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WIE GOSSARTIGE MUSIK ENTSTEHT…

10.09.2012 | buch

John Axelrod:
WIE GROSSARTIGE MUSIK ENTSTEHT… ODER AUCH NICHT
Ansichten eines Dirigenten
200 Seiten, Bärenreiter HENSCHEL, 2012

Auf den ersten Blick wirkt das Thema etwas trocken und akademisch: Hier geht es um Orchester und Dirigenten, um die heutige Situation, mit Rückblick auf historische Entwicklungen. Aber die Lektüre erweist sich als höchst interessant und aufschlussreich, man erfährt weit mehr, als man in seiner Eigenschaft als Konzertbesucher, selbst bei tiefer schürfendem Interesse an der Szene, zu erkennen vermag.

Wer ist der Autor dieses Buchs, das sich vorgenommen hat, dem Normal-Musikfreund, der keine hochtrabenden Analysen, sondern einsichtige Erkenntnisse lesen will, zu erzählen „wie großartige Musik entsteht… oder auch nicht“: Der 46jährige John Axelrod steht zwar nicht in der ersten Reihe der großen Dirigenten unserer Tage, aber er blickt auf langjährige und vor allem vielfältige Erfahrungen zurück. Ca. 150 Orchester hat er dirigiert und wachen Auges und Ohrs beobachtet. Da akkumulieren sich Einsichten, und diese sind erlebt, beobachtet und werden teilweise klug analysiert.

Axelrod, der bei Bernstein, in Havard und in St. Petersburg studierte und auch einige Jobs in der Musikbranche hatte, bekleidete Chefpositionen in Polen und in Luzern, ging mit Lang Lang auf Tournee, ist derzeit Erster Dirigent des Orchestra Sinfonica di Milano „Giuseppe Verdi“ und hat sich vor allem in Europa ausreichend umgetan, um hier auch – mit dem Blick des Außenstehenden – die nationalen Unterschiede festzumachen.

Das ist nicht zuletzt deshalb ganz erheiternd, weil er schwört, dass die klischierten Vorstellungen im allgemeinen stimmen – dass die Schweizer gewissenhaft, aber nicht sehr leidenschaftlich seien, die Italiener leidenschaftlich, aber nicht sehr gewissenhaft, die Engländer bravourös oberflächlich und die Franzosen problemfixiert (und im übrigen dem Motto verpflichtet: Verlange mehr und arbeite weniger). Solche Dinge zu behaupten, ist nicht unbedingt politisch korrekt, und Axelrod weiß sehr wohl, dass ein Buch wie das seine ein Eiertanz ist, denn es werden unangenehme Dinge, die vielleicht auch Wahrheiten sind, gesagt – und er will ja auch weiter im Geschäft bleiben…

Aus den nationalen Eigenschaften, an denen sicher etwas dran ist, folgt, dass man sich als Dirigent besser auf die jeweiligen Eigenheiten einstellt, oder man wird scheitern. Axelrod hat immer wieder Geschichten parat, die äußerst signifikant sind, etwa wie Karajan (von Szell eingeladen – einmal und nie wieder!) die Clevelander total verstörte, als er mit seinem autoritären Wiener-Berliner Führungsstil vor die Amerikaner trat, ohne sich auch nur eine Sekunde zu fragen, wie diese zu arbeiten gewohnt waren… Die emotionale Intelligenz, sich überall anzupassen, sagt Axelrod beispielsweise Valery Gergiev nach, und dessen Erfolge allerorten sprechen wohl auch dafür. Und dass Bernstein „die Sprache der Wiener“ sprach, hat nicht zuletzt zu den Mahler-Triumphen geführt.

Axelrod erzählt viele Dirigenten-Geschichten, berichtet darüber hinaus über die Psychologie von Orchestern, die heutzutage erstens multikulti sind und zweitens immer schon äußerst schwierig zu behandeln waren, da man es mit selbstbewussten Individuen zu tun hat, unter denen möglicherweise heftige Spannungen herrschen. („Wer auch immer behauptet, Orchester seien ein Muster an Geschlossenheit und Disziplin, der hat vermutlich immer nur CDs gehört und nie einer Orchesterprobe beigewohnt.“) Da haben sogar die verschiedenen Instrumentengruppen verschiedene Charaktereigenschaften – auch das liest sich amüsant.

Man kann aus diesem Buch jede Menge Information holen, soll es aber wiederum nicht zu bierernst nehmen (so ist es auch nicht gemeint). Letztendlich dient es, das soll schon gesagt sein, auch der persönlichen Eitelkeit des Schreibers: Nicht nur, dass er bei jeder Gelegenheit betont, was „Lenny Bernstein“ zu ihm sagte. Axelrod stellt auch immer wieder fest, Jude und aus Texas zu sein, wohl um alle Einwände vorwegzunehmen – Texas ist nach der Bush-Präsidentschaft wohl nicht mehr so attraktiv wie zur Zeit des „Giganten“-Films mit James Dean, und als Jude erfährt man den Antisemitismus heutzutage noch immer, wenn auch eher hinterrücks – warum man denn ausgerechnet „Kaddish“ von Bernstein spielen müsse, räsonierten zwei Schweizer Orchestermusiker untereinander. Schließlich meinte einer: „Das kommt eben dabei raus, wenn man einen Juden als Dirigenten hat.“

Viele interessante Fakten, amüsante Geschichten (Mark Twain in Bayreuth: „Ich fühle mich wie der einzige Gesunde in einer Gemeinschaft von Verrückten“), treffende Anekdoten, freche Witze – hoffen wir, dass Axelrod sich mit dem Buch nicht so viele Feinde macht, wie er Leserfreunde gewinnen kann.

Renate Wagner

 

 

 

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