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THEATERFEST NÖ / Schwechat: JUX

24.06.2012 | Theater

THEATERFEST NÖ / Nestroy Spiele Schwechat: 
JUX von Johann Nestroy
Premiere: 23. Juni 2012  

Vierzig Jahre lang konsequent und unverwässert einem Thema treu: Die Nestroy Spiele in Schwechat, unverändert (und unveränderlich) unter der Leistung von Peter Gruber, feierten ein besonderes Jubiläum. Der heutige, der immer hinterfragte, der immer grimmig-grinsende Nestroy – das ist längst ein Markenzeichen.

 

40 Jahre – welch eine Leistung, allerdings vom Spielplan her leichter zu erfüllen als Bayreuth, denn es gibt wesentlich mehr Stücke. Der Griff nach dem Populären ist hier eher selten, aber zum Jubiläum… „Einen Jux will er sich machen“ wird heuer lapidar auf „Jux“ verkürzt, und das hört sich so scharf an, wie es gespielt wird. In einer Dekoration von Nora Scheidl, die ein Äquivalent dazu bietet, wie Menschen zu Nestroys Zeiten beruflich in ein „G’wölb“ eingesperrt waren: Heute erfüllen Plastikbehälter, die käfigartig zusammen gefügt sind, dieselbe Aufgabe. Als Sinnbild einer kapitalistischen „Handels“-Gesellschaft grenzen und engen sie alle Beteiligten des Spiels gleicherweise ein…

Diese sind Menschen von heute, in heutigen Schäbigkeitsgewändern, aber vor allem in heutigem Sprachduktus (dabei immer noch originaler Nestroy natürlich) und von heutiger Mentalität. Der „Chef“, der „Gewürzkrämer“ Zangler, ist schlechtweg ein brutaler Prolet, aber die entscheidendste Wandlung hat seine Verlobte, die Madame Knorr, in der Auffassung von Peter Gruber durchgemacht: Das „Modewaren“-Geschäft der Dame fungiert nur als Fassade für ein Puff, in dem sich vordringlich Ostblock-Damen umtun… Dies hätte übrigens sogar für Nestroys Zeiten stimmen können, wo die Sitten nicht besser waren als heute…

Eigentlich hat man den „Kommis“ Weinberl selten wirklich „jung“ besetzt, aber oft lustiger als hier mit Franz Steiner: An diesem frisst von Anfang an die Resignation. Als er beschließt, einmal auszubrechen und sich einen „Jux“ zu machen, entwickelt er zwar einige Unternehmungslust unter modischer Haartolle, aber so richtig unbeschwert wird er nie: Die verantwortungslose Freiheit bringt schließlich nur Probleme, wie Nestroy zeigt, ohne ein Moralist zu sein. Gar nicht unbeschwert ist der Lehrjunge Christopherl in Gestalt der patzigen Melina Rössler – da wächst ein kleiner Mitläufer heran, der stets versucht, auf der sicheren Seite zu sein. Ein rechter Homo austriacus…

Der hundsordinäre Zangler des Horst Salzer wurde schon erwähnt, der seinen „Untertanen“ kein Happyend gönnt: Wo Nestroy (wenn auch in entsprechender Ironie) die allgemeinen Hochzeiten ausbrechen lässt, setzt Gruber noch einen gnadenlosen Gedanken darüber: Zangler macht klar, dass für Weinberl und Christopherl das Leben weitergeht wie immer. Malochen sollst du, sollst malochen…

Der Hausknecht Melchior, eine Prachtrolle für die großen Wiener Komiker (Fritz Muliar war einer der letzten, der da brillierte), wird von Gruber mit Hilfe von Bruno Reichert gänzlich umgestaltet. Wenn einer zu allem „Das ist klassisch!“ sagt, dann kommt er wohl aus der Stadt Goethes und Schillers, und dann darf er gerne sächseln, zumal, wenn er es so drollig beherrscht wie dieser Darsteller. Die Lästigkeit der Figur wird nicht gemildert, aber sie gewinnt einen ganz eigenen Charme.

Es ist Bella Rössler als obstinates Fräulein Blumenblatt, die bei den Damen des Vogel abschießt, aber natürlich sind Regine Rieger (ganz im Stil russischer Nutten frisiert und gewandet) und Susanne Adametz als die Damen Knorr und Fischer herrlich halbseiden, Martina Hinterleitner macht aus einer „Das schickt sich nicht!“-Nichte ein köstliches Früchtchen, Maria Sedlaczek tobt eine unübersehbare Wirtschafterin. Benjamin Turecek amüsiert als abgewiesener Verehrer mehr als andere Darsteller zuvor.

Der Abend, von Johannes Specht geschickt mit Musik bestückt, zudem vom Ensemble mit zusätzlichen Coupletstrophen versehen, die aus der Fülle aktueller Ereignisse schöpfen konnten, fand den vollen Jubel des Publikums.

Anschließend feierten alle miteinander die 40 Jahre Schwechat. Ad multos annos! Möge man dem ewigen Nestroy hier weit über unsere eigene Lebenszeit hinaus immer neu huldigen.

Renate Wagner   

 

 

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