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TOM SAWYER

26.12.2011 | FILM/TV

Ab 30. Dezember 2011 in den österreichischen Kinos

TOM SAWYER

Deutschland  /  2011 

Regie: Hermine Huntgeburth

Mit: Louis Hofmann, Leon Seidel, Heike Makatsch, Benno Fürmann, Joachim Krol u.a.

Bücher, die von Jung und Alt zu sehr geliebt werden (für die einen aufregende Gegenwart, für die anderen selige Erinnerung) haben es auf der Leinwand schwer, weil jeder seine eigenen Vorstellungen damit herumträgt. Man weiß noch genau, wie Tom und Huck in der eigenen Phantasie ausgesehen haben (möglicherweise mit Hilfe der Illustrationen im Buch, das man damals las…). Wie dem auch sei, der langen Einleitung kurzer Sinn: Die neue deutsche Verfilmung des amerikanischen Klassikers „Tom Sawyer“ ist geradezu glücklich gelungen, und auch optisch käme man absolut nicht auf die Idee, dass man sich nicht am Missouri befindet…

Regisseurin Hermine Huntgeburth hat zwar auch „erwachsene“ Filme gedreht, aber müsste man den Liebling aus ihrer Produktion nennen, würde man doch prompt „Bibi Blocksberg“ sagen. Sprich: Die Dame hat ein Händchen für Kinderfilme, die Erwachsenen behagen, und jede Menge Humor. Und sie kann mit Kindern umgehen – Louis Hofmann als verschmitzter Tom Sawyer und Leon Seidel als rotschopfiger Huckelberry Finn, der durchaus die Aura die leicht verstockten Außenseiters versprüht, sind keine kindlich dalkenden Darsteller, die einem vielen Filme dieser Art vergällen, sondern einfach zwei Jungs, die ihr Autor Mark Twain in die Probleme einer Erwachsenenwelt gestellt hat.

Vielleicht gelingt der Regisseurin nur eines nicht ausreichend: Jene hinreißende Szene, in der Tom den Trick findet, wie man die unangenehme Arbeit des Zaunstreichens so begehrenswert machen kann, dass man sogar dafür bezahlt bekommt. Das hätte ein wenig deutlicher ausgefeilt gehört. Aber sonst…

Sonst ist man in dem kleinen Ort am Fluss, bei Tante Polly daheim, die noch nie so jung und attraktiv erschien wie in Gestalt von Heike Makatsch, die kann doch glatt als Love-Interest mehrerer Herren durchgehen. Jedenfalls ist sie Tom eine herzliebe Tante mit den bekannten Nöten, einen Lausbuben zu bändigen. (Man hat ihr übrigens nur Toms Halbbruder Sid gelassen, die kleine Mary und der schwarze Sklave fehlen, aber der Film wollte die Handlung, die ohnedies schon turbulent ist, wohl nicht mit zu vielen Personen überlassen.)

Die Handlung folgt weitgehend dem Roman, nur der „Showdown“ mit dem Tod des „bösen“ Indianer-Joe (Mark Twain kannte noch keine „Political correctness“, bei ihm durfte auch der Angehörige einer Minderheit ein Schurke sein) wurde kinogerecht mit Absturz in der Höhle dramatisch aufgeblasen – warum auch nicht.

Sonst sind alle köstlichen Schauerelemente gewahrt, von dem Ausflug auf den Friedhof (wo die Jungs den Mord beobachten), ihrer missglückten Flucht ins Piratenleben bis in die Höhle, wo sich Tom mit Becky verläuft. Und im übrigen wird einfach stark gespielt, wobei Benno Fürmann (mit nicht ganz überzeugend aufgeklebter riesiger Hakennase) ein wirklich beängstigender Indianer ist, der Protest gegen die Kleinbürger anbringt, und Joachim Krol die köstliche und berührende Studie des versoffenen Muff Potter hinlegt. Vergnüglich die Frische, mit der Magali Greif die unternehmungslustige Becky Thatcher spielt, der dann nur im Labyrinth der Höhle begreiflicherweise bange wird.

Eine ganz besonders schöne Szene ist jene, wo man Tom für den Besuch bei Richter Thatcher (Peter Lohmeyer) in Anzug und Schuhe steckt, und wie er sie Stück für Stück von sich wegschleudert, als er von dort wegläuft – schöner kann man das Freiheitsbedürfnis des weißen „Proletarier“-Jungen im Vergleich zur saturierten Welt der Kleinstadt nonverbal gar nicht ausdrücken…

Kurz, man freut sich regelrecht darauf, dass Regisseur Hermine Huntgeburth bereits mit derselben Besetzung den „Huckleberry Finn“-Film dreht.

Renate Wagner

 

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