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VERBLENDUNG

09.01.2012 | FILM/TV

Ab 13. Jänner 2012 in den österreichischen Kinos
VERBLENDUNG
The Girl with the Dragon Tattoo / USA/  2011
Regie: David Fincher 
Mit: Daniel Craig, Rooney Mara, Stellan Skarsgard, Christopher Plummer, Joely Richardson u.a.

Der ORF hat Hollywood bzw. dem Verleih Sony vermutlich keinen Gefallen getan, als man in der Nachweihnachtszeit die sechsteilige schwedische Verfilmung von Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie gesendet hat. Denn wer hier nur einigermaßen am Anfang hineingefallen ist, dürfte auch hängen geblieben sein. Das heißt, er kennt die faszinierende Story der drei Romane / Filme und hat vermutlich die Figuren von Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander in der Verkörperung von Michael Nyqvist und  Noomi Rapace dermaßen angenommen, dass er sie gar nicht anders haben möchte. Abgesehen davon, dass die Geschichte natürlich nicht mehr so interessant ist, wenn man sie kennt – samt kruden Wendungen und Lösungen…

Aber was interessieren Hollywood ein paar schwedische Filme (wenn sie nicht von Ingmar Bergman sind und in Arthouse Kinos laufen)? Man hat immer wieder europäische Vorlagen neu verfilmt, weil man sich nicht auf die Originalfassungen einlassen wollte (zumal, wenn niemand in den USA die Darsteller kennt) – Franzosen und Italiener haben ihre Originale oftmals nicht wieder erkannt. Nun sind die Stieg Larsson-Bücher an der Reihe. Und wenn man Daniel Craig in der Hauptrolle einsetzt, der dafür sorgt, außer James Bond immer noch eine Menge anderes zu spielen, dann hat man einen der momentanen Kassenstars aufzubieten. Abgesehen davon stolpert man bei jeder Einstellung über irgendein Qualitätsgesicht des amerikanischen Kinos. Nur Lisbeth Salander… ja, diese Besetzung war nicht so einfach.

Lisbeth Salander ist neben Mikael Blomkvist, einem ehrenwerten Enthüllungsjournalisten, die Hauptfigur der Bücher, sie ist das Besondere daran, sie hat mit einiger Sicherheit den Erfolg „gemacht“. Denn Larsson (der übrigens verstorben ist, Fortsetzung folgt nicht, obwohl es angeblich noch Bücher von ihm gibt, die die Erben in Geldgier zurückhalten) hat einen schier unmöglichen Spagat geschafft: ein Geschöpf zu kreieren, das von allen Regeln abweicht und dennoch nach und nach die volle Anteilnahme und Sympathie des Lesers / Kinobesuchers erringt. Lisbeth Salander erscheint als Punker-Queen in schwarzem Leder, das Gesicht vielfach gepierct, die Haare mit Gel wild himmelwärts stürmend – ein Bürgerschreck. Und ohne die geringste Kommunikationsbereitschaft der Mitwelt gegenüber (es gibt nur wenige, ganz wenige Ausnahmen, etwa ihr erster Vormund, der gut zu ihr war).

Wer spielt eine Rolle wie diese, mit der Aufgabe, die Zuschauer wider alle Regeln zu gewinnen? Im schwedischen Original war es Noomi Rapace mit fabelhafter Undurchdringlichkeit, immer die tragischen Tiefen ihrer Seele spürbar machend. Hollywood hat sich für die nicht sehr bekannte 26jährige Rooney Mara entschieden, die optisch der schwedischen Kollegin verblüffend gleicht (die Vorgaben prägen schließlich sehr stark), letztendlich attraktiver und nicht ganz so störrisch wirkt wie diese (man ist in einem Mainstream-Film), nicht so sperrig, nicht so interessant, und die auch nicht ganz dieselbe Power-Persönlichkeit für die schwierige Rolle bietet.

Wie Lisbeth Salander so „anders“ geworden ist, erfährt man ausführlich erst in Teil 2 und 3 von Buch / Film. Im ersten Teil wird man nur Zeuge des Missbrauchs durch einen staatlich gestellten Vormund – und ihrer furchtbaren Rache. Denn Lisbeth Salander hat in ihrem Leben Entsetzliches erfahren und gelernt, sich gnadenlos zu wehren. Normalerweise tut sie es als geniale Hackerin am Computer – das ist in unserer Welt längst der Weg, in die Leben und Geheimnisse der anderen einzubrechen. Von dem Besitzer einer Detektivagentur, der sie schätzt, wird Lisbeth beschäftigt, und so recherchiert sie gleich zu Anfang über Mikael Blomkvist. Dennoch dauert es in diesem Film gut eineinviertel Stunden, bis ihre Handlung und jene von Blomkvist sich verknüpfen.

Der erste Roman / Film ist der einzige, der sich nicht zentral mit Lisbeth beschäftigt, sondern die Geschichte einer mächtigen schwedischen Familie in den Mittelpunkt stellt, die mehr Leichen im Keller hat als üblich. Der Familienpatriarch (Christopher Plummer als Henrik Vanger) möchte endlich wissen, wer seine Nichte vor 40 Jahren ermordet hat – spurlos verschwunden ist sie jedenfalls. Blomkvist zieht auf dem Riesenbesitz der verfeindeten Familie ein, die sogar eine eigene Insel hat, und beginnt die Recherche. Einigermaßen höflich ist Martin Vanger (Stellan Skarsgard), während andere Familienmitglieder (etwa Geraldine James) das Graben in der Vergangenheit nicht sonderlich schätzen. Blomkvist reist einer „geflohenen“ Vanger-Dame (hintergründig: Redgrave-Tochter Joely Richardson) sogar bis London nach.

Aber erst, als er Lisbeth als Mitarbeiterin ins Boot holt, kommt Bewegung in die Recherche: Ist Harriet Vanger getötet worden, weil sie etwas über eine Serie von Morden wusste, die möglicherweise ihr Vater begangen hat?

Vergleicht man die Verfilmung von David Fincher, der einen typischen Hollywood-Thriller geliefert hat, mit dem schwedischen Original, so ist dieses in seiner ehrlichen Nüchternheit um einiges sympathischer als das tremolierende Ausspielen der Dramatik. Aber man kann dem vorliegenden Film seine Qualität nicht absprechen, zumal Regisseur Fincher Fachmann für diese Art von „Suspense“ ist – und es gibt genügend Szenen, die ihm liegen: Lisbeths brutale Vergewaltigung und ihre noch um einiges grausamere Rache; Blomkvist in den Händen des brutalen Mörders, aufgehängt, im Nylonsack fast erstickend.

Im übrigen zelebriert der Film ein winterliches Schweden, so dass man richtig mitfriert, das Riesenanwesen der Vanger, Blomkvists Haus dort, die Recherchen, die Eleganz der Darsteller. Dramaturgisch läuft manches anders als in der schwedischen Verfilmung, vor allem hat man die Lösung vereinfacht – Blomkvist muss nicht mehr bis Australien reisen fürs Vanger-Happyend. Tremolierende Musik, die typischen geheimnisvollen Kamerafahrten, die Licht- und Schatteneffekte – das ist einfach hoch gekonnte Machart, gewissermaßen auch die bekannte Fincher-Ästhetik.

Natürlich baut Hollywood auch unnnötige Sentimentalitäten ein – der schwedische Film hat weder eine Tochter für Blomkvist gebraucht noch eine Katze, die von den bösen Vangers gekillt wird. Dafür sah man mehr und Wichtiges von der Zeitschrift „Millennium“ und der Chefredakteurin (hier Robin Wright mit eindeutigem Attraktivitäts-Bonus, aber ohne weitere Rolle), hier verfolgt man die mit blonder Perücke verkleidete Lisbeth lustvoll und ausführlich bis in die Schweizer Bank, wo sie Unrechts-Geld umleitet (auf ihr eigenes Konto).

Und die Lesben-Szene wurde bei den liberalen Schweden nicht so schamhaft unterspielt wie hier –  nun ja, man erlaubt Lisbeth auch echte Gefühle für Blomkvist, die im Buch sehr vage bleiben. Es gibt ja noch zwei Filme, und wetten dass die Amerikaner am Ende für ein Happyend zwischen Lisbeth und Blomkvist sorgen werden, das die Schweden (ganz im Sinn des Buches) in der Luft schweben ließen?

Keine Frage, David Fincher versteht sein Handwerk, der düstere Krimi mit dem interessant-zerfurcht-intellektuellen Craig funktioniert. Aber dennoch: So richtig froh wird man mit diesem Film nur, wenn man die schwedische Fassung (und am besten auch das Buch) nicht kennt. 

Renate Wagner

 

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