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Thierry Lentz: 1815

15.12.2014 | buch

BuchCover Lentz, 1815 jpg

Thierry Lentz:
1815
Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas
432 Seiten, Siedler Verlag, 2014

Neben dem Ersten Weltkrieg vor hundert Jahren war der Wiener Kongress vor 200 Jahren „das“ historische Ereignis, das zahllose Dokumentationen, Feuilletons und Bücher nach sich zog. Der Weltkrieg dauerte bis 1918, dürfte aber vorläufig abgefeiert sein (am Ende wird man dann vermutlich aus hundertjähriger Distanz seine Folgen diskutieren). Der Wiener Kongress hält noch 2015 – dann erst hatten vor 200 Jahren die Politiker die Neuordnung Europas so weit zustande gebracht, dass sie zumindest einigermaßen hielt… knapp 100 Jahre, bis zum „Weltkrieg“.

Will man wirklich etwas über ein Thema wissen, dann liest man am besten mehrere Bücher darüber. Denn schon von seinen eigenen Voraussetzungen her wird jeder Autor einen anderen Blickwinkel nehmen, und wenn die Fakten auch gleich bleiben, so erscheinen sie doch unter verschiedener Betrachtung um einiges vielschichtiger.

Solcherart lohnt es sich, „1815“ von Thierry Lentz zur Hand zu nehmen, auch weil der Autor Franzose ist – ein (posthumer) Beteiligter der anderen Art. Denn die Franzosen waren die Verlierer nach der Abdankung Napoleons, und obwohl sie aus der Sicht aller anderen extrem fair behandelt worden waren… sie selbst sahen es nicht so und ihre Geschichtsschreiber auch nicht. Lentz hingegen, Jahrgang 1950, bezeichnet sich als „Kind der deutsch-französischen Versöhnung“ (so sie denn echt ist). Eines ist klar: In keinem anderen Buch über den Wiener Kongress spielt Frankreich eine so große Rolle. Was auch wieder ein interessanter Aspekt ist.

Nachdem Napoleon Europa mit ungeheurer Wucht „umgestaltet“ hatte, so dass von den alten Strukturen wenig geblieben war, wollten voran die Großmächte – Österreich-Ungarn, Preußen, Russland und England – hier die Neuordnung unter sich abmachen. Lentz zeigt, mit welchem Nachdruck und Geschick Talleyrand als Vertreter Frankreichs sich hier in die Gespräche einschaltete, nicht als Vertreter der Unterlegenen, sondern als Abgesandter von König Ludwig XVIII., dem Bourbonen, der nun als „gleichberechtigter“ Souverän wieder „legitim“ auf dem Thron saß. (Der König war aber mit den Ergebnissen letztlich so unzufrieden, dass er Talleyrand nach dessen Rückkehr bald entließ…)

Es ist interessant, wie Lentz am Ende des Buches berichtet, dass sich die Sieger des Ersten Weltkriegs 1919 über den Wiener Kongress informierten und daraus lernten, dass die Besiegten zu den Verhandlungen erst ganz am Schluß einzubeziehen seien, wenn die Verträge ausgehandelt wären… Was die Organisation betraf, so nahm man sich bei den Konferenzen nach dem Ersten Weltkrieg jedoch den Wiener Kongress absolut zum Vorbild – nicht allerdings in der maßvollen Behandlung der Verlierer. Möglicherweise hätte Hitler in einem weniger gedemütigten Deutschland kein so leichtes Spiel gehabt…

Lentz behandelt die populären Lieblingsthemen des Kongresses, die Feste und die schönen Frauen, eher am Ende, wenn man bei ihm auch mehr über die Gastronomie erfährt als sonst: Neben der Tafel des österreichischen Kaisers soll die der Franzosen viel Lob gefunden haben… Auch zählt er alle Aristokratinnen auf, die der russische Zar in seiner Zeit in Wien beglückte: Es sind erstaunlich viele u und die größten Namen des Monarchie-Adels. Und im übrigen hat er auch einiges für die wahre Kultur übrig – dass der Kongress etwa für Beethoven eine „hohe Zeit“ seines Schaffens und seiner Anerkennung war, wird ausführlich behandelt.

Im übrigen liefert Lentz  äußerst lebendige und ausführliche Porträts der Kongress-Teilnehmer und erläutert, Napoleon selbst nie aus dem Auge verlierend, Themensegmente, die sonst meist am Rande bleiben: Wie etwa daran gearbeitet wurde, dessen Gattin Marie Louise (die Tochter von Kaiser Franz) von ihm zu entfremden. Man liest auch ausführlich die Geschichte des sonst mit wenigen Sätzen abgetanen Napoleon-Schwagers Murat, der bis zuletzt versuchte, sich überall durchzuwinden, um sein Königreich Neapel zu behalten, aber am Ende nicht oft genug die Fronten wechseln konnte und vor ein Exekutionskommando kam…

Napoleon selbst hat später, als seine „Hundert Tage“ missglückt waren, eingestanden, dass er zu früh von Elba aufgebrochen sei: Tatsächlich, das macht Lentz ganz klar, hätte alles anders ausgesehen, wenn der Kongress vorbei und die Beteiligten in alle Windrichtungen zerstreut gewesen wären. Die Niederschlagung, die von Wien aus, mit den Verantwortlichen an einem Ort zusammen, konzentriert erfolgen konnte, wäre dann nicht so leicht – vielleicht sogar unmöglich gewesen. Die Geschichte hätte immer auch anders aussehen können…

Der „französische“ Schwerpunkt des Buches ist übrigens kein ideologischer und hindert den Autor nicht, die politischen Aktionen, die zur Neuordnung Europas zu treffen waren, ganz genau zu schildern – abgesehen davon, dass wieder einzelne Komplexe (wie, dass sich besonders die Engländer für die Abschaffung der Sklaverei einsetzten) besonders ausführliche Behandlung erfahren.

Am Ende ist nichts an diesen Kongress-Monaten zu kurz gekommen, und manches deutlicher geworden als anderswo.

Renate Wagner

 

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