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WER KILLTE RABBI JESUS?

14.02.2012 | buch

Theodor Much:
WER KILLTE RABBI JESUS?
Religiöse Wurzeln der Judenfeindschaft
128 Seiten, Verlag Kremayr & Scheriau, 2012 

Pontius Pilatus, römischer Statthalter in Judäa, wusch seine Hände in Unschuld und ließ die jüdischen Hohepriester walten: Sie verurteilten den Wanderprediger Jesus zum Tod am Kreuz und hofften damit, eine stete Belästigung nachhaltig aus dem Weg zu schaffen…

So war es damals, der allgemeinen Übereinkunft nach, und die meisten Menschen glauben das noch immer. Selbstverständlich machte das die Juden zu den „Christusmördern“ (Christus, von dem man zu gerne vergisst, dass er Jude war) und war solcherart die Grundlage für den religiösen Antijudaismus, der später in den politischen Antisemitismus übergegangen ist, dessen verheerende Folgen im Dritten Reich grauenvoll kulminierten.

Dabei haben die Juden gar nicht den Tod des Rabbi Jesus zu verantworten: Darauf läuft das Buch von Theodor Much hinaus, 1942 in Tel Aviv geboren, als Arzt in Zürich und Wien tätig, heute Präsident der jüdischen Reformgemeinde Or Chadash. Er hat bewusst einen aggressiven, gewissermaßen aus der Wildwest-Mythologie stammenden Titel gewählt: „Wer killte Rabbi Jesus?“ Nun, der „Killer“ war, wie er recht glaubhaft darzulegen versucht, natürlich Pontius Pilatus (der also nicht zu Unrecht ins katholische „Credo“ gekommen wäre).

Weil: Weil anzunehmen ist, dass sich Pilatus die Rechtssprechung nicht von ein paar jüdischen Hohepriestern aus der Hand nehmen ließ. Weil die Kreuzigung die römische Hinrichtungsart war. Und vor allem weil dieser „Rabbi Jesus“ nichts getan hatte, um dessentwillen ihn die Juden hätten verurteilen können und wollen. Aufmüpfig waren sie schließlich alle.

Ein wenig Schuld daran, dass man die Juden so willig mit Jesus’ Tod belastete, tragen laut dem Autor auch die vier Evangelisten, obwohl drei von ihnen selbst jüdischer Herkunft waren. Viel Schuld ist wohl der katholischen Kirche zuzuschreiben, der diese Lösung lange Zeit sehr gelegen kam.

Und darum findet dieses Buch zwar ein Vorwort von Michael Bünker, Bischof der evanglischen Kirche A.B. in Österreich, aber keines von offizieller katholischer Seite. Denn da sind – und darauf will der Autor hinaus – die Gräben noch immer zu tief. Man erinnert sich an einen alten Witz:

Was unterscheidet Christen und Juden?
Die Christen glauben, dass der Jude Jesus der Sohn Gottes war.
Die Juden glauben das nicht.

Und darum ist der katholische Jesus Christus für den jüdischen Autor immer nur der „Rabbi Jesus“, was er von seinem Standpunkt auch war, ein Prediger, ein Weiser, ein „Messias“, aber auf einen „Sohn Gottes“ können sich die Juden mit den Christen nicht einigen. Folglich musste man auf den stets dialog- und konsensbereiten Hubert Feichtlbauer als zustimmende katholische Wortmeldung zu Beginn zurückgreifen…

Obwohl der Autor selbst zugibt, dass selbst unter jüdischen Gelehrten keine Übereinkunft besteht, wie die rechtliche Situation in Jerusalem zur Zeit von Jesus ausgesehen hat (hatten die Hohepriester überhaupt die Macht, jemanden zu Tode zu verurteilen?), ist die Argumentation des Buches zu begrüßen, um das unterschwellige Ressentiment, das möglicherweise noch immer gegen die Jesus-Mörder existiert, endlich zu hinterfragen (und bitteschön auch dann vom Tisch zu wischen, falls es tatsächlich die Hohepriester waren – das ist schließlich zweitausend Jahre her).

Möge die Diskussion angezündet sein, viele Fragen bleiben ja dennoch immer offen.  Auch jene, mit der nichtjüdische (wie vermutlich auch viele jüdische) Leser wieder einmal zurück bleiben, nämlich mit einer Behauptung, die gelegentlich in den Raum gestellt wird, ohne dass man sie wirklich begründet fände: „Jude“ zu sein, so heißt es, sei keine Frage der „Rasse“. („Denn Judentum kann verschieden beschrieben und definiert werden, sicherlich aber nicht als Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse“, Seite 94)  Wenn dem tatsächlich so wäre, dann hätte die Tünche einer neuen Religion stets genügt, den Juden „wegzuwaschen“. Aber von Gustav Mahler bis Karl Kraus war dann immer eben von „konvertierten Juden“ die Rede, und der Katholizismus hat absolut nichts an der Abstammung geändert.

Was ist denn, um einmal so zu fragen, so schlecht daran, einer „Rasse“ zuzugehören, dass es so vehement in Frage gestellt wird? Dies noch als Nebenergebnis unter den zahlreichen Gedanken-Anstößen dieses Buches, die man sich zu Gemüte führen sollte.

Renate Wagner

 

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