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Wald / Fuhrmann: AHNUNG UND ERINNERUNG. Die Dramaturgie der Leitmotive bei Richard Wagner

03.04.2013 | buch

Melanie Wald / Wolfgang Fuhrmann:
AHNUNG UND ERINNERUNG
Die Dramaturgie der Leitmotive bei Richard Wagner
272 Seiten. Verlag Bärenreiter HENSCHEL 2013 

Diese Gemeinschaftsarbeit des Wiener Musikwissenschaftlers Wolfgang Fuhrmann (Uni Wien) und seiner Gattin Melanie Wald (Uni Berlin) befasst sich mit dem absolut unerschöpflichen Thema der Dramaturgie von Wagners Leitmotiven. Das Werk „Ahnung und Erinnerung“ bekundet zwar die fromme Absicht, dieses Buch auch für „musikalisch nicht oder nur wenig vorgebildete Leser verständlich und zugänglich zu machen“ und von Fachsprache frei zu halten, aber dann sollte man nicht im gleichen Satz hinzufügen, dass man „Phänomene der kompositorischen Technik immer auch in ihrer ästhetischen Anmutungsqualität benennen“ möchte, denn schon da steigt der nicht vorgebildete Leser aus.

Zumal, wenn dann von komponierter Epiphanie die Rede ist oder davon, dass Latenz sich zur Präsenz verwandelt. Nein, hier schreiben zwei Professoren für ihre Musikstudenten oder für die fortgeschrittenen Wagnerianer (wogegen ja absolut nichts zu sagen ist), und sie legen auch Wert darauf, gleich die relevante Sekundärliteratur einzubeziehen, in Nebensätzen anzusprechen oder auch mit kleinen Bemerkungen abzuurteilen, was im Text etwa den Verweis „Donington 1978, 91“ ergibt (wenn das nicht „Fachleute unter sich“ bedeutet!).

Als Leser gewöhnt man sich an die Abkürzungen, „SuD“ mit Seitenzahl kommt besonders oft vor, da muss man dann in Richard Wagners Sämtlichen Schriften und Dichtungen in der Ausgabe von Leipzig 1911 nachschlagen, wenn man das Zitat als Ganzes haben will… Kurz – der Versuch, sich an die breite Leserschaft zu wenden, scheitert, aber für die „anderen“ gibt es viel Wissenswertes.

Mit einer langen Schilderung des Beginns von „Rheingold“ hebt das Buch an, und es erklärt auch, dass Wagner die Leitmotivtechnik natürlich nicht erfunden hat. In der Instrumentalmusik haben Beethoven oder Schubert motivisch-thematische Netzwerke gewebt, und in der Oper entdeckte man die Nützlichkeit von Motiven als dramaturgischen Signalen ab dem Ende des 18. Jahrhunderts, zuerst die Franzosen, dann vor allem Weber (als dessen Erbe Wagner gelten wollte, ebenso wie jener von Beethoven) und der anfangs so bewunderte Meyerbeer.

Wagner allerdings hat das System verinnerlicht wie kein anderer sonst und ab dem „Ring“ zu seinem Gestaltungsprinzip gemacht. Es gibt dabei, das weiß selbst der schlichte Wagnerianer, nicht nur das, was Carl Dahlhaus als „Stichwortmotiv“ bezeichnet (weil sie quasi aufs Stichwort erscheinen). Die Autoren orten vielmehr  (fast flapsig) die „Buntscheckigkeit“ des Angebots, „vom bloßen Akkord über einen Melodienfetzen, Fanfaren, Hornrufe oder eine orchestrale Begleitfigur bis hin zu einem voll ausharmonisierten mehrtaktigen Thema“. Dazu kommt die von ihnen so bezeichnete „semantische Scheckigkeit“, da Wagner sich mit seinen Leitmotiven sowohl auf Personen wie Dinge wie Gefühle wie Allegorien beziehen kann. Auch meinen die Autoren, dass gelegentlich das Ausbleiben von Leitmotiven signifikant ist.

Ausgeklammert werden aus der Betrachtung die Frühwerke und die drei ersten großen Opern, die Analyse beginnt bei „Rheingold“ und „Walküre“, schwingt sich hinüber zu „Tristan“ und „Meistersinger“, fasst „Siegfried“ und „Parsifal“ als „Bildungsromane“ zusammen (weil die beiden ein so ähnliches Schicksal verbindet), aber nach der „Götterdämmerung“ ist „Parsifal“ noch einmal – diesmal auch jenseits der Hauptfigur – an der Reihe.

Text und Musik werden (wie auch anders) verzahnt behandelt, manchmal kommen die Autoren (das Thema ist unerschöpflich) zu wirklich interessanten Schlussfolgerungen, etwa bei der Nornenszene aus der „Götterdämmerung“ (ein Bild dieser Szene aus der neuen Frankfurter Inszenierung ziert den Umschlag des Buches). Hier finden sie „ein Übermaß an Motiven – die fast vollständige Rekapitulation des Arsenals der drei vorangegangenen Dramen und eine Reihe neuer – scheint sich gegenseitig die Luft abzugraben, ihre übergroße Nähe führt zu Verzerrungen, Rückkopplungseffekten, auch unheimlichen Allianzen.“ Man wird sich das gerne in Hinblick auf diese Behauptung auf CD anhören…

Der Anhang bietet eine Sammlung von Leitmotiven, so dass man sie sich mit zwei Händen am Klavier vorspielen kann (aber das hat man in vielen alten Opernführer-Heftchen der Vor-Reclam-Zeit auch). Dass Wagner nie nur wissenschaftliche Analyse ist, sondern auch immer die persönliche Meinung der Schreibenden durchschimmert, die hier größere, dort geringere Vorlieben hegen, wird auch in diesem Buch klar: Wagner, die unendliche Projektionsfläche für seine Interpreten.

Renate Wagner

 

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