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THEATERFEST NÖ / Baden: DER BAUER ALS MILLIONÄR

28.07.2012 | Allgemein, Theater

 

THEATERFEST NÖ / Sommerarena Baden: 
DER BAUER ALS MILLIONÄR von Ferdinand Raimund
Premiere: 28. Juli 2012  

Die Idee schien geradezu zwingend: Drei Jahre hintereinander sollte für den Sommer in Baden (und in Koproduktion danach für das Landestheater Niederösterreich) der argentinisch-französische Regiezauberer Jérôme Savary, berühmt für seinen „Grand Magic Cirucs“, und der Theaterzauberer Ferdinand Raimund mit seiner überbordenden Phantasie zusammen gespannt werden. Und das mit den drei Hauptwerken Raimunds. Da konnte dem Theaterfreund nur das Wasser im Mund zusammen laufen.

Und 2010 funktionierte dies mit „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ auch sehr gut, allerdings vordringlich durch Karl Markovics in der Rolle des Rappelkopf. „Der Verschwender“ im Jahr darauf ließ die Neigung des Regisseurs zu Mätzchen schon arg mit dem Stück zusammenstoßen, und heuer – ja, da ist mit dem „Bauer als Millionär“ der totale Absturz zu verzeichnen.

Denn Jérôme Savary ist zu diesem Stück selbst überhaupt nichts eingefallen. Was nicht heißt, dass es dem ganzen Abend an Einfällen mangelt, im Gegenteil. Sie hängen nur gänzlich zusammenhanglos in der Luft, zitieren punktuell die Gegenwart, ergehen sich in albernen Gags und Hinzudichtungen und interessieren sich weder für das Stück als solches noch für die Figuren: Die scheinen für Savary nur irgendwelche Marionetten, über die man sich lustig macht, aber keine Menschen mit Eigenschaften und einer Geschichte.

Zu Beginn schieben Arbeiter in orangenfarbenen Dressen mit gelben Schutzhelmen große Holzkisten herum: Man sei, lispelt ein Herr mit chinesischem Akzent, am Wiener Flughafen, wo die Dekorationen für „Der Bauer als Millionär“ eben aus China eingetroffen seien. (Glaubt man nicht, denn die arbeiten viel besser und vor allem ästhetischer.) Was sich Ausstatter Frieder Klein ausgedacht hat, kommt vorwiegend aus solchen sich öffnenden Kisten – da erweist sich Bauer Wurzel als Weinbauer, denn er ist von Weinflaschen umringt, und das Hohe Alter steigt aus einem Kühlschrank, dessen Seitenfach mit Medikamenten vollgestopft ist, Ajaxerle kommt aus der Mikrowelle mit großer Aufschrift „Sale“ und „Made in China“. Witzig? Nicht wirklich.

Wonach sich die Kostüme orientieren, ist schwer ersichtlich – Wurzel teils im historischen Kostüm einer Raimund-Aufführung trifft Gegenwartslumpen oder Symbole, die man mit bestem Wissen und Gewissen nicht auflösen kann: Die Zufriedenheit mit sechs Kunstbusen (nicht so viel wie die Artemis von Ephesos, aber in deren Stil) – an einem davon darf der herabgekommene Wurzel, als er getröstet werden soll, auch nuckeln. Das ist dann, gelinge gesagt, peinlich.

Die Darsteller outrieren, dass – pardon – der Sau graust, und dass nicht ein Hauch von Respekt, von Wissen, von Verständnis für das Werk angesagt ist, bekräftigt Savary mit einer echten Beleidigung zu Beginn. Da werden am Flughaften nämlich die Rollen an eine Anzahl von Damen und Herren ausgeteilt, die anfangen, sie zu lesen (bevor sie dazu übergehen, sie zu spielen): Und die Aufschrift am T-Shirt weist diese Herrschaften als Insassen der „Psychiatrischen Anstalt Wien“ aus. Jetzt wissen wir, was Savary von Raimund hält: Offenbar können den nur Narren und Schwachsinnige spielen.

Er leistet sich viel Schlimmes an diesem Abend: Bekanntlich sind die Szenen, wo die Jugend von Wurzel Abschied nimmt und das Hohe Alter an seine Tür klopft, der ultimative Eintritt des Wiener Volkstheaters in die Weltliteratur, schlichte Lebensweisheit in zwei dichterisch überwältigenden allegorischen Szenen komprimiert. Savary lässt nach der Szene der Jugend den Vorhang fallen, Pause. Das Alter kommt nachher. Dass die unmittelbare Aufeinanderfolge einfach essentiell ist, hat der Regisseur nicht begriffen.

So rotzig, satirisch, parodistisch wie er das Stück angeht, kann er ja auch das Happyend nicht glauben: Eben sollte Wurzel von der Strafe des Hohen Alters erlöst worden sein – da schickt ihm der Regisseur  dieses noch schnell auf die Bühne. Denkste! Eben haben sich das arme Lottchen und der Fischer Karl „bekommen“, da überlegt es sich die Dame, singt „I can’t get no satisfaction“ und geht zur Zufriedenheit kuscheln, mit der sie sich ohnedies schon sehr handgreiflich angefreundet hat – aber dem Fischer Karl macht das auch nichts, er hat gleich die nächste Dame zur Hand…

Ist dies als kritischer, innovativer Umgang mit Raimund zu begreifen? Nimmt man es als Beispiel heutiger Pop-Kultur (bzw. auch schon überholter Pop-Unkultur)? Was, o was, wollte der Künstler (gemeint ist der Regisseur) uns damit sagen?

  

Die Schauspieler sind nicht zu beneiden. Peter Faerber darf uns nicht mit der Psychologie des Wurzel kommen, was er von diesem Bauern alles nicht spielt, füllt anderswo einen ganzen Abend. Er weiß auch nicht recht, wie er das „Aschenlied“ anlegen soll, findet aber da und dort wie irrtümlich einen echten Ton. So wie Heinz Zuber den Ajaxerle zwar weit unter seinen Möglichkeiten, aber immerhin so verkörpert, wie er gehört. Was macht er hier? Er sollte sich schleunigst eine andere Aufführung suchen!

Irena Flury in schwarzem T-Shirt und Soldatenhosen gibt eine flapsige, aufs Minimum zusammengestrichene Jugend, „Jedermann“-Vater Klaus Ofczarek ein martialisch-drohendes Alter, das jeder Hintergründigkeit, Dämonie oder gar Magie entbehrt. Pippa Galli lässt sich auf des Regisseurs Veräppelung der Figuren voll und eher unsympathisch ein, Katharina von Harsdorf als Zufriedenheit mit sechs Kunstbusen auch, und ihnen und allen anderen Darstellern sei das Mitleid des Kritikers dafür, was sie da abliefern müssen, ausgesprochen. (Sollte es jemand gerne und mit Überzeugung tun, dann sei ihm das selbstverständlich unbenommen.)

Das stets so harmonische Baden ist ja nun nicht unbedingt der Ort, wo das Publikum im allgemeinen protestieren würde – schweigend hatten einige Leute die Vorstellung zwischendurch verlassen, aber erstaunlicherweise mischten sich in den (leider allzu kräftigen) Applaus ein paar entschiedene Buh-Rufe für den Regisseur. So ganz kommt man mit diesem ärgerlichen Bluff ja doch nicht durch…

Übrigens: Dass die Sommerarena in Baden nicht unbedingt ein Schauspiel-Publikum findet, konnte man am Weg nach draußen hören. „Ich hab eigentlich gedacht, das ist eine Operette“, sagte eine Dame. Sie hat wohl den „Bauer als Millionär“ mit dem „Fidelen Bauern“ verwechselt. Der, bedenkt man es nun retrospektiv, wahrscheinlich besser hierher gepasst hätte…

Renate Wagner

 

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