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VICTORIA

24.06.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat Victoria~1

Ab 26. Juni 2015 in den österreichischen Kinos
VICTORIA
Deutschland  /  2015 
Regie: Sebastian Schipper
Mit: Laia Costa, Frederick Lau, André M. Hennicke u.a.

Deutschlands Filmkritik stand Kopf vor Begeisterung, von der „Zeit“ bis zum „Spiegel“, und das passiert ja wirklich nicht alle Tage. Warum? Weil Regisseur Sebastian Schipper etwas formal Ungewöhnliches getan hat – obwohl man natürlich nicht sagen kann, dass so etwas noch nicht da gewesen wäre. Schon Brian de Palma begann seinen Film „Snake Eyes“ 1998 mit einer etwa viertelstündigen Kamerafahrt ohne Unterbrechungen, und der Russe Alexander Sokurow hat mit „Russian Ark“ 2002 diesbezüglich das Meisterstück geliefert – eine abendfüllende schnittlose Fahrt durch die Eremitage, von Raum zu Raum.

Doch das waren 96 Minuten, was sind das gegen die 140 Minuten, in denen der norwegische Kameramann Sturla Brandth Grøvlen den Protagonisten von Sebastian Schippers Film „Victoria“ auf den Fersen bleibt, schnittlos hinter und neben ihnen herwackelnd, – eilend, -stürmend, ein quasi nahtloses „Dabei“-Erlebnis liefernd, das wohl das entscheidende Besondere dieses Films ist.

Obwohl (oder weil) hier nichts getrickst wurde – die Geschichte spielt live von halb fünf bis sieben Uhr früh in Berlin, die Dunkelheit ist – ob Kunstlicht in einem hektischen Club, ob wacklige Lampen auf der Straße, und auch keine ausgeleuchteten Zimmer oder Garagen – immer präsent, Schatten irritieren, sehr oft sieht man ganz einfach nicht genau, was vorgeht. Bis die Heldin am Ende in das Morgengrauen davongeht – aber da hat die Geschichte ihre unglaublichen Drehungen und Wendungen genommen, von denen nicht alle überzeugen.

Denn was wie eine realistische Schilderung einer Berliner Nacht beginnt, gleitet ziemlich bald in eine „Raubersgeschichte“, an deren Ende dann so gut wie alle bis auf die Heldin tot sind und dazwischen (bis zu gekidnapptem Kind) vieles geschehen ist, was einfach mehr dem Virtuosenstück, das hier geplant und geliefert wurde, geschuldet scheint als einer stringenten Geschichte.

Diese kann, da sie ununterbrochen in (quasi gehetzter) Bewegung sein muss, auch kaum etwas über ihre Figuren erzählen. Wir erfahren, in einem ungemein realistischen Kauderwelsch zwischen Berlinerisch und dem fürchterlichen Englisch jener, die in der Schule nicht aufgepasst haben, von Titelheldin Victoria nur, dass sie aus Spanien kommt, seit drei Monaten in Berlin lebt, eigentlich niemandem kennt, in einer Kaffeebar arbeitet … ja, und da gibt es die Szene, wo sie wahrlich virtuos Klavier spielt und erzählt, wie tragisch ihre Hoffnung auf eine Solistenkarriere gestrandet ist und mit so viel Negativem sie verbunden war…

Viel mehr erfährt man von Victoria nicht, aber die hinreißende, ungemein jung wirkende Laia Costa (wie ein später Teenager, nicht wie ihre realen 30 Jahre strahlend) muss vieles glaubhaft machen. Dass man sich in einer Nacht, die ihre Eigendynamik hat, wo ganz spät nur noch die Letzten unterwegs sind, wohl auch die Einsamen, von einem Mann anbaggern lässt und mit ihm und seinen Freunden weiterzieht, auch wenn diese nicht sehr vertrauenswürdig erscheinen – ja, man kann es sich vorstellen. Von diesen vier Männern profiliert sich auch nur der einzige, der von Victoria so faszinierte, der sich „Sonne“ nennt (überzeugend: Frederick Lau), während man den anderen nur ansieht, was sie sind – ganz offensichtlich Kleinkriminelle.

Die alte Wahrheit, dass man nicht mit fremden Männern mitgehen soll, bewahrheitet sich, als die vier abpaschen, weil sie „noch etwas zu erledigen“ haben, aber schnell wiederkommen, weil einer von ihnen (offenbar besoffen und krank) ausfällt: Dass Victoria nun als „Chauffeuse“ bei einem „Deal“ mitmachen soll, der von Ferne zum Himmel stinkt – ja, da beginnt nun der Krimi, der von Minute zu Minute unglaubwürdiger wird. Nur der Auftritt des Gangsters Andi  in der Garage ist dank des Darstellers André M. Hennicke total überzeugend (weil „echtes Kino“ in der etwas gezwungenen Realismus-Show dieses Films): Der fordert von „Boxer“, einem von Sonnes Freunden, 10.000 Euro dafür ein, dass er einst im Gefängnis von seinen Leuten „beschützt“ wurde. Dafür sollen die vier nun einen Bankraub begehen. Als Boxer verspricht, das Geld in einer Woche zu besorgen, meint Andi ganz cool, das könne er gerne tun – er behalte bis dahin das Mädchen als Geisel. Man traut es ihm zu, der Bankraub ist also eine abgemachte Sache.

Und dann wird es wirklich total wirr mit Turbulenzen, Schießereien, dem Dahinsterben zweier Beteiligter, und wie Victoria ihren angeschossenen Sonne dann (da spielt inzwischen auch noch ein Baby eine Rolle) in eine fremde Wohnung schleppt… das ist einfach zu viel. Interessante junge Frau übrigens: Als er tot ist, geht sie weg. Kein dramatischer Zusammenbruch. Also, wie diese Heldin dieses Films in ihrem Innersten tickt, bekommt man eigentlich nicht mit…

Das Virtuosenstück hat, wie gesagt, funktioniert, es entwickelt vor allem zu Beginn seine eigene Stimmung und den eigenen Sog der Berliner Nacht. Wenn die Geschichte aber mehr und mehr mit unglaubwürdiger Action aufgefüttert wird, gibt man auch für die Kunst des Kameramanns nicht viel. So gut, wie die Kollegen schrieben, kann man „Victoria“ leider nicht finden.

Renate Wagner

 

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