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TOTAL RECALL

21.08.2012 | FILM/TV

Ab 24. August 2012 in den österreichischen Kinos
TOTAL RECALL
USA  /  2012 
Regie: Len Wiseman
Mit: Colin Farrell, Kate Beckinsale, Jessica Biel, Bill Nighy u.a.

Zuvor ein „Geständnis“ der unwichtigen Art: Ich habe nicht in alten VHS-Cassetten gewühlt, ob ich dort vielleicht „Total Recall“ mit Arnold Schwarzenegger finde, und ich habe mir auch nicht die DVD besorgt. Ich ging in das Remake des „Klassikers“ von 1990 mit einer vagen Erinnerung an einen wie immer hölzernen Arnie und an eine wilde Hetzjagd irgendwann in der Zukunft. Bei der Pressevorführung diskutierten Kollegen intensiv, ob die Verlegung des Schauplatzes vom Mars auf die Erde sinnvoll sei. Wenn ich da mitreden darf, macht der „politische“ Impakt mehr Sinn, wenn wir auf unserer Welt sind – wenn diese auch im Jahre 2084 so aussieht, dass man als Mensch von 2012 heilfroh ist, dass man dies nicht wird erleben müssen…

Man muss das Ambiente schildern, denn es spielt eine große Rolle, ideologisch wie optisch. Die Welt, die nach einem „Dritten Weltkrieg“ noch übrig ist, besteht aus einer Art „Mutterland“ in England (gelegentlich huschen auf einer „Boden“-Ebene Assoziationen an ein London von einst vorbei) und einer Kolonie am anderen Ende der Welt, also etwa Australien. Praktischerweise reist man schon in einer Viertelstunde glatt durch die Erde (Jules Verne wäre begeistert, der wollte ja nur bis zum Mittelpunkt, jetzt haben wir sie schon durchgestoßen). So kommt man von einem Teil zum anderen – in der so genannten „Freien Welt“, „UFB“ (United Federation of Britain), werden die Arbeiter aus den Kolonien benötigt, im übrigen aber sind diese die verachteten Untertanen. Was wiederum zu den Aktionen einer Widerstandsgruppe gegen den Präsidenten Cohaagen führt… (Hier hält sich das Remake an das Drehbuch der Erstverfilmung, die einige Figuren zur originalen Geschichte dazu erfunden hat.)

Die Optik dieser futuristischen Welt, die auf den verschiedensten Ebenen angesiedelt ist und immer wieder ein paar atemberaubende Effekte bereit hat, macht einen Teil des Reizes dieses Films aus, wenngleich die „armen Leute“ dort (so wie heute) in schäbigem Elend hausen…

So wie Douglas Quaid, der in Gestalt von Colin Farrell unserem Arnie immerhin voraus hat, dass er wie ein kluger Junge wirkt. Man glaubt ihm, dass es ihm keinen Spaß macht, im täglichen Einerlei zwischen dem kolonialen Elend und der UFB-Fabrik herzupendeln und dort künstliche Soldaten zusammen zu bauen. Heute näher als einst ist uns wohl die Idee einer Firma wie „Rekall“, die trüben Erdenbürgern ein alternatives Leben bietet: Denn im Kopf auf Spaziergänge in künstliche Welten und Schicksale zu gehen, ist ja eine zeitlang durch „Virtual Reality“ (von der man im Moment nicht mehr so viel hört) üblich gewesen. Quaid, der von Träumen gequält wird, in der eine andere Frau als seine durchaus geliebte Ehefrau eine Rolle spielt, begibt sich, als er sich auf den „Rekall“-Stuhl setzt, zweifellos auf die Suche nach seinem Selbst, weil er sich in der derzeitigen Fabrikarbeiterhaut nicht daheim fühlt – ein Darsteller wie Farrell kann das spielen.

Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick, dessen Spezialität darin besteht, seinen Lesern –  und im Kino den Helden gleicherweise wie den Zuschauern – den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Die qualvolle Frage, was nun eigentlich wahr und wirklich ist, wird in so vielen Brechungen angeboten, dass sich das „So ist es – ist es so?“ des Luigi Pirandello als Vergleichsthese regelrecht aufdrängt. Allerdings hat sich Regisseur Len Wiseman weniger für die schillernde Vielschichtigkeit der Story entschieden (und folglich auch nicht so sehr für den politischen Aspekt), als auf die Action. Die rast mit voller Pulle los – was allerdings, wenn der Held ununterbrochen auf der Flucht ist und fast keine Ruhepunkte bekommt, der Gefahr der Einförmigkeit in die Arme läuft.

Man verrät wohl nicht zu viel, wenn man sagt, dass Quaid nicht ist, wer er scheint, sondern ein Superagent, wobei nicht klar wird, auf welcher Seite er eigentlich steht – und auch die schöne Ehefrau (an Arnies Seite einst Sharon Stone) macht einige Wandlungen durch. Hier ist es Kate Beckinsale, die kämpferische Qualitäten zeigen kann wie einst in den „Underworld“-Filmen (und auch in Hollywood gibt es natürlich Nepotismus, hier wie dort hat ihr Gatte Len Wiseman Regie geführt – aber sie verdient die Rolle aufgrund von Aussehen, Darstellung und körperlicher Gewandtheit hundertprozentig). Die zweite Frau im zweiten Leben von Quaid ist dann Jessica Biel, die schon über einiges weniger an Charisma verfügt. Geheimnisvoll ist Bill Nighy in der sehr kurzen Rolle des Führers des Widerstandes, während Bryan Cranston keinen Zweifel daran lassen muss, dass der Führer der Freien Welt ein manipulativer Schurke ist. Aber er wäre nicht der Erste, dem man nachsagt, selbst Terroranschläge zu inszenieren, um das eigene Volk mit seiner Armee zu unterdrücken…

Die Geschichte ist, so wie sie hier von der Leinwand kommt, perfekt gemacht in seiner dauernden Bewegung und doch im Grunde relativ schlicht, man hätte ihr etwas mehr an Oszillation gewünscht.

Immerhin – mit Farrell als neuem Helden ist „Total Recall“ gut bedient. Dass man den Film, wie einst die Schwarzenegger / Paul Verhoeven-Fassung, in die Reihe der Sci-Fi-Klassiker stellen wird, ist allerdings nicht anzunehmen.

Renate Wagner

 

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