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WELT/ Schleswig Holstein/ Dorfkirche: 7. DRESDNER WELTKONZERT

Welt (Schleswig-Holstein) / Dorfkirche: „7. DRESDNER WELTKONZERT“ – 19.7.2014

 Wer kennt schon außerhalb Schleswig-Holsteins den 300-Seelenort namens Welt mit seinen roten Backsteinhäusern und weitverstreuten Gehöften im Süden der Halbinsel Eiderstedt und ahnt, dass dort alljährlich ein Kammerkonzert vom Feinsten unter dem Namen „Dresdner Weltkonzerte“ stattfindet. Der Name bezieht sich auf den Ort, der möglicherweise einen ganz anderen Ursprung hat, aber es sind in ihrer Ausführung tatsächlich Kammerkonzerte von Weltrang. Der Weg dorthin lohnt immer.

In der ansehnlichen kleinen, gepflegten Dorfkirche mit langer Geschichte, mehrmals umgebaut und jetzt äußerlich im Stil der Neugotik, wo im Innern kleine, liebevoll restaurierte Kunstwerke der Vergangenheit aus vielen Stilepochen mit neuen Kunstwerken harmonisch kombiniert sind, gab Roland Straumer, 1. Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle Dresden und der Virtuosi Saxoniae, Ludwig Güttlers ausgezeichnetem Kammerorchester, vorwiegend aus Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle, zusammen mit Friedrich Kircheis am Cembalo ein erlesenes Kammerkonzert.

Sonst musiziert Straumer mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden in aller Welt, jetzt gestaltete er in Welt, dem kleinen Ort an der Nordseeküste, einen Kammermusikabend „von Welt“. Sonst tritt er solistisch in seiner Konzertmeisterfunktion mit unvergleichlichen Solopassagen in den großen Orchesterwerken hervor, die immer die ganz besonderen Höhepunkte eines Konzertes bilden und nicht nur die ungeteilte Aufmerksamkeit und Bewunderung der Zuhörer erreichen, hier erwies er sich als ausgezeichneter Kammermusiker.

 Er versteht die hohe Kunst eines besonders klangvollen Violinspiels. Da gibt es kein „Kratzen“ oder „Schaben“. Jeder Ton, jeder Doppelgriff ist ein Genuss. Auf seiner, 2006 erworbenen, Vuillaume (Paris, 1834) zaubert er einen Klang, der nicht nur die „Seele“ der Geige zum Schwingen bringt, sondern auch die Herzen der Zuhörer, die immer von weither kommen. Er versteht es, dem Instrument die feinsten, singenden, einmalig schönen Töne zu entlocken, die an die schwärmerischen Berichte über die „Süße der Klänge“ in vergangenen Jahrhunderten erinnern. Unter seinen Händen entfaltet sich der wunderbare Klang dieses Instrumentes, dessen Meister den Meistern von Cremona nachstrebte.

 Bereits die ersten Töne der „Sonate G‑Dur“ (BWV 1021) von J. S. Bach, der im Laufe des Programmes die „Sonaten c‑Moll“ (BWV 1017) und „C‑Dur“ (BWX 1033) folgten, ließen aufmerken und leiteten ein besonderes Klangerlebnis ein. Straumers solistische Fähigkeiten für Kammermusik sind unverkennbar und übertreffen oft die Interpretation manches berühmten Violin-Virtuosen. Dass er nicht weiter im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht, mag auch an seiner persönlichen Bescheidenheit liegen. Ihm sind die Musik und ihre bestmögliche Ausführung wichtiger als Publicity. Die Musik erfüllt ihn, und er widmet sich ihr voll und ganz, so auch in A. Corellis „Sonaten e‑Moll op. 5 Nr. VIII“ und „g‑Moll op. 5 Nr. V“.

 Immer an seiner Seite als adäquater Mitstreiter am Cembalo, Friedrich Kircheis (auch ständiger Begleiter an der Orgel für den Trompeter Ludwig Güttler, mit dem er derzeit eine Reihe von Konzerten im Norden Deutschlands gibt). Mit seinem sehr beeindruckenden Spiel steuerte er solo „Präludium und Fuge in C‑Dur und c‑Moll (BWV 846 und 847) aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ bei. Man hätte ihm auch solo gern noch länger zugehört.

 Ganz mit seinem Instrument allein war Straumer bei G. P. Telemanns 4sätziger „Phantasie Nr. 6 e‑Moll für Violine solo“ und der Passacaglia für Violine solo“ von H. I. F. BIBER, dem genialen Violin-Virtuosen und Salzburger Kapellmeister. Wie selbstverständlich, fließend und klangschön, verfolgte er die einzelnen Melodielinien in ihrem Gegen- und Miteinander, sich ineinander Verschlingen und wieder Lösen. Es war ein Genuss, ihm zuzuhören, seinem mühelos und wie selbstverständlich erscheinenden Spiel in Schönklang, Frische und Ausdruck, denn er lässt jede Komposition für sich „sprechen“.

 Nach dieser Kammermusik vom Feinsten entließ das Publikum die beiden Musiker erst nach 3 Zugaben, dem „Largo“ aus einem Violinkonzert in Es‑Dur von J. G. Pisendel, sozusagen Straumers „Vorgänger im Amt“ in der Dresdner Hofkapelle, aus der die Sächsische Staatskapelle hervorgegangen ist, dem „Andante“ aus einem Violinkonzert, das Telemann Herrn Pisendel gewidmet hat und last but not least, dem „Ave Maria“ von Bach/Gounod als persönliche Reverenz an die Initiatorin und Organisatorin Sonja Bischoff, ohne die es diese Konzerte nicht gäbe. Dass es solche Engagements in dieser Gegend gibt, wo die Uhren anders zu ticken scheinen und man in ruhiger Beschaulichkeit Musik genießen kann, ist nicht hoch genug zu schätzen.

 Ohne zu übertreiben, kann man hier wirklich von einer „Sternstunde der Kammermusik“ sprechen.

 Ingrid Gerk

 

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