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TRIEST: IL CORSARO / VENEDIG: I MASNADIERI

19.01.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Verdi-Raritäten in Italien: Triest „IL CORSARO“ am 17. 1. und Venedig „I MASNADIERI“ am 18. 1.2013


Foto: Fabio Parenza

Das Verdi-Jubiläum gibt Gelegenheit, absolute Raritäten aus seinem Opernschaffen auf der Bühne zu erleben, so „Il Corsaro“ nach Lord Byron. Der Korsar Corrado ist mehr ein edler Ritter als ein Seeräuber. Er liebt Medora. Zunächst kämpft er gegen die Osmanen, verliert aber die Seeschlacht. Er verkleidet sich als Derwisch, um nicht erkannt zu werden. Seine ebenfalls gefangenen Korsaren setzen die osmanische Flotte in Brand, während der Sieg der Osmanen gefeiert wird. Corrado wird erkannt und zu Tode verurteilt, aber die Lieblingsdame im Harem des Paschas Gulnara verliebt sich in Corrado und verhilft ihm zur Flucht. Medora hat von dem Unglück des Corrado gehört und vergiftet sich. Als dieser zurückkommt, ist es zu spät, sie stirbt. Er tötet sich draufhin selber und die nachgekommene Gulnara nimmt sich selber ebenfalls das Leben.

Die frühen Werke Verdis sind natürlich noch von den Meisterwerken entfernt, aber sie haben den Schwung und die Frische der Jugend. Große Arien voller schöner Melodien und zündende Cabaletten begeistern das Publikum.

Die Co-Produktion mit Monte Carlo wurde vom recht bekannten Dirigenten Gianluigi Gelmetti ausgezeichnet geleitet, er wusste die Höhepunkte sicher zu setzen und er inspirierte das Triester Orchester zu einer großen Leistung. Der Dirigent machte auch die Regie und dies gelang ihm ganz gut. Auffallend: im Harem schmusen die Damen eifrig miteinander. Die Bühne von Pier Paolo Bisleri ist deutlich von Chirico und Magritte beeinflusst, spricht aber sehr gut an und zeigt schöne Bühnenbilder, realisiert vom Maler Franco Fortunato. Recht geschmackvoll wirken die Kostüme von Giuseppe Palella. Der Chor wurde von Paolo Vero einstudiert und wirkte bestens.


Foto: Fabio Parenza

Luciano Ganci sang die Tenorrolle des edlen Korsaren Corrado. Seine Stimme klingt hell, sie ist recht groß und wirkt manchmal trompetenartig. Er bewältigte alle Gesangsklippensehr gut. Er ist in Italien viel beschäftigt. Seine geliebte Medora war die aus Rumänien stammende Mihaela Marcu mit einen lieben, gut geformten Stimme. Sie studierte in Wien, sang bereits in Belgien und den Niederlanden und viel in Italien. Sie besitzt eine gute Technik und wird ihren Weg machen.

Die Lieblingsdame Gulnara aus dem Harem des Pascha sang die auch in Wien bekannte Paoletta Marrocou. Sie war bereits an vielen großen Häusern zu hören und sie bewährte sich diesmal sehr gut. Sie hat viel Erfahrung und weiß die Effekte richtig zu setzen. Ihre Rolle ist relativ groß. Der Pascha Seid war der auch in Wien und an vielen Häusern der Welt eingesetzte Bariton Alberto Gazale. Er sang seine Rolle wirklich sehr eindrucksvoll, überzeugend und er hatte große Wirkung auf das Auditorium. Sein Bariton klingt balsamisch.

Recht ansprechend sang Michail Ryssov den Assistenten Giovanni des Corrado. Gute Ergänzungen kamen von Romina Boscolo und von Alessandro De Angelis/un schiavo.

Das Publikum war von der Aufführung sehr angetan und begeistert und spendete einen für Italien recht starken und langen Beifall. Auf jeden Fall war es ein interessantes Erlebnis.

Venedig: „I  MASNADIERI“ Premiere 18. 1.2013


Auf dem Tisch: Der „böse Bruder“ Francesco. Foto: Michele Crosera

Diese Produktion einer raren Verdi-Oper war eine Co-Produktion mit Neapel. Gabriele Lavia gelang eine starke, überzeugende Personenführung. An der Szene von Alessandro Camera scheiden sich die Geister. Das Einheitsbühnenbild zeigt Graffiti an den Wänden, wobei im Zentrum und groß „libertà, ein Totenkopf und Morte“ zu sehen sind. Seher gelungen sind aber die Kostüme von Andrea Viotti. Nach dem Eindruck des Rezensenten sollen mit dieser Umsetzung von Schillers Räuber, vor allem, mit der Räuberbande, die derzeitigen sozialen Verhältnisse dargestellt werden. Die Räuber sind so etwas wie sozial Ausgeschlossene, Arbeitslose, Orientierungslose. Deren gibt es genug in ganz Europa: unvorstellbar Reiche, eine immer dünner werdende Mittelschicht, und vielen, die niemand braucht. Hilfsarbeiter werden nicht mehr gebraucht. Mit diesen Gedanken im Kopf ´kann die Bühne nicht „schön“ sein.

Ein ganz großes Plus der Aufführung war der noch recht junge Dirigent Daniele Rustioni. Er „heizte“ ordentlich ein, und zwar so stark, dass man meinte ein Meisterwerk zu hören. Die Dramatik der Musik war überrumpelnd. Einen frühen Verdi kann man nicht wirkungsvoller spielen. Es war hinreißend! Das FeniceOrchester lief zur großen Form auf, ebenso war der Chor des Fenice hoch motiviert, von Maestro Claudio Marino Mariotti einstudiert. Der junge Dirigent debütierte erst 2011 und war u. a. schon an der Scala, am Royal Opera House, Turin, Pesaro tätig. Aus dem könnte etwas werden.

Den alten Moor, der seinen Sohn Carlo zu Unrecht verstößt, sang der in Wien gut bekannte Giacomo Prestia mit starken Bass-Tönen. Sein Timbre ist nicht immer elegant, aber mächtig. Der Sohn Carlo, der nach seiner Verstoßung zu einer Räuberbande findet, sang der sehr junge Baske Andeka Gorrotxategui und er war eine volle Überraschung. So eine exquisite, volle, in jeder Lage ausgeglichene Tenorstimme hört man nur sehr selten. Sein Timbre macht einen starken Eindruck, es ist samtig und hat etwas dunklen Glanz. Dazu ist er großgewachsen und sieht gut aus, er bewegt sich gut und sicher auf der Bühne. Auch er debütierte erst 2011. Wenn er auf seine Stimme achtet, wird  man bald viel mehr von ihm hören. Diesen ausgefallenen Familiennamen sollte man sich merken, hoffentlich lässt er sich nicht vorzeitig verheizen.


Foto: Michele Crosera

Der „böse“ Bruder Francesco ist mit Artur Ruciński besetzt. Er spielte den vom Schicksal behinderten (verwachsenen) Bösewicht ganz stark, man meinte das Böse in Person zu sehen. Aber auch stimmlich beeindruckt er sehr nachdrücklich und ließ einen sehr gut ausgebildeten, schönen Bariton hören. Auch er wird seinen Weg machen. Er begehrt die Braut Amalia seines Bruders und versucht mit aller List und Bösartigkeit sie für sich zu gewinnen. Sie heißt Maria Agresta und ist noch jung. Anfänglich, es war ja die Premiere, hatte sie ein deutliches Vibrato in der Stimme, das aber bald völlig weg war. Ihre Stimme hört sich sehr gut an und bewältig die großen Vorgaben, die Verdi seinen Sängern gibt, ganz überzeugend. Es gibt immerhin immer wieder große Tonsprünge, die eine exakte Intonierung verlangen. Darin waren alle Sänger sicher im Treffen des Tones.

Die restlichen drei Sänger der kleineren Rollen waren ebenfalls sehr positiv besetzt, mit Cristiano Oliviero/Arminio, Cristian Saitta/Pfarrer Moser und Dionigi D’Ostuna/Rolla.

So eine winterliche Reise, in Triest blies am ersten Tag der Bora, ein starker, kalte Nordwind von den Bergen, die Leute fast um, kann sehr interessant sein. Verdi-Raritäten in starker Umsetzung machten große Freude und Begeisterung. Es war die Mühe wert.

Martin Robert BOTZ

 

 

 

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