, Burgtheater Foto Georg Soulek 
Foto: Georg Soulek

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
ENGEL DES VERGESSENS von Maja Haderlap
Premiere: 8. September 2015

Wahrscheinlich kann man Geschehenes nur säuberlich im Kasten der Erinnerung und im Kasten der Geschichte ablegen, wenn man es wirklich bewältigt und verarbeitet hat. Verdrängung – vielleicht nicht nur eine dezidiert österreichische Eigenschaft, aber hier sehr verbreitet – führt nur dazu, dass alte Wunden hässlich aufbrechen und zum Himmel schreien. So, wie die Kärntner Slowenin Maja Haderlap das Schicksal ihrer Landsleute im Krieg und in der Nachkriegszeit geschildert hat.

Der Roman „Der Engel des Vergessens“, 2011 erschienen und mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet, mehr noch, im ganzen Feuilleton nicht nur gelobt, sondern auch bewundert, ist ein Stück dessen, was man wohl „Erinnerungskultur“ nennt. Maja Haderlap selbst und der Linzer Regisseur Georg Schmiedleitner haben den Roman nun bearbeitet und auf die Bühne des Akademietheaters gebracht. Dass dies besser gelungen ist als das absolut vergleichbare Unternehmen im Volkstheater (auch hier wurde ein Roman zum Thema Zweiter Weltkrieg und danach, „Fasching“ von Gerhard Fritsch, von der Regisseurin für die Bühne bearbeitet), liegt an der konzentrierteren Familiengeschichte, die hier vorliegt, die in Einzelschicksalen greifbar wird.

Die Handlung, wenngleich auch nicht geschlossen, sondern schwerpunktmäßig gearbeitet, blendet sowohl in den Weltkrieg zurück, wo die Kärntner Slowenen als Partisanen den härtesten Widerstand gegen die Nazis leisteten, wie auch in die Nachkriegszeit, wo die Autorin klar macht, wie die Erinnerung die Menschen nicht loslässt und über Generationen vergiftet. Weil gerade vom offiziellen „Haus Österreich“ dieses „dunkle, vergessene Kellerabteil“ nicht wahrgenommen wird, während die, „die von der Politik in den Vergangenheitskeller gesperrt worden sind, wo sie von ihren eigenen Erinnerungen attackiert und vergiftet werden“, nicht herausfinden.

Maja Haderlap bringt sich selbst (auch das eine absolute Parallele zur Fritsch-Dramatisierung im Volkstheater) doppelt auf die Bühne, gewissermaßen die erwachsene Maja, die nach Wien „geflohen“ war, und das halbe Kind (sie ist Jahrgang 1961, ihre diesbezügliche Erinnerungen beziehen sich also hauptsächlich auf die sechziger, siebziger Jahre), das von den Erwachsenen in den Sog ihrer Geschichten gezogen werden, die sie nicht loslassen, selbst, wenn sie sie immer wiederholen. Der Roman und das Stück, zweifellos mit Herzblut geschrieben, versuchen nun die Bewältigung mit Hilfe der Sprache.

Ein einfacher Abend wird es, obwohl nur knapp zweistündig, für das Publikum wahrlich nicht. Die Großmutter, die immer wieder von ihrem Aufenthalt im Konzentrationslager Ravensbrück erzählt, schleudert dem Theaterbesucher so Entsetzliches entgegen wie die Tante mit ihren Erinnerungen, und man wird nicht geschont, man soll es hören, wie mit den Menschen in den Lagern, wie mit der einfachen Bevölkerung verfahren wurde. Der Vater, damals noch ein Bub, ein gefolterter, ist ein völlig verstörter, aggressiver Mann, der den Boden unter den Füßen verloren hat, und die Versuche der Mutter, für sich und die Tochter etwas wie Normalität zu erreichen, ja, zu erzwingen, wirken schmerzlich frustrierend.

„Chorisch“ sind die übrigen Protagonisten aufgelöst, manchmal nur Text – oft lyrischen – abliefernd, manchmal Figuren des Schreckens auch sie. So wie der Roman erreicht auch das Stück, dass man sich quasi unter dem ducken möchte, was da geschehen ist. Die Anklage aus der Distanz von Jahrzehnten ist gelungen. Wie weit wirkliche Einsicht damit erreicht werden kann – das liegt im Auge des einzelnen Betrachters.

Die Inszenierung von Georg Schmiedleitner, in einem fast surrealen Bühnenbild von Volker Hintermeier, dessen kreuz und quer hängenden Holzleisten gelegentlich von darauf montierten Leuchtstoffröhren mystisch beleuchtet werden, dazu kommen Projektionen, weiters die Musik von Matthias Jakisic, der mit Kollegen Andreas Radovan im Hintergrund der Bühne fast mit filmmusikalischer Stimmungsmalerei verfährt, schaffen einen Rahmen, in dem sich Reales und immer wieder Gleichnishaftes, auch Absurdes treffen. Wobei der Abend am stärksten ist, wenn Einzelpersonen ohne Mätzchen dastehen und ein Schicksal repräsentieren.

Naturgemäß am eindrucksvollsten ist die Großmutter der Elisabeth Orth, deren Mut zur Wahrhaftigkeit bis zu partieller Nacktheit reicht, die mit harter Stimmer und gnadenloser Beharrlichkeit um das Böse in der Welt weiß. Dagegen wäre Petra Morzé als Mutter eine Lichtgestalt, fiele ihr nicht so viel Elend zu. Gregor Bloéb als Vater ist die Gebrochenheit durch das Schicksal schlechthin. Alina Fritsch als „Junges Ich“ hat weniger Möglichkeiten als (die gar nicht alte) Alexandra Henkel als „Altes Ich“, die leider viele Passagen ihrer Rolle einfach durch undeutliche Sprache verspielt.

Sabine Haupt tritt aus dem Kollektiv, das sich um die Randrollen bemüht, in der großen Szene der Tante ganz stark hervor, Sven Dolinski (ein bisschen Verschwendung für ein solches Talent), Michael Masula, Rudolf Melichar und André Meyer verkörpern ohne individuelle Gesichter, was gerade benötigt wird.

Das ist nun kein Abend, der das Publikum im geringsten erbauen wird, der in irgendeiner Weise „gefallen“ kann. Er wird nur seinen Zweck der Erschütterung erreichen, wenn man es zulässt. Wenn nicht, dann kann ja die gute, alte Verdrängung in Kraft treten.

Renate Wagner

 

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