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Ulrike Ladnar: WIENER HERZBLUT

25.03.2012 | buch

Ulrike Ladnar: 
WIENER HERZBLUT
Ein historischer Kriminalroman
428 Seiten, Verlag Gmeiner, 2012

Am Umschlag lächelt eine schöne, geheimnisvolle Klimt-Dame, und die ewige Schnitzler-Weisheit von „Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug“ ist dem Roman vorangestellt. Wir befinden uns also (in diesem Fall im Jahr 1913 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs) im Wien der Habsburger-Monarchie, das derzeit ein ganz besonders angesagter Schauplatz für Krimis ist, und schon auf den allerersten Seiten kommt das erste tote Mädchen vor.

Dann darf man sich in diesem Roman von Ulrike Ladnar  (gebürtig in Baden bei Wien, in Deutschland lebend, schreibend sozusagen in ihre Heimat zurückgekehrt)  gewissermaßen gemütlich zurücklehnen und die Figuren genießen, die man in ruhigen, ausführlichen, psychologisch ausgependelten Schilderungen kennen lernt, wobei die Autorin großen Wert auf das jeweilige Ambiente legt.

Dabei läuft das Buch auf zwei Ebenen. Die kursiven Passagen führen uns in die Gedankenwelt der Ich-Erzählerin Sophia von Wiesinger, einer klugen jungen Frau, Studentin, befreundet mit dem aufstrebenden Dichter Ferdinand. Dieser darf sogar den Dichter Arthur Schnitzler „Onkel“ nennen. Freilich, ob Ferdinand, der seine Sophie männlich-machohaft gern von oben herab behandelt, der richtige Mann für sie ist, das muss sich im Lauf der Handlung herausstellen. Dass man einen großen Teil des Geschehens jedenfalls immer wieder durch Sophias sensible Augen und Gedanken erlebt, ist ein besonderer Reiz des Buches.

Der parallele Teil der Handlung (in normaler Schrift) bewegt sich sozusagen in der realen Welt, wo es reichlich Verbrechen gibt, nämlich eine Reihe von Morden an jungen Frauen, die alle als Selbstmorde oder Unfälle getarnt werden. Da wird es für Sophia, die ambitioniert an den Recherchen nach dem Täter teilnimmt, sogar nötig, in eine falsche Identität zu schlüpfen und gewissermaßen „verdeckt“ zu ermitteln. Als sie schließlich darauf kommt, was hinter den Morden steckt (dass es mit Arthur Schnitzlers „Reigen“ zu tun hat, darf verraten werden!) – da ist der Krimi befriedigend zu Ende geführt, nicht ohne unsere Heldin zuvor noch gewaltig in Gefahr zu bringen…

Ulrike Ladnar steigt hier voll in die Zeit ein, die sie schildert, nicht nur in der Gestalt von Dr. Sigmund Freud, der mit ein paar kurzen Analysen hilfreich sein darf. In der Welt der in Wien lebenden Serben brodelt es in Richtung Sarajewo, und wir lernen auch anhand der Schicksale der ermordeten Frauen viele der „einfachen“ Leute  kennen, die das damalige Wien bevölkerten, was dank der plastischen Schilderungen und dem Humor der Autorin zum Lesevergnügen wird. Es ist wahrlich ein rundes, ausführliches, sorgfältiges Buch, ein Stück damalige Zeitgeschichte.

Wenn es um Heldin Sophia geht, befindet man sich natürlich in den besseren Kreisen. Ihr Vater, der Hofrat von Wiesinger, ist ein höherer Polizeibeamter und gemeinsam mit seinem sehr sympathischen Kollegen Dr. Sachtl mit den Ermittlungen befasst. Im übrigen sorgt Ulrike Ladnar dafür – und insofern ist ihr Buch dann auch ein  Frauenroman -, dass sich auf der Ebene der Hauptfiguren wertvolle menschliche Beziehungen spinnen. Die zwischen Felix von Wiesinger und der verwitweten, auf Anhieb so sympathischen Ada von Grüningen liegen so auf der Hand, dass sie bald ein Ehepaar werden. Aber auch Sophias Neigungen spitzen sich im Lauf des Geschehens zu – und anders als ursprünglich vorgesehen.

Und am Ende ist man allen Beteiligten so nahe, dass man gleich weiter lesen möchte. Eine Fortsetzung wünscht man sich dringlich.

Renate Wagner

 

 

 

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