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Ulrike Ladnar: WIENER VORFRÜHLING

20.08.2013 | buch

Ulrike Ladnar: 
WIENER VORFRÜHLING
Historischer Kriminalroman
474 Seiten, Verlag Gmeiner 2013

Die historischen Kriminalromane, auch jene, die im Wien der (ausgehenden) Monarchie spielen, sind sehr beliebt. Aber nicht jeder Autor nimmt es so genau wie Ulrike Ladnar, die in Deutschland lebende Österreicherin (geboren in Baden bei Wien), die gleicherweise die Seele einer Historikerin und einer engagierten Sozialistin in sich trägt. Darum erfährt man auch manches, wie der „Wiener Vorfrühling“ des Jahres 1917 in der Realität ausgesehen hat – die halbleeren Märkte und die kreativen Versuche der Herrschaftsköchinnen, doch etwas auf den Tisch zu bringen, das ihnen Ehre macht, die immer mehr herunterkommenden „unteren Stände“ und die aus dem Krieg heimgekehrten Krüppel auf der Straße, aber nebenbei noch immer die feinen Herrschaften aus den Welten von Geld und Adel, die meinen, sich alles erlauben zu können…

Die „Krimi“-Handlung des Buches ist deshalb so stark, weil sie so tief in die Zeit hinein sieht, die sie schildert. Einerseits geht es um Handel mit Kindern, Missbrauch von Buben für Pornofotos und reiche Herren, die sich an ihnen vergehen – und engagierte Frauen, die dieses zu verhindern suchen und vielfach mit dem Leben bezahlen. Andererseits kann man sich durchaus vorstellen, dass sich kranke Hirne schon damals eine Art „Lebensborn“ ausgedacht haben, um für die alten Männer die Söhne, die im Krieg gefallen sind, zu ersetzen… Das wird zunehmend spannender, die Recherchen werden von einigen sehr interessanten Leuten geführt (besonders drollig der ehemalige Polizist Pospischil), die Autorin bietet die Täter auf dem Tablett an, aber wer wirklich dahinter steckt, erfährt man erst am Ende.

Im übrigen ist das Buch eine Fortsetzung. „Wiener Herzblut“ ist vor eineinhalb Jahren erschienen und hat eine so sympathische, großbürgerlich-intellektuell-liberale Familie in den Mittelpunkt gestellt, dass man dieser sehr gerne wieder begegnet. Auch wenn Sophia, die man damals besonders ins Herz geschlossen hat, diesmal nicht gänzlich im Mittelpunkt steht. Dorthin rückt ihre Stiefmutter Ada, die in dem Waisenjungen Albert einen Ersatzsohn erhält, um den dann auch heftig gekämpft wird…

Mag sich das (inklusive Sophias neuem „Love Interest“ – sie ist schließlich Witwe) auf der Ebene des gehobenen Frauenromans abspielen, wobei diese Damen der Oberschicht nichts anderes im Kopf haben, als ehrlich den Frauen  der Unterschicht zu helfen, so spricht Ulrike Ladnar mit der Figur der jungen Ärztin Mascha einen besonderen wichtigen Aspekt der Monarchie an: Wie eine Generation junger liberaler Juden ihren Weg aus den orthodoxen Elternhäusern suchte, um ihre eigene Emanzipation zu erreichen, was angesichts starker Bindungen keinesfalls leicht fiel…

Ja, und weil man im Wien von 1917 ist, kommen natürlich – wenn auch nur ganz kurz – Arthur Schnitzler oder Sigmund Freud vorbei. Schließlich ist es ihre Welt, in denen sich die Helden von Ulrike Ladnars Roman (Lesefutter vom feinsten, sehr schön geschrieben) bewegen.

Renate Wagner

 

 

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