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VALENCIA/ Palau de les Arts Reina Sofia: SIMON BOCCANEGRA

14.04.2014 | KRITIKEN, Oper

Valencia: “SIMON BOCCANEGRA” – Palau de les Arts Reina Sofía, 6. u. 9. 4. 2014

 Das tollkühne Bauwerk des Opernhauses sieht von außen inzwischen ziemlich trist aus. Die weißen Fliesen am „Korpus“ sind großteils weg, übrig sind die teils rostigen Metallteile! Ähnlich trostlos wirkten Bühnenbild und Kostüme dieser Wiederaufnahme von 2007. Wie viel davon auf Sparmaßnahmen zurückzuführen war, bleibt Spekulation. Tatsache ist, dass man schon am Programmheft, das nur mehr aus einem mehrfach zusammengefalteten Bogen Papier bestand, erkennen konnte, dass die zwar immer noch kostenlosen, früher aber sehr schönen Programme offenbar nicht mehr leistbar sind. (Mit einem QR Code könnte man sich das Gesamtprogramm herunterladen. Selber schuld, wenn man kein Smartphone besitzt!) Der allgemeine Eindruck der Produktion auf mich war billig und „lieblos“. Dass die Oper eine düstere Grundstimmung hat, muss nicht zwingend bedeuten, dass beim Bühnenbild von Anfang bis Ende nur ein grauschwarzer Einheitsbrei vorherrscht. Die Oper hat ja durchaus ihre lichten Momente, hier leider nicht! Die Szenerie (Ezio Frigerio) bestand vorherrschend aus verspiegelten, grauschwarzen, verschiebbaren Seitenwänden, einem spiegelnden Boden und einer teilweise ebenfalls spiegelnden Rückwand, wo wenigstens fast durchwegs das Meer sichtbar war – meistens grau bis schwarz und gefährlich schillernd. Beim Auftritt einer Person sah man daher mindestens drei zusätzliche Spiegelbilder, bei unterteilten Seitenwänden auch mehr! Die Kostüme – in Grautönen – waren fast durchwegs aus Plastik/Lackstoffen gefertigt oder sahen zumindest so aus. Natürlich glänzte alles, wirkte steif und schwer, war nach Aussage von Plácido Domingo auch unglaublich heiß und stellte so eine unfreiwillige Sauna dar. Verantwortlich für diesen Sadismus war Franca Squarciapino. Kein Ruhmesblatt! Ein wenig Farbe hatten Amelias Kleid und die Mäntel des Dogen, einer davon in Knallrot und besonders nach Plastik aussehend!

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Ratsherrnszene: alles glänzt und schillert: Boden, Meer, Domingo im roten Lackmantel ©Tato Baeza

 Riesige Gitter in Bühnenbreite dienten als Szenenvorhang, unterteilten aber auch Räume. Sie wurden hinauf und hinunter gelassen, auch mitten in Szenen, ihr Einsatz entbehrte meist jeglicher Logik. Zu all dieser Unerfreulichkeit gesellte sich ein Nichts an Personenregie. Die Sänger waren offenbar ganz auf sich alleine gestellt, auch das Bühnenbild bot ihnen keine oder kaum Requisiten für sinnvolles Agieren. Fast jede Möglichkeit, das ohnehin etwas verworrene Stück sinnvoll erscheinen zu lassen, wurde ausgelassen. Wer es das erste Mal sah, dem blieb wahrscheinlich ein Großteil der Geschichte ein Mysterium! Die Lichtregie von Albert Fauna zeichnete sich vor allem durch wenig Licht aus! Wieso bei Simones Arie ans Meer sowohl das Wasser als auch der Himmel immer noch dunkler und drohender wurden, irritierte mich, denn es schien überhaupt nicht logisch, dass sich Simone an der frischen Luft und am Meer erfreute. Etwas zu viel des Symbolismus, denn bis dahin hatte wohl jeder schon mitbekommen, dass Simone dem Tod geweiht war.

 Gottlob wurde man bei der musikalischen Seite entschädigt. Dafür sorgte schon Plácido Domingo, dem die „Nichtregie“ am wenigsten anhaben konnte. Er zog nicht nur durch seine intensive Gestaltung und enorme Bühnenpräsenz in seinen Bann, sondern konnte auch stimmlich mit großartiger Kraft und ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen von Anfang bis Ende überzeugen. Immer wieder beeindruckte vor allem auch seine Art, den Text zu interpretieren. Diese Rolle ist zweifelsohne seine bis jetzt überzeugendste Baritonpartie. Sie bietet ihm alles, hier kann er seine Darstellungskunst für ein facettenreiches Porträt des Dogen einbringen, inklusive eines unglaublich berührenden Todes. Als er am Ende mit einem seligen Lächeln auf seine Tochter zuging und vor ihr völlig überraschend zusammenbrach, ging im Opernhaus ein Schreckensseufzer mit länger anhaltendem Raunen durchs Auditorium.

An seiner Seite als Tochter Amelila/Maria gelang der jungen chinesischen Sopranistin Guanqun Yu ein überzeugendes Rollenporträt. Ihr leuchtender Sopran meisterte die Partie problemlos, könnte aber da und dort noch etwas mehr Pianokultur vertragen.

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Erkennungsszene: Domingo, Guanqun Yu ©Tato Baeza

Amelias geliebter Gabriele wurde vom italienischen Tenor Ivan Magrì gesungen.

Sein schönes Timbre und die unerschütterliche Höhe konnten beeindrucken, leider differenzierte er nicht sonderlich viel und so blieb es oft bei einem Dauer(mezzo)forte. Er bemühte sich als Darsteller, bei ihm war jedoch das Fehlen jeglicher Personenregie am deutlichsten zu bemerken. Im 2. Akt konnte er sich zu mehr Dramatik und Ausdruckskraft steigern, was ihm einen verdienten Applaus und sogar einige Bravorufe nach seiner Arie einbrachte. Das wohlwollende Ohr konnte sogar eine Spur von Träne in der Stimme erkennen. Der 2. Akt gelang in den Ensembles besonders spannend, sehr schön auch das Terzett Simone, Gabriele, Amelia/Maria, die 3 Stimmen harmonierten wunderbar. Begeisterter Szenenapplaus war die Folge.

Erfreulich war der Fiesco des Vitalij Kowaljow. Auch seine Gestaltung ist gereift und besitzt mehr Autorität, seit ich ihn im Februar 2012 in Los Angeles erlebt habe. Er sang nie auf Effekt, was sich besonders in seiner ersten, innig und berührend gestalteten Arie wohltuend bemerkbar machte. Die Stimme ist eher gedeckt, erklimmt aber problemlos alle Höhen und besitzt auch die nötige Tiefe. Eindrucksvoll und schaurig gelang die Erkennungsszene Fiesco – Simone im 3. Akt und das nachfolgende, sehr ergreifende Schlussduett.

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Prolog: Domingo, Kowaljow im Plastikgewand vor Gitterwand! ©Tato Baeza

 Der Paolo des armenischen Baritons Gevorg Hakobyan konnte stimmlich überzeugen, ihm vergönnte der Regisseur aber nicht die mindeste Möglichkeit für eine etwas aufregendere Darstellung. Als er zur Vollstreckung des Todesurteils geführt wurde, marschierte er gemütlich herein, ein wenig am Arm gehalten von den Wächtern. Ein paar Ketten oder Fesseln, an denen man zerren könnte, hätten dem Sänger geholfen, etwas Dramatik in die Szene zu bringen.

Der Russe Sergei Artamonov stellte den Pietro mit kräftigem Bass rollendeckend dar. Aus dem Centre de Perfeccionament Plácido Domingo kamen Valentino Buzza als Capitano und Chiara Osella als Dienerin. Der Cor de la Generalitat Valenciana (Leiter: Francesc Perales) erledigte seine Aufgabe verlässlich.  

Evelino Pidò erwies sich wiederum als sehr aufmerksamer Dirigent, der einerseits die nötigen dramatischen Akzente setzte, andererseits nie auf Kosten der Sänger agierte. Sie konnten sich blindlings auf ihn verlassen. Auch die Tempi waren harmonisch und natürlich. Am 9. 4. dirigierte Jordi Bernàcer. Obwohl er seit den Anfängen des Orquesta de la Comunitat Valenciana (OCV) mit dem Klangkörper vertraut ist, hatte man den Eindruck, dass er zwar beim Publikum und Orchester sehr beliebt ist, seine Anwesenheit aber bei den Sängern eher für Irritationen sorgte. Keiner von ihnen konnte die Höchstleistung vom 6. 4. wiederholen, da Vorsicht angesagt war. Manche Tempi waren ungewohnt langsamer, andere schneller und nicht immer harmonisch. Auch ließ er es mehrmals ein wenig zu viel „krachen“, wobei es sicher nicht an der Akustik lag, da ich bei beiden Vorstellungen fast am selben Platz saß. Ich war mit Bernàcer also nicht besonders glücklich.

 Großer Jubel für alle Beteiligten, wobei die Phonzahl des Applauses und der Bravorufe beim Erscheinen von Plácido Domingo noch hörbar anschwoll. Leider ist es auch hier offenbar üblich, dass der Vorhang nach einer bestimmten Minutenzahl unweigerlich herunterkommt und so der Applaus abgeschnitten wird. Vielleicht ganz angenehm für die Künstler und fürs Personal, aber für applaussüchtige Staatsopernbesucher schon ein wenig traurig.

 Margit Rihl

 

 

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