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WIEN / Akademietheater: BEGIN THE BEGUINE

02.03.2014 | Theater

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Fotos: Burgtheater / Reinhard Werner

WIEN / Akademietheater:
BEGIN THE BEGUINE von John Cassavetes
Uraufführung
Premiere: 1.März 2014 

Im Hintergrund ein Bild in Schwarzweiß, drei lachende Männer um die 40: Peter Falk, Ben Gazzara und John Cassavetes in dem Film „Husbands“ von 1970, geschrieben und inszeniert von John Cassavetes, der auch neben den beiden anderen eine Hauptrolle übernahm. Heute werden die meisten Leute vermutlich nur den Mann links erkennen, „Columbo“ Peter Falk, weil dessen Abenteuer nicht zuletzt vom ORF immer wieder gezeigt werden. Cassavetes und Gazarra haben sich stets abseits des Hollywood-Mainstreams bewegt, das war Autorenkino, auch wenn Cassavetes es in manchem Streifen mit seiner Gattin Gena Rowlands etwas „populärer“ gab.

Einen Film, der „Begin the Beguine“ hieße (nach dem gleichnamigen Cole-Porter-Schlager), mit Falk und Gazzara in den späten 80er Jahren gedreht, könnte man sich vorstellen. Der Versuch, das 1987 liegen gebliebene Werk (Cassavetes starb 1989, Falk und Gazzara in den letzten Jahren) nun aus der Distanz von mehr als einem Vierteljahrhundert auf die Bühne zu stemmen, misslingt bei der Uraufführung im Akademietheater kläglich.

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Foto: Columbia Pictures

Vermutlich ist es eine Mentalitätsfrage – und dass Cassavetes doch eher filmisch dachte als „theatralisch“. Denn die Geschichte der beiden einsamen, alternden Männer, die versuchen, sich das Leben mit Hilfe von Nutten erträglich zu machen, ist weniger auf Psychologie als auf filmische Effekte angelegt. Tatsächlich erfährt man von den beiden Männern minimal wenig, außer dass sie nach gescheiterten Beziehungen nun irgendwo in einer öden Wohnung irgendwo am Meer gelandet sind – Amerikaner in Europa vermutlich.

Ihre Begegnungen mit den verschiedenen Nutten, die immer von denselben beiden Frauen gespielt werden, zeigen sie zwar schwankend zwischen verschiedenen Positionen – um Liebe wimmernd oder einfach nur auf Sex und Jux gepolt -, aber es gibt weder eine einsichtige Entwicklung des Geschehens noch irgendein Ergebnis, eine Erkenntnis, eine tiefere Sinnhaftigkeit. Ein großes „Na und?“ schwebt über dem Theaterabend.

Hätte Cassavetes das mit Falk und Gazzara inszeniert, wäre wohl eine irrwitzige Story des Balancierens über dem Abgrund daraus geworden. Dem kommt Jan Lauwers nicht einmal in die Nähe, wenn auch die beiden Damen, die er von der Arbeit mit seiner Needcompany mitgebracht hat, etwas von der nötigen Schrille mitbringen. Aber gerade im Fall der Koreanerin Sung Im Her bewegen sich ihre Nutten-Studien am Rande der Widerlichkeit, während die Belgierin Inge Van Bruystegem es doch mit etwas mehr Anstand hinter sich bringt.

Beide Damen lassen die Kleider fallen und zeigen ihre tadellosen Figuren ausreichend, um den Abend für Voyeure und Geilspechte interessant zu machen – aber nur für diese. Wobei Inge Van Bruystegem wenigstens die meiste Zeit Deutsch spricht, Sung Im Her hingegen fast ausschließlich Englisch – und da die „Übertitel“ so gut wie nicht zu lesen sind, wird das möglicherweise viele Theaterbesucher in der Verständlichkeit des Gesehenen beeinträchtigen.

Nicht, dass es darauf ankäme, um die Wahrheit zu sagen – das ganze Unternehmen ist so nichtig, dass man sich wirklich fragt, warum das Burgtheater Zeit und Geld auf dieses Projekt verschwendet. (Allerdings offenbar nicht so viel Geld wie für den Handke im Kasino, aber ähnlich überflüssig.)

Niemand wird die Persönlichkeiten und Fähigkeiten von Falk Rockstroh und Oliver Stokowski schmälern, aber so interessant, dass sie den Abend tragen, werden ihre Figuren nicht – Männer, die nichts mit sich anzufangen wissen. Ganz selten blitzt ein bisschen Tragik auf. Selten sind sie wirklich komisch. Arthouse-Kino. Nicht Theater.

Regisseur Jan Lauwers putzt das mangelnde Geschehen immer wieder mit Videosequenzen auf – wenn die Damen sich im Hintergrund umziehen, darf man ihnen auf großer Leinwand dabei zusehen. Video bei Handke, Video hier und wenn Castorf nächstens ohne Video auskommt (was man sich eigentlich nicht vorstellen kann), käme man glatt um den Hattrick…

Es sind ermüdend leere zwei Stunden ohne Pause. Natürlich will man von Seiten des Burgtheaters, wenn man mit Lauwers einen „Artist in Residence“ hat (vielleicht könnte man hier sparen statt bei Samel und Kirchhoff???), diesem auch Möglichkeiten einräumen. Aber die Produktionen sollten vielleicht auch Sinn machen.

Renate Wagner

 

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