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THEATERFEST NÖ / Perchtoldsdorf: MACBETH

05.07.2012 | Theater

 

THEATERFEST NÖ / Perchtoldsdorf: 
MACBETH von William Shakespeare
Premiere: 4. Juli 2012
Besucht wurde die Generalprobe

Was es mit dem Theateraberglauben rund um Shakespeares „Macbeth“ auf sich hat, weiß niemand so genau. Tatsache ist, dass englische Schauspieler nicht einmal den Titel des Stücks in den Mund nehmen würden. Jedenfalls bezog sich Intendantin Barbara Bissmeier auf das „Unglück-Stück“, als sie das Publikum zur Generalprobe begrüßte (dieser Termin musste wegen Überscheidung der Premiere mit dem neuen „Hoffmann“ im Theater an der Wien gewählt werden) – und zwar nicht vor der Burg von Perchtoldsdorf, im Freien, wo die Sommerspiele gedacht sind, sondern „drinnen“.

Nun muss jedes Sommertheater sich halleluja glücklich preisen, wenn es ein Ausweichquartier besitzt, denn dann muss man kein Geld zurückzahlen und das Publikum nicht ärgerlich nach Hause schicken, wenn es gnadenlos regnet wie an diesem Abend. Und wenn man zu diesem Ersatztheater auch nicht weit gehen, sondern nur ein paar Schritte tun muss (man kann sogar mit dem Lift hinunterfahren), ist der Annehmlichkeits-Faktor noch größer.

Und da ist unter der neuen Leitung tatsächlich Bemerkenswertes geschehen – man hat das Innere des außen noch immer eindrucksvoll alten Gemäuers völlig modernisiert und eine Bühne hineingestellt. Dreiviertel der Besucher draußen können in den Saal übersiedelt werden.

Andererseits sollte man sich die Innen-Version nicht wirklich wünschen. Zwar hat Erich Uiberlacker hier das Prinzip einer variierten Shakespeare-Bühne wiederholt, ein schlichter zentraler Holzaufbau mit erstem Stock und Treppen, selbst der Mulch liegt hier auf der Bühne (wenngleich er innen weit stärker riecht, als er es draußen täte), aber gegen die Stimmungslosigkeit eines ja doch steril-modernen Theatersaals kommen die Schauspieler schwer an. Da geht ein Teil der Kraft darauf, Atmosphärisches zu erzeugen, das draußen von der Burgkulisse und der Natur beigesteuert würde…

„Macbeth“ also, ein verdammt schwieriges Stück, nicht wirklich für Sommertheater geeignet, zumal wenn man es auf über zweieinhalb Stunden ausbreitet. Es ist einerseits eine Haupt- und Staatsaktion mit vielen Figuren und einer in den Nebenhandlungen nicht immer interessanten Geschichte, in der es um as Auf und Ab der Politik ebenso geht wie um die Psychologie der Macht. Ein paar Hexen und eine dämonische Lady machen dergleichen nicht unbedingt kurzweiliger.

Es gab Jahre, da hatte man in Wien jedes Jahr einen „Macbeth“ und konnte daran studieren, wie schwierig es ist, dem Stück gerecht zu werden. Zu den Festwochen 2006 kam das Düsseldorfer Schauspielhaus und zeigte in einer Inszenierung von Jürgen Gosch sieben oft splitterfasernackte Männer, die in einer Art von Käfig reichlich rote Farbe verschossen.

2007 versuchte es Regisseur Nuran David Calis drei Stunden lang extrem erfolglos und schlecht gespielt dreistündig am Volkstheater. Und 2008 hetzte Stephan Kimmig eine eindreiviertelstündige Version mit Birgit Minichmayr über die Bühne des Akademietheaters, die niemanden überzeugt hat (auch die Hauptdarstellerin selbst nicht). Damals spielte schon Dietmar König den Macbeth und ihm begegnet man nun, 2012, in Perchtoldsdorf wieder.

Regisseur Hakon Hirzenberger hat von all den genannten Herren zweifellos die solideste, geradlinigste, also eine den Anforderungen des Sommertheaters entsprechende Inszenierung auf die schlichte Bühne gestellt. Eine Art von „modernen“ Touch versuchte er dem Geschehen vor allem durch die Kostüme von Andrea Bernd zu geben, was nicht wirklich gelingt: Verständlich, dass man keine mittelalterliche Kostümschlacht will, aber der gebotene Kostümmix zwischen übergeworfenen Fellen, Kilten, irgendwelchen Hemden und Jacken überzeugt wenig. Das mag zwar als Fetzenkarneval heutigen Bekleidungsmethoden entsprechen, aber zumindest die Lady hätte sich mit etwas geschmackvollerem Outfit leichter getan…

Auch die Musik von Wolfgang Peidelstein, die eine ziemlich große, manchmal aufdringliche Rolle spielt, tönt nicht nur schauerlich bei den Hexen, sondern lässt die Darsteller etwa beim Bankett in durchaus modernen Rhythmen wiegen – das sind aber schmale Äußerlichkeiten einer „Modernisierung“.

Das solide Handwerk wird gelegentlich in Richtung einleuchtender Ideen ausgeweitet, wobei die Hexen- und Mörderszenen insofern sehr gut gelingen, als die Beteiligten nie Gesichter bekommen, also stets als unheimliches Prinzip erscheinen. Für die Szene der Ermordung von Macduffs Familie werden die Lady und ihre beiden Kindern von weißen Stoffpuppen gespielt (von Darstellern geführt, die sich quasi als Bauchredner betätigen), was ganz eindrucksvoll ist, wenn auch viel zu lang. Und es mag eine gute Idee sein – die bessere wäre ja doch gewesen, die Szene zu streichen… Immerhin, wenn die „toten“ Puppen achtlos in den Zuschauerraum geworfen werden, hat das Aussagekraft.

Dietmar König, nun auch schon seit einem Jahrzehnt am Burgtheater, darf seinen Macbeth als private sommerliche Familienaufstellung praktizieren – die Lady wird von seiner Gattin im Leben, Alexandra Henkel (auch seit einem Jahrzehnt am Burgtheater…) gespielt, und die beiden Söhne des Paares wechseln sich in der Rolle von Banquos Sohn ab. Jedenfalls wird es so nicht peinlich, wenn der Regisseur auch eine starke sexuelle Komponente einbringt – etwa wenn die Lady dem willensschlaffen Gatten ausführlich zwischen die Beine greift (und dann noch spürbar ärgerlich agiert, als sich da offenbar nichts tut). Immerhin, Erotik mag ein Machtmittel sein, das die Dame einsetzt: Sonst wüsste man nicht so genau, wo die Kraft der Alexandra Henkel liegt, es sei denn in der Wahnsinnsszene, die sie wirklich anders macht – da wird einmal nicht à la Ophelia herumgehuscht, da schreit sie sich ihre Wut und Aggression bis zuletzt aus dem Leib. Immerhin eindrucksvoll. Dietmar König als Macbeth ist anfangs der rechte Schwächling, aber zu zeigen wäre doch, wie die „Notwendigkeit“ der Machtausübung in ihm das Rad des blutigen Terrors immer brutaler in Gang setzt. Bei König  hat man eher das Gefühl, er bleibt den ganzen Abend lang weitgehend derselbe.

Lange versteht man nicht, warum Hirzenberger den Königssohn Malcolm in der Darstellung von Max Mayer als hinkenden und lallenden Kretin hinstellt. Diese Idee offenbart sich erst, wenn die Schlussidee des Regisseurs besagt, dass der üble Macbeth durch einen mindestens so üblen Nachfolger abgelöst wird… War ja schon sein Vater Duncan in der Gestalt von Eduard Wildner eine extrem negative Erscheinung. Dass Wildner gleich nach seiner Ermordung als Pförtner wieder kommt (der hier eher eine schwache komische Figur abgibt), erklärt sich mit der Ökonomie dieser Sommerspiele, wo viele Darsteller mehrere Rollen übernehmen („Banquo“ Sven Sorring, Sven Kaschte, Daniel Keberle, Florian Carove). Stefano Bernardin hat mit dem Macduff keine Mühe, er ist der einzige, der so etwas wie eine einigermaßen positive Ausstrahlung mitbringt, und am Ende liefert er sich mit seinem Macbeth-Kollegen einen eindrucksvollen Schwertkampf, der doch noch ein bisschen „Action“ bringt.

Man kann jetzt nur hoffen, dass sich kein „Macbeth“Fluch über die Perchtoldsdorfer Spielzeit legt und das düstere Stück dem Publikum in hellen, lauen Sommernächten die wahre Shakespeare-Gänsehaut verschafft. Denn, wie ein anderer Dichter sagte, der Mensch ist ein Abgrund, das muss ja auch immer wieder gesagt werden.

Renate Wagner

 

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