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WIEN / Akademietheater: DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ

15.05.2012 | Allgemein, Theater

  Foto: Burgtheater / Ruth Walz

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
Koproduktion mit den Wiener Festwochen
DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ von Peter Handke
Uraufführung: 15. Mai 2012  

„Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende. Eure königliche Hoheit verlassen es nicht heiterer. Wir sind vergebens hier gewesen. Brechen sie dies rätselhafte Schweigen.“ So beginnt bekanntlich der „Don Carlos“ von Friedrich Schiller. Schweigsam sind die beiden Darsteller, die Peter Handke für sein „Aranjuez“-Stück auf die Bühne schickt, nicht. Sie reden viel, wenn auch absolut nicht immer klar wird, was.

Apropos Bühne: Die beiden stehen auf jener des Akademietheaters, die aber in der Inszenierung von Luc Bondy vielleicht auch tatsächlich als Bühne gemeint ist. Des Autors Tochter Amina Handke, Bühnenbildnerin, rückt ein Bühnenportal mit rotem Vorhang in den Hintergrund. Also können die beiden, die da stehen, ja wohl Schauspieler (als Rolle) sein? Die Frau trägt ein Kostüm (Eva Dessecker), in dem sie in einer klassischen „Don Carlos“-Inszenierung gut und gern die Elisabeth spielen könnte. Der Mann, noch in der Unterhose, hat zumindest andeutungsweise den spanischen Kragen des 16. Jahrhunderts um. Die beiden entledigen sich der „Kostüme“ allerdings bald, die Frau springt dann luftig in einem Fähnchen von Kleidchen herum, er zieht sich oftmals um. Ob sie Schauspieler sind, die in „Don Carlos“ gespielt haben? Wer vermöchte das zu sagen? Weitere Hinweise darauf gibt es jedenfalls nicht. Vielleicht ist all das Hin und Her der Gewänder ja nur Beschäftigungstherapie zwecks Textbelebung.

Worum geht es? Von einem „Sommerdialog“ ist zwischen den beiden oft die Rede. „Das erste Mal, du mit einem Mann, wie ist das gewesen?“ fragt der Mann die Frau. Das klingt eher neugierig nach Sexgeständnissen als nach einem Gespräch über „Liebe“, wie es angekündigt wurde. Jedenfalls wird umständlich und in bunten Wortgebilden mit wenig Klarheit parliert. Handke mag Zitate mitten drin – die Frau verweist auf Blanche DuBois (Darstellerin Dörte Lyssewski ist, wie man weiß, die aktuelle Blanche des Burgtheaters, sie kennt deren tremolierende Schlussworte auswendig, es gibt sie als Draufgabe auf Englisch), und wenn die „Katze auf dem heißen Blechdach“ erwähnt wird , lässt Bondy im Hintergrund Szenen aus der Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Paul Newman laufen. Wenn es auf der Bühne nur Gerede gibt, ist man für jedes bisschen Action dankbar…

Als das Thema Liebe vorwurfsvoll ausgelutscht scheint, macht der Mann Aranjuez zum Thema, das Schloss der spanischen Könige südlich von Madrid, wo er offenbar das Haus von Arbeitern gesucht hat, aber die Casa del Labrador entpuppte sich nur als ein weiteres Schloss. Irrtum also. Später ergeht er sich in Betrachtungen über Zoologie und Botanik, wo man den Verdacht nicht los wird, hier handle es sich um eine Parodie, zumal er einen absolut riesigen Indianer-Kopfschmuck aufsetzt, um den Winnetou ihn beneiden würde. Dann erklingen Schüsse, aus der Brust des Mannes quillt reichlich Blut, und als es dann irgendwann zu Ende ist, ist er gänzlich blutbeschmiert und die Frau davon ebenso gänzlich ungerührt. Das könnte man nun vermutlich lang und breit interpretieren, aber man kann es auch bleiben lassen.

Trotz dieser „szenischen“ Bemühungen ist dieses Handke-Stück wieder einmal bestensfalls ein Hörspiel (er ist nicht der einzige, der so agiert – erst kürzlich ging Simon Stephens rein dialogisch auf die Bühne). Handke, der „Ich-verweigere-das-konventionelle-Theater“-Guru, hat erneut stolz zugeschlagen. Wenn man sich in so starken Netzwerken verankert weiß zwischen Salzburg-Festwochen-Burgtheater, kann man dergleichen leicht riskieren. Und Luc Bondy ist ein so treuer wie anbetender Regisseur, dass er auf jeden Fall alles auf die Bühne schickt, was aus Handkes Feder (Computer) kommt.

Auf der Bühne stehen Dörte Lyssewski und Jens Harzer, zweifellos ein starkes Paar, wobei man sie in der Ära Hartmann in Wien schon sehr ausführlich kennen gelernt hat, er immer noch ein seltener und umso interessanterer Gast in der Stadt ist. Sie bohrt in Handkes Text ernsthaft, er scheint das Bohren eher unernst zu unternehmen, wobei auf Wiener seine „maulige“ Sprache ganz seltsam (und stark) wirkt. Da Handke sich auf Kleinigkeiten wie Psychologie oder Entwicklung nicht einlässt, ist er verdammt schwer zu vermitteln, abgesehen davon, dass es ganze Passagen gibt, wo man einfach nur Bahnhof versteht. Da nützen auch aufreibende darstellerische Bemühungen wenig.

Fazit: Peter Handke ist ganz sein enigmatisches Selbst, Luc Bondy belässt es dabei, und die Schauspieler entfesseln alle ihre Künste, um über eindreiviertel pausenlose Stunden zu kommen, ohne das Publikum in den Schlaf zu wiegen. Es geling nicht immer. Der Dichter verbeugte sich nicht.

Renate Wagner

 

 

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