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VILLACH / Congress Center: Carinthischer Sommer Abschlusskonzert mit Mahlers Vierter

Blauer Sommernachtstraum mit dunklen Gewitterwolken

Christiane Karg und Mirga Grazinyte-Tyla. Foto: Carinthischer Sommer

VILLACH / Congress Center: Carinthischer Sommer – Abschlusskonzert mit Mahlers Vierter und frühen Liedern von Benjamin Britten

28. August 2019

Von Manfred A. Schmid

Für den fulminanten Abschluss des diesjährigen sommerlich-bunten Festivalprogramms hat Festivalchef Holger Bleck das City of Birmingham Symphony Orchestra aufgeboten. Das CBSO, wie es von seinen Fans genannt wird, zählt spätestens seit den 90ern Jahren – vor allem dank des charismatischen Wirkens seines damaligen Chefdirigenten Simon Rattle – zu den renommiertesten Klangkörpern Europas. Sir Simon wurde für seine Verdienste bekanntlich von der Queen geadelt und landete alsbald bei den Berliner Philharmonikern. Seit Beginn der Saison 2016/2017 ist – als unmittelbare Nachfolgerin von Andris Nelsons – die junge, aus Litauen stammende und in Graz ausgebildete Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla Musikdirektorin des Orchesters. Erwartungsvolle Spannung also im nicht voll besetzten Villacher Congress Center. Nicht nur wegen der Dirigentin, sondern auch wegen des ganz und gar nicht alltäglichen Programms. Und natürlich nicht zuletzt auch wegen der Gesangssolistin des Abends, steht mit Christiane Karg doch eine lyrische Sopranistin auf der Bühne, die neben der Oper vor allem auch als Konzert- und Liedsängerin hochgeschätzt ist.

Begonnen wird mit einem zeitgenössischen britischen Komponisten, von dem hierzulande wohl noch kaum jemand gehört hat. Oliver Knudsen, im Vorjahr 66-jährig verstorben, ist in seiner Heimat durch zwei von ihm geschriebenen Kinderopern bekannt geworden. Eine davon, Higglety Pigglety Pop!, handelt von einer kleinen Hündin namens Jennie, die in einer Art abenteuerlichen coming of age-story ein paar unheimliche Erfahrungen durchmachen muss, bis sie schließlich als Mitglied einer Theatergruppe zum Bühnenstar avanciert. Knudsen hat daraus ein dreisätziges „Orchesterpotpourri“ gemacht, voll von trockenem bis schwarzem Humor. Ziemlich schräg und britisch, könnte man wohl sagen. Unter der leichten, nichtsdestoweniger zupackenden Hand von Grazinyte-Tyla wird vom Orchester ein farbenreicher, geheimnisvoller Zauber entfacht, beklemmend und surreal, bis sich alles in Wohlgefallen auflöst. Eine verspielte, charmante Nettigkeit, die schmeckt wie ein Zuckerl Marke „Fisherman´s Friend“: ein bisschen scharf, aber doch irgendwie süß. Etwas, das man in England wohl „an acquired taste“ zu nennen pflegt.

Auch das zweite Stück punktet mit dem Überraschungseffekt. Benjamin Britten hat seine teils duftigen, teils schwermütigen Quatre Chansons Francaises nach Texten von Victor Hugo und Paul Verlaine im – unglaublichen – Alter von 14 Jahren geschrieben. Er steht hier musikalisch ganz im Bann der Melodien und impressionistisch angehauchten Klänge der französischen Spätromantik und lässt sich hörbar auch von den exotischen, berauschenden Tönen der französischen Sprache verführen. Christiane Karg, die diese frühen Kompositionen Brittens auch schon auf ihrer jüngsten CD Parfum eingesungen hat, taucht ein in diese Klangwelt und lässt das Publikum miterleben, wie sich der junge Komponist auf den Spuren von Debussy und Ravel dem mittelmeerischen Esprit annähert. Im zweiten Stück „Sagesse“ (Gedicht von Paul Verlaine) setzt Grazinyte-Tyla auf den von Streichern und Harfe geformten, idyllischen Pianissimo-Klang, als Abbild eines stillen blauen Himmels, dann gesellt sich die Oboe als Vogelstimme hinzu, und ein trauriges Lied hebt an. Sinnesfreude und Vergänglichkeit, Blühen und Verwelken durchziehen thematisch alle vier Lieder. Deren tiefschürfende Auslotung durch den jungen Britten zeugt von einem großen literarischen Verständnis und einer erstaunlichen kompositorischen Erfindungsgabe und Orchestrierfähigkeit

Nach der Pause gilt es dann, einen wahrlich „schweren Brocken“ zu stemmen. Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 4 G-Dur. Durchaus Widersprüchliches hat der Komponist dazu geäußert und damit die Verunsicherung mehr gesteigert als zu einer Klärung beigetragen. Ursprünglich habe er nur eine „symphonische Humoreske“ schreiben wollen, unter der Hand sei dann doch noch „das normale Maß einer Symphonie“ daraus geworden. Die Partitur ist voll von heiteren, ländlichen Klängen und Melodien, Weisen, die zum Mittanzen und Mitsummen anregen, und dann klingt es, an manchen Stellen, „wie wenn der Tod aufspielt“. Totentanz und krachlederner Hopser – wie geht das zusammen? Wird die vorgespielte romantische Idylle, wie beim großen Heinrich Heine, letztlich nicht doch immer unterhöhlt von der feinen Ironie? Dagegen spricht wiederum seine eindeutige und klare Anweisung an die Sopranistin, sie habe das im 4. Satz eingeschobene Wunderhorn-Lied „Das himmlische Leben“ „mit kindlich heiterem Ausdruck; durchaus ohne Parodie!“ zu singen (und die Solistin Christiane Karg befolgt das auch!). Und wie ist das mit der umgestimmten Solovioline im zweiten Satz gemeint, mit der Mahler den Tod aufspielen lässt, und zwar, wie er verlangt, „sehr zufahrend (Wie eine Fidel)“?

All diese Fragen und mehr hat sich gewissenhaft auch die Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla beim Vorbereiten und Erarbeiten der Partitur mit ihrem Orchester gestellt. Wie sie das viersätzige Werk erklingen lässt, zeigt, dass es eine endgültige Klärung nicht gibt. Es bleibt alles in wundersamer Schwebe, und das macht den bezwingenden Reiz dieser rätselhaften, nur gute eine Stunde dauernde Sinfonie auch aus. Vortragsbezeichnungen wie „recht gemächlich“ oder „sehr behaglich“ insinuieren, dass es hier gewiss nicht darum geht, emotionalen Überdruck zu erzeugen. Daher bietet auch das Finale – mit dem von Christiane Karg schlicht und innig vorgetragene Lied – keine monumentale Übersteigerung, wie sonst bei Mahler üblich, sondern verspricht Geborgenheit. Aber – wie so oft bei diesem Meister der Stimm- und Stimmungsschwankungen  –  man sollte sich ja nicht in Sicherheit wiegen: Auch seine Vierte hat  einen doppelten Boden. Stimmungen kippen, und man nimmt es kaum wahr, Erwartungen werden enttäuscht, und man wähnt sich weiterhin in trügerischer Sicherheit. Im scheinbar naiven Idyll von Flötenklängen und im Schellengeläute lauern immer schon die Abgründe. – All dies angedeutet zu haben, ohne dadurch das Publikum allzu sehr zu verstören, ist eine Leistung, die nicht hoch genug geschätzt werden kannt. Und gerade das ist an diesem Abend dem fein musizierenden City of Birmingham Symphony Orchestra, der herrlich „naiv“ singenden Christane Karg und der musikalischen Leiterin Mirga Grazinyte-Tyla, die Mahlers Ambiguitäten ernst nimmt, hervorragend gelungen.

Für den herzlichen Applaus bedankt sich das Orchester mit einer kurzen Mahler-Zugabe. Die Dirigentin aber retourniert dann den Dank an die Zuhörerschaft und lädt alle nächstes Jahr nach Birmingham, wo das im Jahr 1920 mit einem von Edward Elgar geleíteten Konzert begründete Orchester sein 100-Jahr-Jubiläum feiern wird.

Manfred A. Schmid

28.8.2019

 

 

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