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WIEN / Akademietheater: EIN EUROPÄISCHES ABENDMAHL

28.01.2017 | KRITIKEN, Theater
Catrin Striebeck, Maria Happel, Sylvie Rohrer, Kirsten Dene, Frida-Lovisa Hamann, Katharina Lorenz

Catrin Striebeck, Maria Happel, Sylvie Rohrer, Kirsten Dene, Frida-Lovisa Hamann, Katharina Lorenz    Alle Fotos: Reinhard Werner / Burgtheater

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters: 
EIN EUROPÄISCHES ABENDMAHL
Szenen von Jenny Erpenbeck, Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora, Sofi Oksanen
Uraufführung
Premiere: 27. Jänner 2017  

Hätten sich am Ende nicht auch zwei Herren beim Schlussapplaus verbeugt (Bühnenbildner und Dramaturg, wie man vermuten kann), wäre es ein rein weibliches Unternehmen gewesen: eine Regisseurin inszenierte fünf Kurzszenen von Autorinnen, gespielt von sechs Schauspielerinnen. Die Aufführung ist, sagen wir es gleich  ehrlich, weit mehr eine Pflichtübung in politischer Korrektheit und Stellungnahme (was die Direktion des Hauses selbstverständlich ehrt), als ein nötiger Theaterabend. Immerhin wird Agitprop relativ sanft und mit Niveau, wenn auch ohne sonderliche Überzeugungskraft an das Publikum gebracht.

Das Thema? Hoch politisch, aus dem weiblichen Alltag geholt. Europa heute. Die Ungarin Terézia Mora lässt „Mari“ sprechen, eine ältere Frau, heute offenbar einigermaßen gesichert irgendwo in Mitteleuropa (Österreich?) ansässig, die lange als „Illegale“ viel erlebt und sich durchgekämpft hat, schließlich zur eigenen Erkenntnis von einigen Binsenweisheiten gekommen ist: „Frieden ist, wenn jeder bleiben kann, wo er will.“ Gelegentlich kümmert sie sich um den Flüchtling Hamid, aber nicht zu intensiv, und irgendwann hört sie auch damit auf… Alles hat schließlich seine Grenzen. Kirsten Dene plaudert diese knappe halbe Stunde, die Europa bei allen Einschränkungen doch noch als vergleichsweise „fürsorgliche Mutter“ bezeichnet, mit locker ironischer Distanz. Niemandem hört man im Lauf dieses pausenlosen eindreiviertelstündigen Abends, der dann zunehmend ermüdet (wie auch die Texte schwächer werden), so intensiv und interessiert zu wie ihr, die im Alltag kein Heldentum fordert.

Kirsten Dene (Mari)

Text 2 ist kurz, aber gewohnt stark, denn er stammt von Elfriede Jelinek: Die „Frau aus Österreich“ ist Sylvie Rohrer, sie hat in Frida-Lovisa Hamann Verstärkung bekommen, die beiden kriechen aus dem Boden und dem Sand wie Beckett-Heldinnen, schwenken ihre Pelzmäntel, haben ihr Blondhaar in Nazi-Frisuren-Zöpfchen geflochten und fragen sich in bekannter Jelinek-Manier, was die „Anderen“, die da herkommen, bei uns zu suchen haben.

Sylvie Rohrer , Frida-Lovisa Hamann (Frau aus Österreich)

Die Georgierin Nino Haratischwili führt uns Marusja, die Putzfrau vor, von Maria Happel mit verständlichem Grimm gespielt – da bemüht sie sich so, in der Welt der Reichen aufzufallen, hat als (absurdes) Kunststück gelernt, komplizierte Worte auszusprechen, mit denen man sie wie eine Zirkusnummer vorführen kann (und nachher gibt es Geschenke) – aber was nützt es ihr?

Maria Happel (Marusja)

Die Finnin Sofi Oksanen setzt zwei Frauen weit auseinander – die eine, die Ukrainierin Darja, soll ihre Eizelle gegen Bezahlung spenden, muss dafür aber endlose und demütigende Befragungen über sich ergehen lassen. Die andere wiederum möchte nur ein Kind: Catrin Striebeck spielt die Trostlosigkeit einer Frau, die es sich kaufen muss, Katharina Lorenz die Ratlosigkeit einer Frau, die nichts anderes zu verkaufen hat.

Ein eher überflüssiger „Drüberstreuer“ ist am Ende „Frau im Bikini“ der Deutschen  Jenny Erpenbeck, wo man von dem vorangegangenen Gerede schon so müde ist, dass man sich für die von Frida-Lovisa Hamann vorgebrachten viertelstündigen Ängste, Erinnerungen und Schlaflosigkeiten kaum mehr interessiert.

Es sind Texte, die vermutlich ihrer Banalität und Alltäglichkeit wegen ausgewählt wurden, Motto: „So ist das Leben“, aber auf dem Theater bedarf es mehr, um ein Publikum wirklich zu fesseln. Man hat den Eindruck, die im allgemeinen bewegungslos gehaltenen Damen (nur die Jelinek-Pelzmäntel dürfen ein wenig herumfegen) sagten ihre Texte von selbst auf. Regisseurin Barbara Frey betätigte sich im stummen Prolog und Epilog. Anfangs irrlichtern im Endzeit-Bühnenbild von Martin Zehetgruber (schwarzer Sand oder Schotter am Boden, ein paar „versunkene“ Möbelstücke) die Damen ziellos umher, und man weiß noch nichts mit ihnen anzufangen. Am Ende, wenn man sie kennt, stellen sie ein paar Böcke auf, legen eine Platte darüber, setzen sich an den provisorischen Tisch und beginnen sich in Zweiergruppen angeregt zu unterhalten.

Das erfüllt nicht nur den künstlichen Titel „Ein europäisches Abendmahl“, das ist auch der Augenblick, wo einem das Herz aufgeht – wenn Frauen von überall ihre Erfahrungen und Schicksale austauschen… Schade, dass nicht der ganze, vom Publikum allerdings sehr gut aufgenommene Abend so überzeugend gewesen ist. Wenn man recht gesehen hat, haben von den Autorinnen die Ungarin und die Finnin den Beifall persönlich entgegen genommen.

Renate Wagner

 

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