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WEIMAR: JONNY SPIELT AUF

16.09.2014 | KRITIKEN, Oper

WEIMAR: JONNY SPIELT AUF am 14.9. 2014  (Werner Häußner)

 Der Fluch der „Zeitoper“ lastet auf Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“. Damals bei der Uraufführung 1927 war der Erfolg sensationell: Mehr als 100 Bühnen in Europa spielten das Stück in den folgenden zwei Jahren nach. Heute wenden Kritiker die nervtreffende Aktualität von damals ins Gegenteil: Kreneks „Jonny“ – ein Stück Operngeschichte, für die Gegenwart höchstens von bemühter Relevanz?

Frank Hilbrich hat am Nationaltheater Weimar bewiesen, dass dem nicht so ist. Zieht man die Etiketten ab, die Kreneks Oper aufgeklebt wurden, kommt ein komplexes Werk zum Vorschein, das die Probleme und Aporien einer neuen Zeit mit dem Hauch des Symbolismus und dem Ruch der Groteske auf den Punkt bringt: Verlorenheit und Vereinzelung, Heimatlosigkeit und Transzendenzverlust, Tempo und Angst. Themen, die heute nichts von ihrer Brisanz verloren haben, im Gegenteil: Die „neue Zeit“, die sich damals ankündigte, erleben wir im 21. Jahrhundert in so manchem prinzipiellen Aspekt auf ihrem Kulminationspunkt.

In Weimar greift Hilbrich nicht zur Aktualisierungskeule, um uns die Brisanz den „Jonny“ einzubleuen. Er konfrontiert uns zunächst mit einer Metapher des Werks, die er raffiniert pointiert: Der Gletscher, Symbol einer gewaltigen, ewigen Transzendenz, hängt als monumentales Gemälde in einem Museum. Gleichgültig hasten die Besucher vorbei, gelangweilt stakst das Aufsichtspersonal herum. Nur Max, der Komponist, verharrt vor dem Bild – und in der intensiven Betrachtung beginnt der Gletscher von innen heraus zu leuchten.

Hilbrich zeigt in dieser Szene viel: Da ist das Museum, Ort der „alten Welt“, erfüllt mit Kultur und Erinnerung. Da ist der Gletscher als Symbol; keine lebendige Natur mehr, sondern nur noch gemalte Reflexion, konserviert aufbewahrt statt unmittelbar lebend. Doch der Gletscher treibt an zum Aufbruch – und man möchte in seinen Worten die „Metanoia“ hören, die Umkehr weg von vermeintlichen Sicherheiten. Das kann man als romantische Vision lesen; das kann aber auch als Ruf des Göttlichen verstanden werden, das den Menschen immer wieder über seinen begrenzten Horizont hinausführen will. Dass Gabriele Rupprecht den Komponisten in einen Anzug in der blaugrauen Farbe des Eises steckt, ist ein sprechendes Detail, das zeigt, wie klug und bewusst sich das Weimarer Team auf das Werk eingelassen hat.

Die alte und die neue Welt: Spätestens die Rede vom „alten Europa“ hat das Thema wieder aktualisiert. Hilbrich greift den historischen Aspekt auf, wenn er den Tanzbandgeiger Jonny im Strahlenkranz der Freiheitsstatue seine Hymne auf die neue Welt anstimmen lässt. Aber er verwendet solche visuellen Fingerzeige – wie etwa auch in den immer mehr ins Groteske gewendeten Kostümen – im Sinne von Chiffren, die über sich selbst hinausweisen. Dieser Jonny ist eben nicht der „Neger“, den die Nazis vom Plakat ihrer Hetzausstellung „Entartete Musik“ herabgrinsen ließen. Sondern ein Mensch, der seine Außenseiterrolle im glänzenden Anzug virtuos auslebt: Er nimmt sich, was er braucht; er beansprucht alles, was „gut ist“, für sich. „Heimat“ ist für ihn eine flüchtige Erinnerung mit einem Hauch nostalgischer Trauer, aber kein echtes Ziel. Jonny lebt die Entwurzelung: Sein Umfeld ist das Hotel, das Symbol der unsteten Existenz modernen Menschen; seine Liebe ist die flüchtige sexuelle Begegnung; seine Musik ist der Katalysator der neuen Zeit. Daniello dagegen, der Besitzer der wertvollen Geige, die Jonny klaut, ist ein Beau alter Schule: Er findet den Tod unter dem rasenden Zug.

Dass Hilbrich einen langen Atem beim Einsatz seiner szenischen Chiffren beweist, gehört zu den Vorzügen seiner bildmächtigen, beziehungsreich erdachten Weimarer Inszenierung. Der Gletscher etwa bleibt gegenwärtig, zum belanglos dekorativen Bildchen in der Hotelhalle verkleinert. Zum grotesken Ende – „die Stunde schlägt der alten Zeit, die neue bricht jetzt an“ – gibt es eine Schneeballschlacht: Majestät und Größe der Natur, der Transzendenz, verkleinert fürs nette Vergnügen. In diesem Moment macht Volker Thiele die Konstruktion seines Bühnenbilds sichtbar: Die Wände drehen sich, die stützenden Metallgerüste kommen zum Vorschein. Ende der Illusion. Die Moritat, das ganze Leben sei ein Spiel, passt dazu. Und die Bühne verschärft die Aussage noch: „Die Freiheit nehm‘ ich mir“ ist an den Brettern Fassaden-Bauteile zu lesen. Hilbrich inszeniert diesen „Jonny“ als ambivalentes Spektakel über einen degenerierten Freiheitsbegriff und trifft damit den Kern der Zeit. Von wegen unaktuell also: Ernst Kreneks Oper bewegt sich auf der Höhe unserer Gegenwart.

Musikalisch garantieren Martin Hoff und die Staatskapelle Weimar eine sorgfältige, farbige Umsetzung der Musik Ernst Kreneks: der großbogige Rausch Puccini’schen Melos‘, die herben Akkorde und spannungsreichen Synkopen der Moderne, der elektrisierende Rhythmus und laszive Sound der Unterhaltungsmusik der Zwanziger Jahre lassen keine Wünsche offen. Der Chor des Nationaltheaters, einstudiert von Markus Oppeneiger, zeigt sich musikalisch ebenso beweglich und aufmerksam wie in der szenischen Aktion.

Die Solisten tragen als prägnante Typen das Regiekonzept engagiert mit; stimmlich sind Abstriche zu machen: Warum Alexander Günther als „grübelnder Intellektueller Mitteleuropas“ (Krenek) mit seinem Tenor so aufdreht, bleibt ein Rätsel: Er braucht die Power nicht, könnte sich mehr Stimmkultur leisten. Larissa Krokhina (Anita) geht auf in ihrer Rolle als mondäne Frau mit verletzlicher Seele; als Sängerin setzt sie einen intensiven, fokussierten Klang ein, aber auch zu viel störendes Vibrato. Krister St. Hill zeigt mit seinem rauen Bariton die unsympathische Seite des „Jazzband-Geigers“ Jonny auch musikalisch. Steffi Lehmann verbirgt hinter der vorlauten Fassade einer Göre eine nach beständiger Liebe suchende Seele; Bjørn Waag (Daniello), Daeyoung Kim (Manager), Artjom Korotkov (Hoteldirektor) und Detlef Koball (Bahnangestellter) stehen den „großen“ Partien in ihrer szenischen Präsenz nicht nach.

Frank Hilbrich und Martin Hoff haben mit dieser unaufgeregten, konsequent durchdachten Produktion gezeigt, wieviel Potenzial im deutschen Repertoiretheater steckt. „Jonny spielt auf“ ist auch ein Beispiel, wie sich ein Theater unter erdrückenden finanziellen Zwängen nicht anpasst, sondern selbstbewusst seine künstlerischen Freiräume behauptet. Eine Inszenierung, in der sich gedankliche Arbeit unmittelbar im sinnlichen Erleben manifestiert und der schon aus diesem Grund viele Zuschauer zu wünschen sind. Dass es Hilbrich gelungen ist, in Kreneks Oper den Zeitbezug in eine Analyse unserer Gegenwart zu transformieren, spricht nicht nur für die Qualität seines Zugriffs, sondern auch für die zeitlose Gültigkeit von Kreneks großem Wurf.

Werner Häußner

 

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