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Traska / Lind: HERMANN LEOPOLDI

28.03.2012 | buch

HERMANN LEOPOLDI
HERSCH KOHN
Eine Biographie
Georg Traska / Christoph Lind
288 Seiten, Mandelbaum Verlag 2012

Der Doppeltitel erstaunt zuerst, aber man erfährt im ersten Satz des ersten Kapitels, dass der Mann, den wir als „Hermann Leopoldi“ kennen, als „Hersch Kohn“ am 15. August 1888 in Gaudenzdorf (heute ein Teil des 12. Bezirks) zur Welt gekommen ist. Die beiden Autoren erzählen in einem ausführlichen, reich und informativ bebilderten Buch hier nicht unverbindlich die Biographie eines „Wienerlieder“-Komponisten, sondern mindestens eine Doppelbiographie dieser populären Gestalt der Wiener „Folklore“ – nämlich mit besonderer Betonung seiner Daseins als Jude. Das erklärt sich schon aus dem Verlag, dessen Schwerpunkt jedenfalls auf jüdischen Themen liegt.

Der „Hersch“, der ein „Hermann“ wurde und ein „Leopoldi“, denn so hatte sich schon der Vater genannt, kam aus einer durch und durch musikalischen Familie: Talent für Musik und für die Bühne wurden da vererbt, bereits Vater Leopold war ein Allround-Musiker in allen Traditionen der Doppelmonarchie, und auch der Bruder von Hermann, Ferdinand, ergriff denselben musikalischen Beruf, die beiden traten oft gemeinsam auf.

Hermann Leopoldi (wie wir ihn nennen wollen) kam durch den Ersten Weltkrieg, weil ein „Klavierhumorist“ seiner Art für die Moral der Truppen wertvoll war, und er stürzte sich mit seinem ungeheuren Talent, populäre Lieder zu komponieren und vorzutragen, geradezu in die wilden Zwanziger Jahre. Eine zeitlang waren die Brüder sogar selbst „Unternehmer“, als sie gemeinsam mit Fritz Wiesenthal das „L.W.“ benannte Kabarett betrieben. Man konnte nach dem Ende der Zensur nun auch viel schärfer sein als früher, und man passte sich auch mit „Amerikanismen“ dem neuen Zeitgeist an (wie sehr er das noch würde brauchen können, hat damals niemand geahnt). Dass mit „L.W.“ nur alle anderen Geld machten und die Beteiligten nicht, war seltsam, aber eine Tatsache. Aber es warf Hermann Leopoldi nicht wirklich zurück, denn er war auch bei Gastspielen in Deutschland ein gern gesehener Gast.

Es gab neben seiner Gattin und schon vor Helly Möslein andere wichtige Frauen in Leopoldis Leben, obwohl er selbst versucht hat, seine langjährige Partnerin Betja Milskaja gewissermaßen „herunterzuspielen“. Die dreißiger Jahre waren bis zur Machtübernahme der Nazis in Österreich die ganz große Zeit des Komponisten und Interpreten Leopoldi – bis ihn das jüdische Schicksal ereilte. Neun Monate verbrachte er in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald, wo damals noch nicht fabriksmäßig, aber individuell gemordet wurde (man muss sich vorstellen, dort einen „Buchenwälder Marsch“ zu komponieren!), bis seine Frau, die schon in den USA war, seine Freilassung erreichte. In New York angekommen, küsste Leopoldi die amerikanische Erde (es gibt einen amerikanischen Zeitungsausschnitt dazu) – sein Bruder war nicht davongekommen, er starb an den Spätfolgen eines Gestapo-„Verhörs“.

Der Glücksfall für Leopoldi in den USA war seine Vielseitigkeit als Musiker, die Chancen, die er bekam (im Lokal „Alt Wien“ in Manhattan und anderen „Wiener“ Etablissements in der Emigration) – und die Begegnung mit Helly Möslein, die (er war von seiner Frau bereits weitgehend entfremdet) entscheidend wurde für den Rest seiner noch verbleibenden zwei Lebensjahrzehnte. Warum sich die 25jährige Helly in den mehr als doppelt so alten Leopoldi verliebte – das war eben Schicksal, für beide. Helly, die gebürtige Wienerin, die einen Großteil ihres Lebens in Amerika verbracht hatte, war als Autorin und Sängerin die kongeniale Partnerin von Leopoldi, die auch  dafür sorgte, dass er in seinen „amerikanischen“ Jahren den Geschmack des dortigen Publikums traf. Sie ging mit ihm 1947 nach Wien (wo der gemeinsame Sohn Roland 1955 geboren wurde), von da an nannte man beider Namen nur gemeinsam, und so traten sie auch immer auf.

Hermann Leopoldi starb 1959 und bekam ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof – nicht, was gewissermaßen typisch ist, im jüdischen Teil. So konnte auch Helly Möslein nach ihrem Tod 1998 dort begraben werden.

Dieses Buch ist in mancher Hinsicht bemerkenswert, nicht nur, weil es seine Kapitel an den Titeln von Leopoldi-Schlagern entlang führt, von denen man die meisten auf der im Buch enthaltenen dazugehörigen CD hören kann.

Darüber hinaus zitieren die Autoren erstens auf weite Strecken die von Leopoldi selbst geschriebenen, aber nie im Druck erschienenen Memoiren, die sich in der Wien-Bibliothek befinden und die nun solcherart zumindest partiell den Weg in die Öffentlichkeit finden: Vor allem die Aufzeichnungen aus den Konzentrationslagern sind beklemmend.

Zweitens liefern die Autoren bemerkenswerte Analysen, zuerst über das so beliebte „jüdische Kabarett“ der Zwischenkriegszeit, in dem jüdische Komiker sich mit Selbstironie über sich lustig machten – aber, wie „ernsthafte Juden“ sicher nicht ohne Grund bemäkelten, damit auch Klischees fütterten und sich quasi vor einem „arischen“ Publikum klein machten. Man kann dieses jüdische Kabarett auch von der harmlosen Seite sehen (dass „der Jud“ so zur wienerischen „Folklore“ gehörte wie „der Böhm’“ und dies durchaus amikal zu verstehen war), aber auch der andere Gesichtspunkt verdient Beachtung.

Und schließlich überlegen die Autoren auch Leopoldis Haltung nach seiner Rückkehr nach Wien – er konnte nach dem Zweiten Weltkrieg nur in solchen Ausmaße wieder Fuß fassen, weil er selbst darauf verzichtet hat, die Vergangenheit anzusprechen. Andernfalls hätte er angesichts des damals fehlenden Unrechtsbewusstseins vermutlich nur Abwehr ausgelöst – und er war ja doch ein Wiener, der trotz allem wieder „daheim“ sein wollte. Ähnlich verhielt sich übrigens Karl Farkas, was ihm seine Beliebtheit als „Wiener Hausjude“ der Nachkriegszeit sicherte.

Alles in allem – mehr als nur eine Biographie, auch ein Zeitdokument von Rang.

Renate Wagner

 

 

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