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TODI/ Italien (Umbrien): TODI-FESTIVAL

01.09.2015 | Allgemein, Theater

TODI FESTIVAL vom 25.8.- 31.8.2015

In regelmäßigen Abständen wird die umbrische Kleinstadt Todi immer wieder zu einem der italienischen Orte mit der höchsten Lebensqualität gewählt.

Hier hat der römische Regisseur Silvano Spada in den Achtzigern sein bald sehr erfolgreichesTODI FESTIVAL gegründet. 1998 schied er im Streit mit den Stadtoberen. Nachdem es unterseinen Nachfolgern langsam, aber stetig bergab ging, haben ihn dieselben Personen, die ihn damals verjagt haben, vor drei Jahren wieder zurückgeholt.

Für die heurige Ausgabe hatte sich Spada eine besondere kulturpolitische Volte ausgedacht: bei allen Vorstellungen war der Eintritt(wie zB. auch in den britischen Museen) f r e i. Im Vorfeld heftig diskutiert, erwies sich dieser Schachzug bald als extrem geschickt. Denn 1. gab er den Kulturpolitikern Gelegenheit, sich als Paladine der „demokratischen Öffnung für neue Publikumsschichten und Generationen“ zu präsentieren und 2. unterzog er das Programm selbst einer Art Lackmustest. Manche behaupten zwar, dass was nix kostet, nix wert ist. Wahr ist aber vielmehr, dass man gewisse Dinge nicht einmal geschenkt haben will. Das Publikum von Todi wollte hingegen sehr viel geschenkt haben, und stürmte die Zählkartenausgabe in den Theatern.

Hilfreich dabei war vielleicht auch die Tatsache, dass Todi nicht gerade zu den Avantgardetheaterfestivals zählt. Man pflegt hier in erster Linie die „commedia b r i l l i a n t e“, wie es auf Italienisch so schön heißt(im Deutschen am ehesten mit Boulevardkomödie zu übersetzen).

Und zwar sozusagen als „Schaukasten“,d.h. als Premierenort für Produktionen, die dann im Herbst in Rom Premiere haben oder auf Tournee gehen.

Hervorragendstes Beispiel dafür war „Un coperto in più“ (Ein Gedeck mehr) der italienischen Talkshowlegende Maurizio Costanzo. Da das Stück schon 1973, also v o r der großen TV-Karriere Costanzos geschrieben wurde, sind Vourteile diesbezüglich unangebracht.“Coperto“ ist eine wirklich gut geschriebene, mit überraschenden Wendungen und einem bitteren Ende aufwartende Komödie in der Nachfolge Pirandellos und Eduardo di Filippos. Szenisch etwas unambitioniert, bietet sie in erster Linie die „Unterlage“ für berühmte Schauspielstars, um in ihr zu „brillieren“. In diesem Fall für Maurizio Micheli und Vito, die in Italien offenbar soo beliebt sind, dass sie gleich mit einem heftigen Auftrittsapplaus begrüßt wurden.

„Coperto“ war schon 42 Jahre alt, „Nove“ des gehypten italienischen Autors Edoardo Erba indes eine absolute „Welturaufführung.  Nove = Neun deshalb, weil es sich dabei um neun abgeschlossene, miteinander nicht verbundene Episoden handelt, in denen Mann-Frau Beziehungen in verschiedensten Konstellationen dargestellt werden. Technisch perfekt gemacht(nur mit wenigen Bühnenelementen und raffinierten Hintergrundproduktionen), mit interessanten inhaltlichen Ansatzpunkten und hervorragend dargestellt von Claudia Crisafio und Massimiliano Franciosa...nur die Texte gingen letztlich leider nicht über das Niveau von „gespielten Witzen“, von Sketchen z.B. für die Anke Engelke Show hinaus.

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Ein Liebespaar im Clinch

Low – techiger, aber insgesamt sympathischer „Do not disturb“ von Mario Gelardi, eine reigenartige Szenfolge von Paaren, die sich in einem „Hotelzimmer“ treffen. Körperliche Nähe fast so wie in „Alma“ sorgte dazu noch für eine knisternde erotische Atmosphäre mit den Jung-DarstellerInnen Annalisa Direttore, Fabiana Fazio, Irene Grasso, Mario Di Fonzo und Carlo Caracciolo.

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Mita Medici singt Franco Califano

Einen großen Schwerpunkt des Festivals bildet seit jeher auch die musikalische Unterhaltung. Den Auftakt machte heuer eine neue italienische Version des Erfolgsmusicals Cabaret, dann folgte ein Brecht-Abend mit der Naturgewalt Elena Borelli, eine Marlene Dietrich-Impersonification von Riccardo CASTAGNARI (dessen einziger Nachteil darin bestand, dass er – im Gegensatz zu Marlene – zu g u t sang) und als Höhepunkt schließlich eine Hommage an den letztes Jahr verstorbenen „cantautore“ Franco Califano. Hausherr Spada inszenierte, Gesangsvulkan Mita Medici interpretierte. Eine für den mit dem Schaffen des „Califfen“(wie er von seinen Landsleutengenannt wurde) nicht so vertrauten ausländischen Gast eine phänomenale Entdeckung und eineüberwältigende Erfahrung. Allerdings mit erheblichen Nebenwirkungen: die verfluchten Ohrwürmer- besonders „Tutto il resto è noia“ – gehen einem auch Tage danach nicht mehr aus dem Kopf…

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Riccardo Castagnari singt Marlene Dietrich.

Begleitenderweise gab es Ausstellungen, Installationen,Konferenzen,Filmvorführungen(eine Dokumentation über Peter Stein, eine Rainer Werner Fassbinder Retrospektive) etc.etc.

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Die Immoblilienhaiin und die Klosterschwester

Den stärksten Eindruck im „Kerngeschäft“ der Theateraufführungen hinterließ zu guter Letzt eine Produktion, die sich nicht ganz in das Genre der „brillanten Komödie“ einordnen ließ : Marina Pizzis neues Stück „Clausure“ in der Regie von Francesca Satta Flores.

Die „Handlung“ (Eine zynisch gewordene, zur Immobilienhaiin mutierte Architektin wird durch die Begegnung mit einer Äbtissin, die sie betrügen will, „geläutert“) ist zwar ein wenig fragil, die Dialoge sind aber äußerst geistreich und flüssig geschrieben. Es kann zwar viel gelacht werden,die Sache hat doch viel Tiefgang. Und vor allem werden, anders als beim herkömmlichen Boulevard, alle szenisch relevanten Elemente mit großer Sorgfalt und erlesenem Geschmack behandelt: die abstrahierenden Bühnenbildteile, die exquisiten Requisiten, die die Personen sehr genau charakterisierenden, wunderschönen Kostüme(Adelia Apostolico), das dramaturgisch klug eingesetzte Licht, die durchdachte Organisation der sparsamen und exakten Bewegungen im beschränkten Raum(die atemberaubende „Sala delle Pietre“ im Rathaus von Todi) etc.etc.. Und außerdem standen der Regisseuse mit dem Schauspielerinnentrio Maria Cristina Fioretti, Angiola Baggi und Eugenia Scotti beseelte, intelligente und über ein erstaunliches mimisches und gestisches Ausdrucksrepertoire verfügende Ausnahme- Könnerinnen ihres Fachs zur Verfügung.

„Clausure“ docet: 1. Man kann eine Geschchte im Kloster spielen lassen, ohne dass dabei am Schluss eine Sister Act – Klamotte herauskommt. Und 2. Boulevard muss nicht gleichbedeutend sein mit Schlamperei und Unterforderung des Publikums.

Nächstes Jahr werden die Vorstellungen des Todi-Festivals auch wieder gratis sein. Etwaige Besucher aus Österreich können dann mehr Geld für umbrisches Essen und umbrische Weine ausgeben.

Robert Quitta / Todi

 

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