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THEATERFEST NÖ / Liechtenstein: UMSONST

26.07.2012 | Theater

 

THEATERFEST NÖ / Nestroy auf Liechtenstein / Maria Enzersdorfer Festspiele:
UMSONST von Johann Nestroy
Premiere: 26. Juli 2012, besucht wurde die Generalprobe

Als Elfriede Ott herrlich jung war, wurde sie u.a. mit ihrer „Melancholie mit Flinserln“ berühmt. Nun, da sie herrlich alt ist, hält sie unerschütterlich an den wunderbaren Flinserln des vitalen Schauspielertheaters fest, aber es war unvermeidbar, dass sich heuer vor der Burg Liechtenstein Melancholie einschleicht.

1983 von der Ott und Hans Weigel als „Nestroy auf Liechtenstein“ begründet, feiert man stolze 30 Jahre der Festspiele (nach Schwechat, wo man in diesem Jahr den 40er begeht, ist man damit ein ehrenvoller Senior des niederösterreichischen Theatersommers) – und man nimmt Abschied. Auf jeden Fall vom derzeitigen Spielort vor der Burg, von dem man nach Ende der Sommersaison regelrecht „vertrieben“ wird. Zwar können Elfriede Ott und Goran David unerschütterliche Entschlossenheit zum Weitermachen verkünden, aber wo dies räumlich geschehen soll, steht noch in den Sternen. Und wer mit der nötigen Finanzspritze für die Übersiedlung hilft, auch.

Man thematisiert dies in der Aufführung von „Umsonst“ nach der Pause in einer kleinen Einlage, wo man singend, tanzend daran erinnert, was in diesen drei Jahrzehnten für Nestroy so alles passiert ist – und Elfriede Ott mit blonder Marlene-Dietrich-Perücke verkündet, von Kopf bis Fuß auf Theater eingestellt zu sein. Wenn sie sich bei ihrem Publikum für die immer erwiesene Treue bedankt, stellt sich unweigerlich und mit Recht so etwas wie Rührung ein…

Es ist überhaupt kein leichtes Jahr für die Prinzipalin, die sowohl unter den Nachwirkungen ihrer Knieoperationen wie eines Sturzes leidet, aber dennoch in der späten Posse „Umsonst“ mitwirkt: Es ist legitim, dass sie einen Monolog aus Nestroys „Theaterg’schichten“ hernimmt, um damit selbst als Prolog aufzutreten – schließlich spielt ja auch „Umsonst“ unter Schauspielern, und wenn jemand etwas davon erzählen kann, was es heißt, eine „Truppe“ zu leiten, so ist es die Ott, die pfiffig unter ihrem roten Hut hervorblickt und das Publikum einstimmt…

„Umsonst“ ist ein Stück, das man in vieler Hinsicht packen kann, beispielsweise bei dem Schauspieler-Elend, das Nestroy vor allem im Akt am Schopf packt (und das vor einigen Jahren bei der Interpretation in Schwechat an die Reihe kam). Nestroy geht auch scharf gegen alte Weiber vor, die sich in penetranter Lebenslüge junge Männer greifen wollen, gegen alte Spießer, die sich einbilden, die Welt nach ihrem Sinn regulieren zu können, gegen betrügerische Wirte, bei denen es immer nur ums Geld geht – kleine soziale Biotope, wie übrigens auch die durchaus nicht persönlichkeitsschwachen jungen Mädchen, die sich mit aller Entschiedenheit gegen auferlegte Schicksale wehren.

Aber am einfachsten ist es natürlich, all dies nur als Dekoration zu werten. Nestroy hat die Hauptrolle des Schauspielers Arthur als Virtuosenstück für seinen quicklebendigen Kollegen Carl Treumann angelegt, und folgt man einfach dieser Schiene des Stücks, hat man seinen vollen Unterhaltungseffekt erreicht. Das ist unter freiem Himmel immer legitim, sollte allerdings nicht allzu lang werden – hier dauert der Abend drei Stunden, aber man hat ja noch allerlei hineingestopft. Wie immer in Liechtenstein können die Ott-Schüler (manche wurden so populär wie „Jedermann“ Nicholas Ofczarek) fest damit rechnen, dass sie reichlich über die Bühne flattern dürfen. Auch das streckt einen Abend, der etwas mehr Tempo verdiente.

Freilich, wenn Goran David als Arthur ansetzt, auf Italienisch und Französisch zu radebrechen und als Kellner equilibristisch herumzutänzeln, dann nimmt die Aufführung entsprechend Fahrt auf. Und es sind ja auch noch zwei wirklich große Besetzungen zu verzeichnen: Selten erschien der sture Kapitalist mit dem sprechenden Namen Finster so komisch und dabei keinesfalls ungefährlich präsent wie in der Gestalt von Rene Rumpold, ein dünner Stecken, ganz in schwarz gekleidet und schwarz gelaunt, kurz, ein Meisterstückchen an demonstrativer Charakter-Demontage. Und den Wirten in „Mödling“ (man zog es vor, diesen Akt nicht in Braunau spielen zu lassen) verkörpert Herbert Prikopa mit solch schneidender Präsenz und tückischer Hintergründigkeit, dass man sich wirklich fragt, wie die Volksoper ohne diese Persönlichkeit auskommen kann. Dergleichen wächst nicht auf den Bäumen, man wüsste für ihn keinen Nachfolger zu nennen. Wie schön, dass es ihn wenigstens diesen Sommer noch live auf einer Bühne gibt.

 Rumpold, Ruthner

Mit wildem Rotschopf stellt Hilke Ruthner die männergeile Anastasia Mispl so gnadenlos aus, wie Nestroy es gemeint hat. Angelika Strasher kämpft als Wirtstochter, Claudia Waldherr als blaustrumpfig bebrilltes Mündel um ihr Glück, und Erstere wird mit dem sympathischen Kellner von Markus Weitschacher gut bedacht.

Als Totalausfall muss leider der Pitzl in Gestalt von Robert Kolar betrachtet werden – der alte Nestroy hat sich diesen desillusionierten alten Schauspieler selbst auf den Leib geschrieben und ihm ein Schippel übler Eigenschaften verliehen, die aus der Nebenrolle einen Charakter und eigentlich eine Hauptrolle machen. In dieser Vorstellung merkte man gar nicht, dass es ihn gab. Welch ein Pitzl wäre vermutlich Rene Rumpold gewesen! Aber der kann ja nicht alles spielen.

Am Ende gibt es als Pointe den dritten Ott-Auftritt (nach der Prinzipalin zu Beginn und der „Marlene Dietrich“ im „30 Jahre Nestroy-Festspiele“-Bild): Da verkleidet sie sich als „der alte Maushuber“ und macht ihre Lazzi. Und so landet der von Klaus Erharter überreichlich und sehr anhörbar mit Musik versehene Abend mühelos bei seinem Publikumserfolg.

30 und kein bisschen müde – jetzt kann man nur die Daumen halten, dass im allgemeinen Kahlschlag der kulturellen Institutionen nicht auch der Ott’sche Nestroy untergeht.

Renate Wagner

 

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