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W. Edgar Yates: BIN DICHTER NUR DER POSSE

29.03.2012 | buch

 

W. Edgar Yates
„BIN DICHTER NUR DER POSSE“:
JOHANN NEPOMUK NESTROY
Versuch einer Biographie
312 Seiten. Verlag Lehner, Reihe „Quodlibet“, 2012

Die Wienbibliothek im Rathaus war der optimale Rahmen, um die Biographie vorzustellen, die W. Edgar Yates dem Dichter Johann Nestroy zu dessen 150. Todestag gewidmet hat – denn hier, in der einstigen „Stadt- und Landesbibliothek“, befindet sich der Nachlass des Dichters, hier hat Yates schon seit über einem halben Jahrhundert (schon von seiner Dissertation an) an österreichischen Dichtern gearbeitet (auch Grillparzer und Schnitzler). Vor allem aber an Johann Nestroy.

Denn schließlich zählt er seit dreieinhalb Jahrzehnten (!) zu jener genialen „Viererbande“, wie Hubert Christian Ehalt (zuständig für die Wissenschaftsförderung der Stadt Wien) sie nannte, die die Historisch-kritische Ausgabe von Nestroy herausgegeben haben, die derzeit bei ca. 55 Bänden hält (so genau weiß das niemand, ein weiterer Band kommt offenbar noch). Neben Yates waren dies Jürgen Hein, Johann Hüttner und Walter Obermaier (die beiden letztgenannten anwesend), die dieses Monsterwerk unter der Patronanz der Internationalen Nestroy-Gesellschaft und mit finanzieller Unterstützung der Stadt Wien geleitet haben.

Das bedeutete für Yates wahrlich Jahrzehnte im Dienste Nestroys, er hat sieben Bände der Ausgabe betreut, dazu noch zwei als Co-Autor, das Gesamtgeschehen überwacht – und „nebenbei“ war er noch Professor für deutsche Literatur an der englischen Universität Exeter und als solcher, wie Alfred Pfoser, Leiter der Druckschriftensammlung der Wienbibliothek, in seiner Einleitung sagte, internationaler Botschafter der österreichischen Literatur und Kultur, die er mit dem souveränen Blick des englischen Gentleman betrachtet.

W. Edgar Yates hat dann selbst festgehalten, mit welchen Voraussetzungen er an sein Buch herangegangen ist, das mit 312 eng bedruckten Seiten absolut kompakte Information liefert und zielstrebig bebildert ist (dass Verleger Johann Lehner „wie immer ein sehr schönes Buch“ gemacht hat, betonte der Autor zu Recht). Erstens ging es ihm um ein möglichst zusammenhängendes Bild von Nestroys Privatleben und Theaterlaufbahn, wozu er bemerkte, dass das Theater ja eigentlich Nestroys Leben war. Zweitens hat er sich – wozu sich Wissenschaftler selten verstehen – die Vorgabe gesetzt, „gut lesbar“ zu sein, ohne den wissenschaftlichen Jargon und einen Dschungel von Fußnoten. Drittens wollte er nicht nur die neuesten Forschungsergebnisse reflektieren, sondern diese auch durch Angaben möglichst im Text selbst  nachvollziehbar machen.

Dass Nestroy selbst, mit Briefen, Werken, Dokumenten im Mittelpunkt steht (und nicht die Sekundärliteratur), war ihm wichtig, vor allem, weil es bei diesem Dichter relativ wenige Selbstzeugnisse gibt – wobei dies durchaus beabsichtigt sein konnte, da sich der private Nestroy nicht gerne preisgab. Wenn der Dichter in seiner Zeit im Zentrum steht, so wünscht sich der Autor natürlich, dass der Leser nach der Lektüre erkennt, dass der Titel mit Nestroys bescheidener Selbstaussage – „Bin Dichter nur der Posse“ – außer Kraft gesetzt wird: Er sei auch aus internationaler Perspektive einer der ganz großen satirischen Dramatiker der Weltliteratur, hielt Yates fest.

Noch eine Marginalie: Glücklicherweise haben das Ministerium für Wissenschaft und Forschung, die Kulturabteilung der Stadt Wien und die Österreichische Nationalbibliothek sich in der Subvention des Buches nicht lumpen lassen: Es enthält (neben Schwarzweißbildern, die durchgehend im Text verteilt sind) zwei farbige Bildteile, und da ist auch jenes Gemälde des Franzosen Charles-Louis Muller abgebildet, vor dem Nestroy in Paris ohnmächtig zusammen gebrochen ist. Seine Affinität zum Tod, die ihn offenbar stets begleitete, wurde durch dieses heftige Gefängnisbild aus der Französischen Revolution, in dessen Zentrum offenbar ein zum Tode Verurteilter seinen Abschiedsbrief schreibt, zutiefst getroffen… Gleich dahinter flattert Nestroy als Jupiter in Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“: Er war eine Persönlichkeit der extremen Gegensätze. „Es war ein höchst wechselvolles Leben“, resümierte Yates Nestroy und sein Buch.

Renate Wagner

 

 

 

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