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UND DANN DER REGEN

21.03.2012 | FILM/TV

Ab 23. März 2012 in den österreichischen Kinos
UND DANN DER REGEN
Tambien la Lluvia  /  Spanien, Mexiko  /  2010
Regie: Iciar Bollain
Mit: Gael Garcia Bernal, Luis Tosar u.a.

Wir sind irgendwo in Bolivien. Eine europäische Filmcrew sucht einheimische Statisten. Sie sind erstaunt, wie aggressiv die Indios reagieren, die abgewiesen werden – offenbar haben Costa, der Produzent, und Sebastian, der Regisseur, keine Ahnung, wie dringend die Leute einen Job und ein paar Dollar extra brauchen…

Sie sind ein politisch korrektes Team und wollen einen Film über  Columbus drehen. Nicht die übliche Jubelstory über den Entdecker der Neuen Welt, sondern einen wirklich kritischen. Aufzeigen beispielsweise, wie grausam sich die weißen Herrenmenschen gegen die eingeborenen Indianer verhalten haben…

Ja, und darum geht es. Theorie und Praxis. Der Film und das Filmteam. Paul Laverty hat ein wirklich „sozialkritisches“ Drehbuch geschrieben, in dem über kurz oder lang klar wird, dass sich auch die Filmcrew gegenüber den Einheimischen wie „Herrenmenschen“ verhält und von deren Problemen eigentlich nichts wissen will: Man möchte sie einfach nur als „Dekoration“ für den Film benützen. Aber diese Indios haben andere Sorgen, als in einer künstlichen Welt von gestern zu agieren, etwa einen Brunnen, den ihnen die Regierung verweigert, denn Menschen, die zwei Dollar im Tag verdienen, können sich die Wasserpreise nicht leisten. Und bald merken die Europäer, dass sie von einer inkompatiblen Situation stehen – und früher oder später Prioritäten setzen müssen. Und die Regisseurin Icíar Bollaín führt ihre europäische Filmcrew gleichzeitig mit den Kinobesuchern nach und nach in eine andere Welt mit ihren Problemen.

Anfangs geht es nur um die Dreharbeiten, die mit leisem Humor gezeigt werden: Das Drehen eines Films im Film ist ein klassisches Sujet. Aber hier sieht man immer die verständnislosen Gesichtern der Indios im Hintergrund: Sie verstehen nicht, was sie da sollen, und manches verweigern sie auch zu spielen, weil sie es eben im wirklichen Leben nicht täten. Aber eines ist klar: Sie sind kein williges Vieh, das einfach tut, was man von ihm verlangt…

Das Drehbuch über den kritischen Columbus-Film fördert Unrecht und Ausbeutung in der Geschichte hervor. Aber die Gegenwart besteht gleicherweise aus Unrecht und Ausbeutung – der Kolonialismus ist nicht tot. Das klingt recht analytisch, ist aber kein theoretischer Film, hält sich an die beiden europäischen Hauptfiguren, wobei der Regisseur (Gael Garcia Bernal) als der Idealist, der Produzent (Luis Tosar) als der Realist fungiert, der Zusatzkosten aller Art scheut, er ist schließlich nicht wie Wohlfahrt. Aber wie es nun einmal schon so ist mit Drehbüchern, drehen sich die Positionen im Verlauf des Geschehens um…

Denn nach und nach geht es nicht mehr um den Film, sondern um die blutigen politischen Unruhen im Land, und Daniel (Juan Carlos Aduviri), einer der heimischen Hauptdarsteller, ist in der Bürgerrechtsbewegung aktiv. Die Indios fordern nun das Interesse, die aktive Anteilnahme der Weißen, die diese vorgetäuscht oder billig gegeben haben, als es noch keine Anstrengung erforderte, wirklich ein. Das im Film dargestellte Indianerelend, das man vorführen will, ist nicht schlimmer als das echte Elend, das man nun mit ansieht. Und nun geht es (auch für den Kinozuschauer, der vermutlich ein europäischer Realist ist) darum zu begreifen, dass es wichtigere Probleme gibt, als einen Film zu drehen.

Am Ende gibt es mehr hilfsbereiten Heroismus als glaubhaft, die Bereitschaft des Produzenten, die eigene Sicherheit aufs Spiel zu setzen, um die Tochter seines Hauptdarstellers im blutigen Aufstand zu finden. Nun, wieder einmal war alles sehr gut gemeint. Doch wäre nicht am Ende so viel Kitsch zusammen geronnen – man könnte hier wirklich von einem Film sprechen, der sein Thema in den Griff bekommen hat. Und vielleicht auch den europäischen Kinobesucher für ein Thema aufweckt – ihn allerdings mit dem schlechten Gefühl zurücklässt, dass er gar nichts tun kann. Nicht dort und nirgendwo in der ersten, zweiten und dritten Welt, wo laufend Unrecht geschieht und Blut vergossen wird. Im Grunde hat die Regisseurin hier dasselbe getan wie ihr Held mit seinem Columbus-Film: Sie hat „nur“ einen Film gedreht… Aber was kann man sonst tun? Immerhin etwas. Das fanden auch die Juroren bei den Berliner Filmfestspielen 2011, es gab den Panorama-Publikumspreis in der Kategorie Spielfilm.

Renate Wagner

 

 

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