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VIOLETTE

22.06.2014 | FILM/TV

FilmPlakat Viiolette~1

Ab 27. Juni 2014 in den österreichischen Kinos
VIOLETTE
Frankreich  /  2013 
Drehbuch und Regie: Martin Provost
Mit: Emmanuelle Devos, Sandrine Kiberlain, Catherine Hiegel u.a.

Wenn man im deutschen Sprachraum von Violette Leduc (1907-1972) schon gehört hat, dann ist sie einem vermutlich in einer „Nebenrolle“ in der Biographie von Simone de Beauvoir (die es ja nun wirklich zum Weltruhm geschafft hat) über den Weg gelaufen. Dass sie ihrerseits in der weiblichen Literatur Frankreichs eine vermutlich nicht unbedeutende Rolle gespielt hat, nimmt man gerne an – bei Amazon müsste man sich ihren Roman „Die Bastardin“ irgendwo antiquarisch besorgen, mehr kann man außerhalb ihrer französischen Heimat an originaler Lektüre über sie nicht erfahren.

Doch es gibt den französischen Filmemacher Martin Provost mit seiner lobenswerten Vorliebe für vergessene Schicksale. So haben wir von der französischen Malerin Séraphine de Senlis erfahren, und nach „Séraphine“ ist nun „Violette“ an der Reihe, auf der Leinwand zum Leben erweckt zu werden. Wobei sie sich in einem Kreis von Literaten zwischen der Beauvoir (Sartre ist ausgespart) und Jean Genet bewegt, was das Milieu zusätzlich interessant macht. Ob die Frau selbst uns sympathisch wird, kann nicht die Frage sein: Wesentlich ist, dass man eine Ahnung von ihrer literarischen Bedeutung erhält.

Zuerst sehr viel Milieu. Frankreich im Krieg, Violette lebt auf dem Land. Sie ist sehr geschickt, am Schwarzmarkt Geschäfte zu machen, und gar nicht liebenswert oder liebenswürdig: Dass sie unehelich ist, dass sie hässlich ist, dass niemand sie liebt – die Dame neigt zu lautem Selbstmitleid. Aber sie kann mehr als andere lästige Frauen, die sich leid tun: Sie kann ihre Gefühle niederschreiben, und das so, dass sie sowohl gegen jegliche Gesetze einer französischen Bourgeoisie verstößt – wie auch die Gefühle einer rebellierenden Welt immer noch unterdrückter Frauen ausspricht. Violette scheute weder vor der Schilderung einer Abtreibung noch von lesbischen Gefühlen zurück – damals „shocking“. Das ist keine elegante Frauenliteratur, das ist so grob, direkt und ehrlich wie seine Autorin.

Nach den Provinzjahren erlebt man Violette in Paris, wo sie Simone de Beauvoir „stalkt“. Immerhin, was sie ihr zu lesen gibt, überzeugt die Autorin, in ihr eine Kollegin zu erkennen, die sie fördert und in ihre Kreise einführt. 1945 sorgt sie dafür, dass in dem renommierten Verlag Gallimard Violettes Roman „L’asphixie“ erschien, immerhin in einer von Albert Camus herausgegebenen Buchreihe. Violette hat noch viele Bücher geschrieben, darunter ihre Autobiographie „Die Bastardin“ (1964), aber so berühmt wie die Künstler, in deren Kreisen sie sich bewegte, wurde sie nicht.

Von diesen „Literaten“ lernt man allerdings nur einige kennen – in den Anfangsjahren von Violette während des Krieges den undurchsichtigen Maurice Sachs (Olivier Py), der wirklich selbst einen Film wert wäre (ein jüdischer Nazi-Spitzel nämlich). Später den Mäzen und Parfumerie-König  Jacques Guérin (Olivier Gourmet), der sich gerne mit Literaten schmückt, Geld verspricht, aber nur zähneknirschend zahlt, als es so unverhohlen-unverfroren eingefordert wird wie von Violette. Und schließlich Jean Genet (Jacques Bonnaffé), dessen Exzentrik nur angedeutet wird. Immerhin – ein paar der wichtigen Figuren sind da.

Violette wird in diesem Film weder reifer noch liebenswerter, aber sie hatte ein Schicksal – und das erzählt Martin Provost in diesem zweieinviertel Stunden langen Biopic ausführlich und fast liebevoll.

Der Film wird nur möglich, weil Emmanuelle Devos äußere Reizlosigkeit und eiserne innere Stärke dieser Violette so unglaublich präsent macht. Interessant auch Catherine Hiegel als ihre verschrumpelte alte Mutter, die so unglaublich „französisch“ und viel weiblicher ist als die ungeschlachte Tochter, die von ihr das fordernde Wesen geerbt hat.

Wie eine Fee schwebt Sandrine Kiberlain durchs Geschehen, um einiges schöner, als es die originale Simone de Beauvoir je war, cool bis ans Herz hinein, aber immer eine Kämpferin für die Rechte der Frau – also auch für jene von Violette, die sie unter dem Vorwand unterstützt, der Verlag Gallimard zahle ihr ein fixes Einkommen. Andererseits hält sie sich Violette vom Leib, weil sie mit einer so aufdringlichen Person nichts wirklich anfangen kann. Es ist kein Hauch um Edelmut um Sandrine Kiberlain, nur kühler Kampfgeist – ja, so stellt man sich Simone de Beauvoir vor…

Es ist schön, die Nase in die französische Literaturszene zu stecken, wobei man es über Violette hinaus noch gerne ausführlicher getan hätte.

Renate Wagner

 

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