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WIE ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE

30.05.2012 | FILM/TV

Ab 1. Juni 2012 in den österreichischen Kinos
WIE ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE
Deutschland  /  2012 
Regie und Drehbuch: Maria Blumencron
Mit: Hannah Herzsprung, Lucas K. Peterson, David Lee McInnis u.a.

Das ist der richtige Film zum kürzlich erfolgten Dalai Lama Besuch in Wien, denn er zeigt, was dieser Mann, der seine Heimat vor einem halben Jahrhundert verließ, für die Tibeter noch immer bedeutet, als Hoffnungs- und Integrationsfigur gleicherweise. Für die chinesischen Besatzer ist er der Todfeind: „Don’t mention the Dalai Lama“ ist ein guter Rat, den man Tibet-Besuchern geben kann.

Europäer, die nach Tibet kommen, werden sich emotional automatisch auf die Seite der unterdrückten Bevölkerung wieder finden, zumal die Chinesen keinen Hehl daraus machen, wie sehr sie bemüht sind, Tibet von dem zu säubern, was Tibet ausmacht – die Religion, die Kultur, ja, auch die Menschen.

Da man es sich mit der Wirtschafts-Weltmacht China nicht verscherzen will, hält die übrige Welt den Mund (und Österreichs Bundespräsident hält es für angebracht, den Dalai Lama nicht zu empfangen – man weiß ja nie, und im Zweifelsfall hält man sich nicht bei den Schwächeren auf).

Die österreichische Schauspielerin und Filmemacherin Maria Blumencron hat ihr Herz schon lange an Tibet verloren und einige Dokumentarfilme über das Land gedreht. Nun versucht sie, mit ihrem ersten Spielfilm zum Thema ein breiteres Publikum zu emotionalisieren. Dass sie den Himalaya, in dem sich ihre Heldin umtut, nur von der indischen Seite gefilmt hat, versteht sich. Aber man sieht den Unterschied nicht – das gewaltige Bergmassiv ist das gewaltige Bergmassiv.

Maria Blumencron betont, dass das Schicksal ihrer Heldin Johanna, einer Medizinstudentin aus Berlin, quasi das ihre sei – wie diese hat sie sich an Ort und Stelle für das Schicksal der tibetischen Kinder engagiert, die von ihren Eltern vielfach allein mit einem Schlepper über die Berge nach Indien geschickt werden, um im Umkreis des Dalai Lama bessere Lebensmöglichkeiten zu finden.

Der Film beginnt – eher simpel, man muss es zugeben – mit lachenden tibetischen Kindern, die Drachen steigen lassen. Ein Schuss – ein Junge fällt tot um. Die Mönche des Klosters  stecken die Köpfe zusammen: Die Chinesen suchen den „Golden Boy“, die Reinkarnation des Dalai Lama, den nächsten „Herrscher“ des Landes. In diesem Fall haben sie den falschen erwischt.

Währenddessen wandert eine Rucksacktouristin, die eigentlich nur zum Bergsteigen gekommen ist,  auf den Landstraßen Tibets – sie wird, gewichtig genug, von Hannah Herzsprung gespielt, die hier allerdings nicht viel mehr tun kann und darf, als mit tiefer, erschütterter Betroffenheitsmiene herumzugehen. Denn was sie erlebt, ist wahrlich schrecklich – von den erfrorenen Kindern in den Bergen, die die Flucht nicht geschafft haben, bis zu den brutalen chinesischen Soldaten, die das, was sie den „tibetischen Widerstand“ nennen, mit Brutalität, Folter und Tod bekämpfen. Die deutsche Heldin mitten drin, schnell für die Schwachen engagiert.

Der Film erfüllt, man muss es sagen, manche Klischees. Da ist zum Beispiel der „böse“, aber elegante und gebildete chinesische Offizier, der sich mit seiner deutschen Gefangenen geschliffene Wortgefechte liefert (wie mancher  böse Nazi im Kino) und – damit sich die Autorin nicht gänzlich nachsagen muss, bloß in schwarz-weiß-Manier zu verfahren – auch die chinesischen Angriffe gegen den Dalai Lama vorbringen darf, den zu diskreditieren ja immer wieder versucht wurde (ein ausbeuterisches Terrorregime im Namen der Religion usw.). Immerhin erfüllt der amerikanische Schauspieler Lucas K. Peterson (offenbar ein asiatischer Mischling) die optischen Voraussetzungen für einen attraktiv schillernden und solcherart kinogerechten Bösewicht, und auch David Lee McInnis (laut Internet eine deutsch-irisch-koreanische Mischung) sieht gut genug aus, um als tibetischer Schlepper fast so etwas wie ein Love-Interest der Heldin darzustellen – und wenn er sich anfangs grob und rüde gibt, so hat er doch ein Herz von Gold: Er schneidet sich schmerzlich für jeden Flüchtling, den er verloren hat, eine Narbe in den Körper …

Gute, arme, verfolgte Tibeter (man zweifelt nicht, dass es so ist), die nur in seltenen Fällen ein Gewehr nehmen und zurückschießen, böse und brutale Chinesen – nein, China wird keine Freude an diesem Film haben. Und zwischendrin die Heldin, immer am Sprung, Kinder zu retten, wacker durch die Berge, wacker im Widerstand. Am Ende ist die Verfolgung ein bisschen langwierig, das Happyend erlöst von dem Kinodruck, der da aufgebaut wurde.

Ja, es ist zweifellos eine wahre Geschichte (und man möchte nicht, wie viele, der Filmemacherin unterstellen, dass das Heldentum, das sie sich da durch ihre Hauptdarstellerin anschminkt, reine Fiktion ist). Aber, wie das schon so ist –  am Ende bleibt ja doch die Erkenntnis: Wenn man eine herzbewegende Geschichte erzählen will, muss man es entsprechend schlicht tun, um auch ein Publikum zu erreichen, das der Fakten nicht detailliert kundig ist. Das ist hier geschehen – mit der Konsequenz, dass es zwischen Gut und Böse recht einfach herläuft. Schwere Problematik in gefällige Kinotunke getaucht.

Renate Wagner

 

 

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