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WIEN / Akademietheater: DER TALISMAN

03.03.2013 | Allgemein, Theater

 
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters: 
DER TALISMAN von Johann Nestroy
Premiere: 2. März 2013  

Johann Nestroy ist ein hohes Gut, aber kein heiliges. Nichts ist heilig und unantastbar am Theater, das in seiner Eigenschaft als Spielwiese der Kreativen grenzenlos ist. Freilich, wenn sich diese Kreativität im Hirn des Regisseurs nur unzureichend oder gar nicht mit der Vorlage verklinkt, hat man ein Problem. So wie hier David Bösch Nestroys „Talisman“ in eine Welt irgendwo zwischen „Stallerhof“ und Nonsense versetzt, wird man ihm seine großen Sprüche im Interview – von Nestroys Einzigartigkeit und der Begeisterung über seine Sprache – nicht recht abnehmen. Davon merkt man nämlich auf der Bühne nichts.

Was man sieht, ist Regie zum Exzess, auf einer Dreck-Szenerie von Patrick Bannwart, der auch für die Lumpenkostüme zuständig ist: Erde und Gänsefedern am Boden, irgendwelche Hinterhof-Ecken, wo die Prolos wohnen, die „Haus“-Fassade dann aus kleinen Zimmerchen bestehend, die keinen anderen Zweck haben, als dass Türen zwecks Jokus auf und zugehen.

Hier wird nichts Greifbares, Erkennbares, Sinnvolles gespielt und gezeigt, schon gar nicht Nestroys Komödie der Vorurteile anhand der Rothaarigen. Das Stück ist Material, geradezu beliebiges, um eine Theaterorgie zu entfesseln, wie man sie lange nicht gesehen hat. Der pralle, böse  Einfallsreichtum in Hinsicht auf Blödigkeit ist stupend, die Umsetzung brillant. Drei Stunden lauter, stampfender Selbstzweck. Nein, trauern wir nicht um den „Talisman“, der hat nicht einmal um die Ecke geschaut… und hätte hier auch nichts zu suchen.

Denn in dieser Welt wird geredet, was man will. Es ist eine seltsame Erfahrung an diesem Abend, dass die ganz wenigen erfolgreichsten Passagen jene sind, in denen originaler Nestroy gesprochen wird, seine scharfen Aussagen in der kunstvoll gedrechselten Sprache, die den Zuschauer zum Mitdenken zwingt. Allerdings „spricht“ hier kaum jemand Nestroy, wie es gehörte, um zur Wirkung zu kommen (nicht einmal der zentrale Titus Feuerfuchs, bei dem es unabdingbar wäre, steigt von der Beiläufigkeit je zur Prägnanz auf), und das Zerfasern des Textes mit Hilfe von Alltagssprache – eine Menge ordinäres Geschimpft darunter – entfernt den Abend so weit von der Vorlage, dass es dann eigentlich völlig egal ist, was auf der Bühne passiert. Es hat mit nichts anderem zu tun als mit sich selbst.

Die Darsteller machen sich einen Jux, und Sarah Viktoria Frick als Salome Pockerl darf damit beginnen. Sie tut es im Dialog mit den Musikern, die rechts hinten sitzen und etwas wie „Heavy Metal“ hören lassen – Karsten Riedel und Bernhard Moshammer dröhnen und donnern nach Kräften. Diese rothaarige Salome im Dreckskittel ist das Punk-Geschöpf in der Dreckswelt, und wenn man reklamieren wollte, dass die Figur eigentlich kein Konzept erkennen lässt – was macht es schon aus in diesem Rahmen?

  

Johannes Krisch als Titus blödelt mit ausgeprägter Körpersprache, so geht’s im Kindertheater zu, so vermittelt man „lustig“ irgendwelche Aktionen oder Reaktionen. Einmal ein Augenblick des Innehaltens (vor seinem „Die Zeit ändert viel“-Couplet) – da begreift der Rothaarige, den niemand bisher auch nur angesehen hat, einfach nicht, wieso er mit schwarzer und blonder Perücke plötzlich dermaßen reüssiert hat, als Mensch wahrgenommen wurde: Ein würdiger Nestroy-Augenblick, aber ach, ein Augenblick nur…

Wenn man Schauspielerinnen hat, die echten Nestroy spielen können, zwei von ihnen haben es vielfach bewiesen, dann können die Rollen noch so verbogen sein, die Wirkung wird sich einstellen. Da ist Regina Fritsch als die Gärtnerin, die eine so frappierende Fülle von Tönen hat, ordinär und nasal, zutiefst bösartig und verlogen freundlich, eine Köstlichkeit. Oder Maria Happel als Kammerfrau, die ultimative Meisterin der Körpersprache, wie sie ihre Formen in ein Ledermieder presst (oder auch herausquellen lässt) und daraus viele Reaktionen ihrer Figur entwickelt. Und natürlich Kirsten Dene als Frau von Cypressenburg – sie ist nicht die lächerliche Preziöse, sondern die schlechtweg Blöde. Viele Versprecher aus Unkenntnis, die sie sich eingearbeitet hat, haben einen Hauch des wahren Nestroy – das eine oder andere könnte ihm eingefallen sein.

  

Wie ekelerregend die von Bösch entwickelte Kunstwelt ist, in der es keinen wirklichen Menschen gibt, sondern nur Zerrbilder, sieht man an André Meyer, von dessen Plutzerkern man nicht weiß, ob er als Monster aus einem Edgar-Wallace-, einem James-Bond- oder einem Sci-Fi-Film kommt. Dietmar König als Friseur gebärdet sich nicht nur wie ein Idiot, sondern gelegentlich auch wie ein Vampir (?) – wieso hätte man sonst so viel Blut um den Mund?

Da es durchaus ein Abend der akkumulierenden Widerlichkeiten ist, muss auch noch nach der Pause einiges draufgesetzt werden. Da ist es nun ein Herzhäuschen, das, wenn geöffnet, ein entsetzlich angeschissenes Klo offenbart. Salome Pockerl will daher ihr Geschäft lieber im Freien erledigen, hingehockt, Hose runter, sie wird aber immer wieder gestört, was natürlich schrecklich lustig ist.

Dann aber dreht die Gärtnerin durch, und der Abend erlebt seinen Höhepunkt: Sie will sich an Titus rächen, den sie im Klo vermutet, aber als sie mit der Kettensäge anrückt und ein klassisches Massaker veranstaltet, ist nur die Tochter der Frau von Cypressenburg drin (die mittlerweile auch gezeigt hat, dass sie unter ihrer Perücke einen Kahlkopf hat!), die sich dann die aus dem Bauch quellenden Gedärme hält… Eine solche Figur, wie Liliane Amuat es tun muss, hatte wohl noch keine Emma-Darstellerin zu spielen.

Ja, und dann taucht in dieser Welt der Phantasie (die man natürlich nicht „krank“ nennen darf) plötzlich Branko Samarovski mit Riesenbauch auf, spricht Nestroy pur und ist als Spund, dem die Dummheit nur so aus den Äuglein schaut, eine genuine Nestroy-Figur. Man möchte ihm fast zurufen: Weg da, Du bist im falschen Abend!

Wenn es dann nach Massaker und Gedärmen ziemlich schnell dem Ende zugeht, setzt der Regisseur vorsichtigerweise noch eines drauf. Denn wenn man das Publikum mit allzu vielen Scheußlichkeiten entlässt, kann es um den Schlussapplaus kritisch bestellt sein. Also gibt es nach dem bei Nestroy kurzen und bündigen Happyend noch ein Quodlibet drauf, das ein bissl vom Geld singt (dagegen ist nichts zu sagen, das ist ein zentrales Nestroy-Thema), aber dann wird es schier unglaublich lieblich. Als Titus versichert, er und Salome werden für die Vermehrung der Rothaarigen sorgen (damit sie keine Außenseiter mehr sind), springen plötzlich – „erst eine kleine Papagena…“ – sechs rothaarige Kinderlein auf die Bühne, mit Babypuppe und Babybauch für Salome sind es acht, und das ist so putzig, dass der Regisseur sich wirklich genieren sollte. (Und wenn man denkt, wie viel Geld dieser sinnlose nächtliche Kinderauftritt – die ja alle mit Begleitpersonen transportiert und honoriert werden müssen! – kostet…)

Aber die Rechnung ging auf: Das Publikum jubelte wieder einmal frenetisch (wobei für die gekonnten Jubelschreie möglicherweise Fachleute zuständig waren, vielleicht auch aus der Kollegenschaft). Nur ein paar wackere Buh-Rufer demonstrierten beim Erscheinen des Leading Teams, dass nicht jeder diese Meinung teilt…

Renate Wagner

 

 

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