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WIEN / Akademietheater: DAS FLIEGENDE KIND

04.02.2012 | Theater

 

Ensemble / Barbara Petritsch  (Fotos: Barbara Zeininger)

 WIEN / Akademietheater des Burgtheaters: 
DAS FLIEGENDE KIND von Roland Schimmelpfennig
Uraufführung
4. Februar 2012 

Die Geschichte ist – und das ist man von Roland Schimmelpfennig eigentlich nicht gewöhnt – extrem simpel. „Das fliegende Kind“ spielt in einer großen deutschen Stadt. Wir sind in der Kirche, die Schulkinder singen im Chor, anschließend werden sie für das Laternenfest umherziehen. Die Eltern sind pflichtgemäß da, aber nervös – Mama möchte eigentlich mit dem Nachbarn schmusen, Papa wird von einer Brasilianerin erotisiert, die Vorträge über den Regenwald hält, und will so schnell wie möglich zu ihr. Er hüpft, Frau und Kinder zurücklassend, in sein neues schwarzes Luxusauto, mit dem er sich noch nicht auskennt, fährt bei brüllender Musik, die er nicht abstellen kann, ohne Licht, das er nicht anstellen kann, in den Abend hinein, und er bückt sich auch noch während der Fahrt (ist ja eine Automatik, die macht das schon allein) unter den Nebensitz, sein weggerutschtes Handy zu suchen. Er merkt gar nicht, was geschieht, ihn ärgert nur, dass er die Brasilianerin nicht vorfindet. Zu Hause sitzt seine Frau mit erstarrtem Gesicht – der kleine Sohn ist überfahren worden, von einem riesigen schwarzen Auto, das nicht einmal angehalten hat. Am nächsten Morgen steht das riesige schwarze Auto des Gatten vor der Tür…

So melodramatisch, so simpel – und so kompliziert erzählt, wie man es sich nur ausdenken kann. Wobei man immer wieder das Gefühl hat, Schimmelpfennig hätte sich eigentlich im Genre geirrt. Denn was er mit sechs Stimmen, drei Frauen, drei Männern bietet, ist eigentlich ein Hörspiel – sie alle „erzählen“ die Geschichte in einer so überbordenden wie schlichten Wortoper, spielen sie nicht wirklich, stellen sie bestenfalls hin. Aber der Regisseur heißt auch Roland Schimmelpfennig (auf einer Bühne, für die Johannes Schütz nur sechs Sessel und drei Glocken beistellen musste, ob die diversen Laternen den Kostümen von ihm und Lane Schäfer zuzurechnen sind, wer weiß das schon) – und dieser Regisseur entfesselt zu dem Text des gleichnamigen Autors eine gewaltige Show.

Das ist ein Slapstick-Virtuosenstück, wenn die sechs teils im Chor, teils als verschränkte Einzelfiguren, immer geradezu choreographisch geführt, bis zum Erbrechen die Kinderlein spielen und vor allem singen, wobei (wie von ihm sattsam bekannt) Wiederholungen bis zum Schluss als ein Stilmittel des Autors fungieren, das wahrlich geeignet ist, einem Zuschauer, der weder naiv noch masochistisch ist, sämtliche Nerven zu ziehen. „Nicht noch einmal!“ möchte man flehen, aber sie singen’s, sie spielen’s noch einmal… Und reißen eine Klamotte runter, die sich gewaschen hat.

Da werden die Ehebrüche angedeutet, da sind die drei Herren auch als Kanalarbeiter in tiefster Tiefe der Stadt zu finden, wobei irgendwelche bedeutungsschwere Gleichnisse gebracht werden, zu denen man gerne eine Erläuterung hätte („Und was will der Dichter uns sagen?“), da darf einer der Herren unter dem Kirchendach immer wieder die Glocken gewaltig zum Tönen bringen…

… ja, und da kommt in dem ganzen Wahnsinn plötzlich und unvermutet, gespielt von einer der Darstellerinnen, eine ganz stille, seltsame poetische Szene. Der überfahrene Junge, das „fliegende Kind“, ist nämlich hier im Gesimse der Kirche gelandet, als er so unsanft durch die Luft flog (von Papas Luxuswagen eliminiert) – und bevor er dann gänzlich den Abflug nach drüben macht, plaudert er noch ein bisschen mit dem Glockenzieher über das Leben, das er nicht mehr haben wird, und was wohl die Ewigkeit sei. Für diese Szene kann man dem Stück einiges verzeihen, das am Ende dann vom Klamauk zum bedeutungsschweren Requiem wird, das sich so sentimental aufplustert („Im Rinnstein ein einzelner Schuh…“) wie es sich anfangs unerträglich klamottig aufgeschaukelt hat.

Was täte Schimmelpfennig ohne sein aufopferndes Darsteller-Sextett, die alles spielen, auch die Urwaldgeräusche im Vortrag der Brasilianerin? Und die ihre Wiederholungen mit so vielen Nuancen abspulen, dass man sich sagt: Na gut, höre ich mir den Satz noch einmal ein – einmal von Christiane von Poelnitz,  einmal von Regina Fritsch, einmal von Barbara Petritsch (sie ist der kleine tote Junge im Gebälk der Kirche, einfach und hinreißend). Oder von Peter Knaack, von Falk Rockstroh, von Johann Adam Oest (er ist der Glöckner oder Küster, wie man es nennen darf, und als solcher berührend, wenn er einmal vom Erzähler zur Figur werden darf). Ein Sextett, das zwar keinen Autor gefunden hat, aber all seine beträchtlichen Künste aufbietet, das vergessen zu machen.

Das Publikum, teilweise mit Sicherheit so gelangweilt wie ich, klatschte zwar brav wie immer im Burgtheater, aber so richtig zerspragelt hat es sich mit dem Jubeln diesmal nicht. Auffallend war die Abwesenheit der üblicherweise herumwieselnden Fernsehkameras und –Teams: Haben die ewig gleichen, monoton auf einander folgenden Schimmelpfennig-, Pollesch- & Co. Uraufführungen ihren medialen Reiz eingebüßt? So virtuos dieser Abend gemacht sein mag, als Selbstzweck ist er zu wenig – und vom Inhalt her überzeugt er kaum davon, dass man sich für ihn interessieren müsste.

Renate Wagner

 

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