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W.E.

20.06.2012 | FILM/TV

Ab 22. Juni 2012 in den österreichischen Kinos
W.E.
GB  /  2011
Drehbuch und Regie: Madonna
Mit: Abbie Cornish, Andrea Riseborough, James D’Arcy, James Fox u.a.

„W“ für Wallis und „E“ für Edward, und gemeinsam ergeben die Initialen ein „We“- „Wir“. Sie waren auch ein Paar, das so viel Widerstand von außen empfing, dass sie nur existieren konnten, indem sie sich zu einer untrennbaren Einheit zusammen schlossen: der Herzog und die Herzogin von Windsor. Man erinnert sich – ein Skandalpaar von einst, an denen die britische Krone so reich ist. Aber wen interessiert das heute noch? Nun, Madonna zum Beispiel.

 Unglaublich, aber wahr: Die Pop-Ikone meldet sich auf der Leinwand zurück, nicht als Star eines Musikfilms, in dem sie selbst ihre Vorzüge vor die Kamera wackelt, sondern als Autorin und Regisseurin eines so genannten „period movie“. Natürlich hat sie auch für üppige Musik gesorgt (und selbst einen Song beigesteuert). Im übrigen ließ sie sich angeblich von Ex-Mann Guy Ritchie helfen, der das Filmemachen nun wirklich kann. Tatsächlich wirkt das Endergebnis sehr professionell.

Um jetzt nicht nur die Love- und Klatsch-Geschichte von einst zu erzählen, hat Madonna eine zusätzliche Rahmenhandlung erfunden, wohl auch, um einige Gedanken reflektierend zu äußern – oder um in schönster Kinomanier leicht ins Absurde auszubüchsen, wenn sie die Ebenen vermischt und die Heldin von heute irrational jener von einst begegnen lässt… Denn in der Gegenwart geht es um eine Amerikanerin namens Wally, die von ihrer Mutter nach der Herzogin benannt wurde und für diese eine seltsame Faszination hegt. Dieser kann sie nachgehen, als 1998 in Manhattan der Nachlass des Windsor-Paares versteigert wird und sie sich tagtäglich bei Sotheby’s einfindet, um all die Kostbarkeiten zu betrachten, die für sie wahre Devotionalien sind.

Die sympathische Abbie Cornish spielt also eine Kunsthistorikerin, unglücklich verheiratet (und von ihrem Mann körperlich attackiert, wie es auch Wallis Simpson in ihren früheren Ehen passierte – zumindest sieht man es), aber der Versuch, hier quasi ein Parallelschicksal zu konstruieren, funktioniert wirklich nicht. Wallis Simpson ließ sich schließlich von einem Mitglied des Königshauses trösten, Wally Winthrop von einem der russischen Wachleute, die in bullige Bodyguard-Manier herumstehen (Oscar Isaac als Evgeni ist dabei nicht unattraktiv).

Madonna gebraucht diese Handlung vor allem, um – meist anhand irgendeines Schmuckstücks oder anderen Gegenstands, der da ausgestellt ist – in Rückblenden zu Wallis und Edward (der eigentlich von seiner Familie und auch ihr „David“ genannt wurde) zu schweifen. Hier bricht ein exquisiter Ausstattungsluxus aus, der die Gesellschaft der Reichen, Berühmten und Mächtigen von einst zu einem optischen Fest macht. Da bewegt sich Mrs. Simpson in ihren auch heute noch ausgesucht elegant wirkenden Roben in Gestalt der außerordentlich überzeugenden Andrea Riseborough, die große Ähnlichkeit mit dem Original erzielt, unter ihren reichen amerikanischen Landsleuten, die sich mit dem englischen Adel „mischen“. Und hier passiert die Liebesgeschichte mit dem Prinzen von Wales (James D’Arcy mit dem Flair von exzentrischem Egoismus), den man auch im Kreise seiner versnobten Familie erlebt (und die später so beliebte „Queen Mum“ erweist sich in ihrer Jugend in dieser Darstellung als höchst intrigante Zicke – dass sie Wallis Simpson gehasst und befehdet hat wie wenige sonst, scheint erwiesen).

Man weiß, wie es ausging – der „David“, der dieser seltsamen Wallis mehr und mehr verfällt, wird König Edward VIII., kann aber vom Parlament und seiner Familie  die Ehe mit der zweimal geschiedenen Amerikanerin nicht erzwingen. Er hat bekanntlich auf den Thron verzichtet, was als höchste Romantik in die Geschichte einging, aber zweifellos historisch tatsächlich höchst relevant war: Denn ein mit den Nazis eindeutig sympathisierender König Edward VIII hätte vermutlich den Verlauf des Zweiten Weltkriegs anders aussehen lassen…

Aber dieser politische Aspekt interessiert Madonna in ihrem Historienfilm, der stellenweise wirkt wie eine lebendig gewordene alte Zeitschrift mit den Fotos der Reichen und Schönen, eher nicht. Sie tritt im Grunde zur Ehrenrettung einer Frau an, die noch nie irgendwelche Sympathie gefunden hat: die immer so maliziös wirkende Wallis, von der ihre Regisseurin meint, dass sie an Edwards Seite – „Herzogin von Windsor“ hin oder her – gar kein so tolles Leben gewählt hat.  

Madonna ist, man merkt es unzweifelhaft, mit anteilnehmendem Frauenherzen angetreten, diese Frau rein zu waschen. Und hat damit einen Film gedreht, den man nie und nimmer mit der Selbstdarstellerin Madonna, die sich immer nur für sich interessiert hat, in Verbindung bringen würde. Immerhin eine Überraschung.

Renate Wagner 

 

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