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WIEN / Akademietheater: DER KOMET

09.09.2012 | Theater

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
DER KOMET von Justine Del Corte
Uraufführung
Premiere: 9. September 2012

Uraufführung einer Autorin, die gebürtige Mexikanerin und Deutsche ist und ausgezeichnet vernetzt: Eines ihrer Theaterstücke wurde von Matthias Hartmann uraufgeführt, und ihr Leib- und Magenregisseur ist Dramatiker-Kollege und zugleich Ehemann Roland Schimmelpfennig. Das hat sicher geholfen, „Der Komet“ von Justine Del Corte zur ersten Premiere der Saison im Akademietheater zu machen.

Als Anreißer ziert der Satz „Ich will ein glückliches Leben gehabt haben!“ das Titelbild des Programmhefts. Er ist typisch für die Hauptfigur Elisabeth, die antritt, einen glücklichen Tag ihres Lebens – ihren Hochzeitstag – wiederholen zu wollen. Dass dies nicht möglich ist, weiß man schon, bevor die Autorin den Beweis dafür antritt. Und, wie der Satz zeigt, geht der Heldin der Tod nicht aus dem Kopf. Er durchwirkt als Leitthema das Stück, in das dann noch an alltäglichen Konflikten und „philosophischer“ Problematik hineingestopft wird, was am Wege nur mitgenommen werden kann.

Wenn man auch als Normalmensch nicht wirklich begreift, wie jemand sich angeblich minutiös daran erinnert, was vor exakt zehn Jahren geschehen ist, so scheint das Stück doch einigermaßen realistisch zu beginnen. Elisabeth im Brautkleid, Gatte Arthur – von Beruf Herzchirurg, Spezialität: Transplantationen – ist offenbar willig, seiner Frau den Gefallen zu tun und den Hochzeitstag nachzustellen, im Freien, an einem Wald, in der Nähe eines Sees: So war es damals, als der Komet vorbeizog und man sich was wünschen durfte. Etwa, einmal ein glückliches Leben gehabt zu haben – falls man sich im Tod nämlich daran erinnert, erklärt Elisabeth. Es geht ja so allerhand in Menschenköpfen vor…

Die Exposition funktioniert, so lange die beteiligten Personen vorgestellt werden, wenn man auch nicht immer weiß, welche Stellung sie eigentlich zum zentralen Paar einnehmen. Bei Vera ist es leicht, sie ist Elisabeths verbiesterte Schwester, die ihr unglückliches Leben der Mutter (und später den „Genen“) auflädt und ihren armen Mann Nick schikaniert, der mit dem Baby-Töchterchen am Bauch (in einem jener südamerikanischen Wickeltüchern) Opfer ihrer Aggressionen wird. Gregor, zurückgekehrt aus Bangladesh (in entsprechendem Gewand) und angeblich Schriftsteller, ist offenbar ein Freund des Paares. Wie die Filmschauspielerin Anna und die Theaterschauspielerin Greta (letztere mit 17jähriger Tochter Isabel) hier zusammen hängen, klärt sich nicht, auch die ältere Unternehmerin Nane ist wohl eher eine Funktion (zynisch vertritt sie den bösen Kapitalismus) als eine echte Figur. Jedenfalls machen sie sich das Geschehen bis zur Pause untereinander aus.

Da fühlt man sich noch ein bisschen in der Mittsommernachts-Sexkomödie, zumal sich herausstellt, dass eine ganze Menge durcheinander geschlafen wurde und wird (und Busen und Penisse sind ausführlich Gegenstand der Erörterungen). Man kränzt sich – na, nicht gerade Weinlaub ins Haar, aber so perfekte Blumenkränze, dass jede Glaubwürdigkeit, diese seien selbst geflochten, lächerlich ist. Eine Torte kommt auf den Tisch (sich erst hineinzusetzen, dann jemandes Gesicht hineinzutauchen – kann man das allzu Offensichtliche nicht vermeiden?), und man hat nicht umsonst ein ganzes Schaff mit Weinflaschen auf die Bühne geschleppt: Es wird getrunken (gesoffen), was das Zeug hält.

Aber das reicht nicht, und ganz schnell stellt sich heraus, dass der Autorin nach der Exposition die Ideen ausgehen: Die Handlung schleppt sich in Einzelszenen dahin, die kaum witzig sind, und die eindreiviertel Stunden bis zur Pause ziehen sich infolge mangelnder Notwendigkeit des Gesehenen gewaltig. Dann der Paukenschlag: Was bisher vom Realismus schon in die Skurrilität geschwankt ist, gewinnt schlagartig die Qualität des Surrealen, wenn Lothar auftaucht, der aber eigentlich schon tot ist. Und rasch springt noch eine Dame ins Geschehen – es ist zwar nicht die oft besprochene Äthiopierin, die vor zehn Jahren Gregors Freundin war, aber seine jetzige: Sie leitet ein Altenheim. Pause

Danach ist schlagartig alles anders – so, wie sie in trübem Rotlicht, mit Blumenkränzen im Haar am Tisch sitzen, mit den Beinen rhythmisch stampfend, soll man wohl in irgendeiner Art von Zwischenwelt sein, am Ende gar antike Rituale ansprechen. Nun löst sich alles auf, die Situation entgleitet ins Chaos, Gedankenfetzen zu allen möglichen Themen fliegen durcheinander. Schauspielerin Greta muss einen unsäglichen Monolog halten, der mit Zyklon B beginnt und über die Gnadenlosigkeit unserer Welt zu den Leiden eines Hotdog führt, wo das immer trockener werdende Brötchen nicht den Senf vom Würstchen abbekommen will oder so ähnlich. Wer dergleichen für tiefsinnig hält, ist selbst schuld. Das Stück, das sich am liebsten in Welttheaterdimensionen aufplustern will, zerbröselt im Grunde in Belanglosigkeit…

Roland Schimmelpfennig hat mit eigener Bühnenbildlösung („echter“ Baum mit viel Laub, Heurigenbank, am Ende Regen) alles getan, um eine attraktive äußere Form des Geschehens zu finden, die anfangs auch anheimelnd funktioniert – bis man merkt, wie wenig dahinter steckt, und einem das Ganze schlechtweg zu dumm wird. Die Darsteller haben es nicht leicht, weil die wenigsten Figuren mit wirklicher psychologischer Konsequenz durchgeführt sind. Sylvie Rohrer etwa muss sich mit den hektischen Ausbrüchen und den Lebenslügen der Elisabeth sattsam plagen, und Fabian Krüger als Arthur, der Frauenheld (der zwischendurch immer wieder mal mit einer Dame an den See verschwindet, um seitenzuspringen, wie er es schon vor zehn Jahren an seinem Hochzeitstag getan hat), bekommt wenige Möglichkeiten für eine ausgefeilte Leistung, muss vielmehr unzusammenhängende Willkürakte bieten. Schade um einen so exzellenten Schauspieler.

Das gilt auch für Corinna Kirchhoff als Schauspielerin Greta, die mit dem furchtbaren Monolog im zweiten Teil belastet ist und, was sie mit rollendem Pathos begann, am Ende nur noch zermurmelte. Besonders bedauernswert Dorothee Hartinger als die Filmschauspielerin Anna, denn selbst wenn Autorin und Regisseur diese Spezies Frau für so unsäglich dumm halten sollten – es bringt sich wirklich mühselig herüber. Sabine Haupt muss ununterbrochen zicken, Barbara Petritsch als brummige Kapitalistin darf anfangs trockene Pointen setzen, wird am Ende völlig irrational in ihrem Verhalten. Was die Figur der Altenpflegerin soll, von Petra Morzé präsent gemacht, erschließt sich einfach nicht. Dass Anna Drexler als 17jährige Isobel die Funktion hat, für eine Jugend mit Ideen der Weltverbesserung zu stehen – ja, das wird klar.

Neben Arthur gibt es nur wenige Herren im Geschehen: Peter Knaack als Baby-Vater, Theologe und Prügelknabe, Martin Reinke als angeberischer Versager, schließlich Martin Schwab als die znepfte auferstandene Leiche, die besonders viel Blödsinn von sich zu geben hat. Und das Ganze zieht sich über dreieinviertel Stunden lang.

Fazit: Sowohl der Unterhaltungswert wie der intellektuelle Erkenntniswert des Abends sind gering. Das Publikum jubelte dennoch, als hätte es ein Meisterwerk gesehen.

Renate Wagner

 

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