Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Akademietheater: BELLA FIGURA

03.04.2016 | KRITIKEN, Theater

20160401_112130_Auto an der Riviera
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters: 
BELLA FIGURA von Yasmina Reza
Österreichische Erstaufführung
Premiere:  3. April 2016 

Nach „Kunst“ hat gerade noch „Der Gott des Gemetzels“ so einigermaßen „hingehaut“, um es umgangssprachlich auszudrücken. Was Yasmina Reza dazwischen und danach geschrieben hat, in großer Menge und nach bewährtem Muster (einfache Stücke, möglichst wenige Personen, immer komisch-satirisch auf die Psychologie einer Yuppie-Gesellschaft hinzielend), ist nicht der Rede wert. „Bella Figura“ vielleicht noch weniger als andere ihrer Versuche.

Dennoch sieht man das Stück nun im Akademietheater, alle Vorstellungen sind schon vor der Premiere ausverkauft, zu der sich das Publikum drängte, auf Restkarten wartete, als hätte man ein Ereignis zu erwarten gehabt. Der Grund ist wohl simpler: Weil man erstens sicher ist, sich bei Yasmina Reza zu unterhalten, und weil zweitens Schauspieler aufgeboten sind, wie man sie im Burgtheater nicht täglich so komprimiert geboten bekommt. Und Direktorin Karin Bergmann hat ihr Versprechen, strikt modernes Theater zu machen, nicht ernster gemeint als die Verpflichtung, wenigstens ein paar Stücke im Repertoire zu haben, die auf jeden Fall ausverkauft sind…

Was erlebt man also in „Bella Figura“? Die Pointe zuerst ist das Bühnenbild (Stéphane Laimé): irgendeine französische Küstenstraße, im Hintergrund das Meer, im Vordergrund ein echtes gelbes Kabrio. Das ist ein Lacher. Und dass ein Paar sich streitet – für den Zuseher eine behagliche Situation (Motto: Nicht nur ich habe Beziehungsärger, die auf der Bühne auch). „Er“ möchte eigentlich gleich ins Bett, bietet aber großzügig an, vorher noch essen zu gehen, in ein schönes Lokal, das ihm seine Frau empfohlen hat. Und „sie“, die moderne Geliebte, ist offenbar nicht so souverän, wie man es ihr nachsagt – diese Andrea schnappt ein. Will ihren Boris, der sich sicher nie scheiden lässt, eifersüchtig machen, berichtet ihm (ob’s wahr ist oder nicht, erfahren wir nie) von einem jungen Geliebten. Als er ihr erzählt, dass er geschäftlich am Ende ist, mag sie gar nicht zuhören – eher unsympathisch, die Dame, ihr Motto scheint ausschließlich zu sein: Wie mache ich möglichst viel Ärger?

Ganz „lustig“ soll es sein, wenn Boris mit dem Wagen zurückfährt und eine alte Dame niederstößt. Gott sei Dank, nichts passiert. Diese Madame Blum ist mit Sohn Eric und dessen Gefährtin Francoise unterwegs, um ihren Geburtstag im Restaurant zu feiern. Und siehe da, sie kennen sich – ist Francoise doch, peinlich, peinlich, die beste Freundin von Boris’ Frau. Anfangs funktioniert der höfliche Austausch der Pärchen gerade noch, ist Madame Blum doch Kennerin aller Medikamente und Andrea von Beruf Apothekerin…

Die „Bella Figura“, die gesellschaftliche Fassade, die im Titel steht, ist aber eigentlich kaum das Problem der Geschichte – denn Francoise hat schnell beschlossen, ihrer Freundin zu erzählen, dass sie deren Gatten mit der Geliebten überrascht hat, und Andrea hackt (es kommt ihr nicht darauf an) nach allen Regeln der Unfreundlichkeit zurück. Von da an will Yasmina Reza nur (und wie sehr sie das kann, hat sie mehrfach bewiesen) die Peinlichkeit der Situation auspendeln, holt die Protagonisten dazu ins Klo (wo Boris und Andrea in Beischlaf-Umschlingung von der alten Frau Blum und dann den anderen ertappt werden), viele Bösartigkeiten gehen hin und her, während wieder kreuz und quer Bündnisse geschlossen werden – und das alles ist so schreiend uninteressant, dass man nicht weiß, warum man sich das ansehen soll.

20160401_die Zwei am Klo  20160401KirstenDene solo

„Schauspieler-Stücke“ sagt man entschuldigend, wenn es um Yasmina Reza geht. Aber was gibt es hier schon? Zwei Frauen, die zicken und giften dürfen, nicht viel mehr. Zwei Männer, die so am Rande bleiben, dass sie einem kaum auffallen (und das bei der hier gebotenen Besetzung!). Und dass man Pointen und primitive Lacher mit Hilfe einer halb debilen alten Frau gewinnt, das erinnert an die brutalen Zeiten der alten deutschen Schwänke. Wie politisch korrekt ist das? Was man heute alles nicht einmal erwähnen darf, Hautfarben, Zugehörigkeiten, Minderheiten, ohne dass Shitstorms ausbrechen und schwere gesellschaftliche Strafen verhängt werden – und die Alten sind Freiwild? Peinlich.

Regisseure arbeiten gern mit denselben Schauspielern, verständlich, ist ja schließlich eine Frage der Wellenlänge, die nicht mit jedem funktioniert. Caroline Peters ist für Dieter Giesing so wichtig, dass er für sie eine Männerrolle in dem Männerstück „Professor Bernhardi“ auf weiblich umgeschrieben hat. Hier spielt sie die Andrea (im „nuttigen“ Outfit von Janina Audick glänzende Figur machend), aggressiv und provokant, andere Eigenschaften erkennt man in ihr eigentlich nicht. Erinnert man sich an andere ihrer Leistungen, in „Borkman“, in „Onkel Wanja“, hat man das Gefühl, dass ihre Figuren alle gleich klingen. Dass man die Andrea so gern haben könnte, wie es der Regisseur geschafft hat (nachzulesen im „Presse“-Interview) – das passiert dem Publikum nicht. Da fehlen entschieden noch ein paar Nuancen. Und es scheint, als habe Dieter Giesing mehr schlicht vom Blatt inszeniert, als tiefer geschürft – obwohl, zugegeben, nicht allzu viel zu finden gewesen wäre. Aber ein bisschen vielleicht.

Ein großer Teil des Publikums wird in den Abend kommen, um endlich wieder einmal Kirsten Dene zu sehen, die sich rar macht oder, wenn man ihr etwa in „Der Macht der Finsternis“ begegnet, sich selbst so gar nicht gleicht. Hier erkennt man in dem selbstironischen Muttchen durchaus (die geliebte) Kirsten Dene, die sich in ihre eigene Welt verbohrt und nicht mehr von der richtigen Welt ist, durch geistige „Abwesenheit“ ihre Pointen setzt, aber ihre Berliner Kollegin (Lore Stefanek) hat gezeigt, dass man die Rolle um einiges gespenstischer spielen kann. (Wie überhaupt Thomas Ostermeiers Inszenierung 2015 an der Berliner Schaubühne mit Nina Hoss und Mark Waschke um einiges differenzierter erschien, was die Figuren betrifft.)

Sylvie Rohrer ist die moralische Entrüstung, das unglaubliche schauspielerische Potential des Joachim Meyerhoff bleibt ungenützt, weil er zwar viele Nuancen bringt, aber den doppelt (privat und beruflich) belasteten Mann nicht wirklich emotional greifbar macht, und Roland Koch gibt mit Bart einen Schnösel.

Schließlich hat man sich „nur“ eineinhalb Stunden lang (gefühlt: viel, viel länger) mit ihnen gelangweilt, ist am Ende so klug als wie zuvor, der Vorhang zu und alle Fragen offen – aber gab es da überhaupt Fragen?

Natürlich gab es viel Beifall. Solche Schauspieler bejubelt der Wiener immer, auch wenn sie unter ihren Möglichkeiten bleiben.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken