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W.A.Mozart: DON GIOVANNI – MusicAeterna/ Teodor Currentzis. 3 Cds, 4 LPs Sony

19.10.2016 | cd

W. A. Mozart: DON GIOVANNI – MusicAeterna, Teodor Currentzis 3 CDs, 4 LPs Sony
 
Leider kein Wurf: Überfrachtetes Klangkonzept bei überwiegend sängerischem Mittelmaß
 
VÖ: 4.11.

 Bildergebnis für teodor currentzis don giovanni

Jetzt ist sie zwar verspätet, aber doch da! Die Don Giovanni Aufnahme aus dem russischen Perm. Was wurde da schon spekuliert, wie der dritte Teil der Mozart Da Ponte Trilogie unter der Stabführung des quirligen Musik- und PR Genies Teodor Currentzis ausfallen würde? Die Live Aufführungen seiner Lesart des Don Giovanni erhielten u.a. in Deutschland (Köln) durchwegs begeisterte Rezensionen.
 
Aber Currentzis wäre nicht Currentzis, würde er nicht zuletzt in seinen akribisch gearbeiteten Studioproduktionen gleichzeitig einen vollkommen neuen Ansatz und darüber hinaus eine perfekte Performance wollen. Don Giovanni ist nun aber auch eine Oper für Sänger. Die Protagonisten müssen über ein profundes eigenstimmliches und stilistisches Profil verfügen, um dieser Oper morbiden Glanz zu geben und diese Mischung aus persönlicher Hybris, sexuellem Machtwahn, rachebesessenen Opfern samt tödlichem Ausgang körperlich erlebbar zu machen.
 
Leider verfügt die Besetzung nur über zwei wirkliche Atouts, nämlich den frappant an Fischer-Dieskau erinnernden, etwas kühlen Dimitris Tiliakos in der Titelrolle und die atemberaubende Elvira der Karina Gauvin, auf Augenhöhe mit den besten Interetinne ndieser Rolle ever. Der Rest ist angagiert, erfüllt die Vorgaben der Partitur auf Punkt und Beistrich und bleibt dennoch dieses gewisse Etwas schuldig, das den archaischen Mythos erst zu einem der größten und schwärzesten Opernreißer aller Zeiten macht. Da bleibt die mädchenhafte klingende höhensichere Myrto Papatanasiu als Donna Anna emotional zu neutral und singt die Rolle instrumental, so schön es geht. Verzehrende Passion und Komplexität der Figur sind vokal nicht auszumachen. In den opera seria Passagen gebricht es an wissender Wucht, das innere Drama und die Ambivalenz dieser Frau können nur lyrisch apostrophiert nicht adäquat zum Ausdruck kommen. Auch vom Timbre her ist Papatanasiu eher eine Zerlina denn Donna Anna.
 
Es scheint überhaupt, dass der musikalische Leiter die Dramatik der Figuren überwiegend dem Originalklangorchester anvertraut. Das ist etwa beim teils mit Kopfstimme singenden Ottavio des Kenneth Tarver ohrenfällig. Ohne an die hoch individuell timbrierten Mozarttenöre Anton Dermota oder Peter Schreier auch nur denken zu wollen, lässt mich dieses aufklärerische Monument, dieser adelige Beschützer der Ehre Annas und deren Vaterfigur zugleich diesmal ziemlich kalt. Vito Priante als Leporello singt luxuriös timbriert und phrasiert hochmusikalisch, den aufmüpfigen Revolutionär quasi als alter Ego des Don Giovanni hat er nicht drauf. Guido Loconsolo (Masetto) und Christina Gansch (Zerlina) geben ein harmlos sympathisches Hochzeitspaar. Dem Komtur des Mika Kares fehlt es an Tiefe, Stimmkraft und Dämonie.
 
Einen unbestreitbaren Vorteil hat die homogene Besetzung aber: Die bestens einstudierten Ensemble klangen kaum je ausgewogener und konsistenter als hier.
 
Teodor Currentzis musikdramaturgisches Konzept, das er ausführlich in einem im Booklet abgedruckten Interview darlegt, geht davon aus, dass Don Giovanni weder ernst noch komisch ist, sondern in erster Linie vielschichtig. Na gut. Zu diesem Zweck soll der Klang sich deutlich von Cosi oder Figaro unterscheiden. Currentzis suchte nach einem Klang der Salzburger Kirchenmusiktradition, wie in den Messen oder im Requiem. Ein Klang, der sich von Michael Haydn bis Biber zurückverfolgen lässt, eine geheimnisvolle Sonorität, in der die fromme Feierlichkeit der Salzburger Gotteshäuser heraufbeschworen wird. In den eher „physischen Passagen“ (was ist das?) will er einen mediterranen, barocken Klang oder wie Currentzis das ausdrückt: „einen Wechsel in die musikalische Mundart“. Also man braucht laut dieser Idee eigentlich zwei Orchester, ein mitteleuropäisches und für die „weltoffene“ Seite Mozarts, der seine zweite Heimat Italien liebt, den mediterranen Klang.
 
Nun steht aber Currentzis nur ein Orchester, nämlich die Formation MusicaAeterna, zur Verfügung, die mit Originalklanginstrumenten spielt, dessen Stimmung mit dem Kammerton a‘ = 430 Hz relativ tief ist. Vergleich: 440 Hz sind heute der Schnitt, die Wiener und Berliner Philharmoniker kletterten unter Karajan auf 445 Hz. Die Sänger der Wiener Staatsoper protestierten damals erfolglos. Heute haben sich beide Orchester auf 443 Hertz verständigt.
 
Das Ergebnis ist aus meiner Sicht, dass das Orchester als der Originalklangbewegung verpflichtet den typisch muskulös-sehnigen, aufgerauten, vibratoarmen, zwar durchsichtigen, aber ziemlich uniformen Sound pflegt, der vor allem mittels dynamischer Differenzierung variiert werden kann. Es ist ein unsinnlicher, dramatisch spitzer Klang, der sich in den Ensembles und düsteren Höhepunkten der Oper gehörig aufheizen lässt, in den lyrischeren Passagen dann aber mit der Injektion einer Prise Volksmusik oder Jukebox Elementen aufwarten muss, um sich hervorzutun.
 
Das garantiert zwar bisweilen in der Ouvertüre oder etwa im Finale des ersten Aktes auch wirklich aufregende Momente, eine größere dramaturgische Klammer und Bogen wird jedoch der zitierten Vielschichtigkeit geopfert. Das kann man mögen oder nicht, mich überzeugt das Ergebnis im Vergleich zur zugegeben interessanten These nicht. Da ist, was ihn auch von Harnoncourt unterscheidet, nichts aus einem Guss. Der derzeit in Sachen Mozart vielbeschäftigte Shooting Star Currentzis (Zürich Entführung) wird mit dieser Giovanni-Aufnahme von Teilen des Feuilletons (in Frankreich gibt es schon einige Besprechungen) als neuer Messias der Mozart- Interpretation gefeiert werden. Das soll so sein und wird diese Meinung auch von manchen Musikfreunden goutiert werden. Wer allerdings individuell-expressive Stimmen und einen warmen Orchesterklang liebt, wird mit dieser Aufnahme eher nicht glücklich werden, alle Theorie hin oder her.
 
Eigentlich sollte diese Don Giovanni-Produktion bereits im Sommer des letzten Jahres erscheinen, doch Perfektionist Currentzis war nicht zufrieden mit der Aufnahme. Schlussendlich überzeugte er seine Plattenfirma und seine Musiker, alles noch einmal neu einzuspielen. Dies geschah im November und Dezember 2015 im russischen Perm, etwa 1150 Kilometer nordöstlich von Moskau, wo Currentzis seit 2011 Musikdirektor des Opern- und Balletttheaters ist.
 
Dr. Ingobert Waltenberger

 

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