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WIEN/Theater an der Wien: Giuseppe Verdi LA TRAVIATA In Konwitschny – Regie

02.07.2014 | KRITIKEN, Oper

Theater an der Wien
“LA TRAVIATA”
1.Juli 2014 

 La_Traviata_Germont (c)WernerKmetitsch x~1

 

Keine Frage, der Stückezerleger, Stückezertrümmerer und Provokateur ist voll angekommen: beim Publikum und beim Feuilleton. Gestern Abend überzeugte er auch das Auditorium im Theater an der Wien mit seiner Sicht auf diesen, noch zu Verdis Zeiten so provokanten Stoff der TRAVIATA und PETER KONWITSCHNY sonnte sich sichtlich in der Gunst der Jubler und kein übles Buh störte die Freudenstimmung.

Was war geschehen? Diesmal wollte der Regieguru mit seiner Sicht auf einen so bekannten Opernstoff wie jenem der “Vom Weg abgekommenen” die Wahrheit hinter schönen Opernmelodien freilegen, eine Wahrheit, die allerdings nicht “zum Weinen schön” war, wie ein Kritiker im Feuilleton schrieb, sondern eine Wahrheit mit ihrer kalten Fratze und vorgeführt in einer, mit Betroffenheit verursachender Genauigkeit der Personenführung, die vor allem der Titelrollenträgerin alles abverlangte. Dass das naturgemäß keine alltagstaugliche Regie für ein Repertoiretheater ist, das ist die Kehrseite der Medaille.

Dem Regisseur gelingt durch Reduktion der Optik – ein Sessel und mehrere Reihen roter Vorhänge sind die einzige Ausstattung – eine Fokussierung auf die intensive Personenregie um die, diesmal in echte Liebe verfallene aber von der Gesellschaft geächtete Kurtisane. Nur die letzte der Vorhangreihen ist in schwarz gehalten, deren Durchschreiten für Violetta den Tod symbolisiert und eine ungemein berührende Schlußszene ergibt. Johannes Leiacker ist wieder, wie schon so oft bei Konwitschny, der Ausstatter und entwarf auch die im Heute angesiedelten Kostüme.

Der Regisseur lässt pausenlos durchspielen – das bedeudet einen fast filmischen, jedenfalls sehr dichten Ablauf – er streicht die Balletteinlage des dritten Bildes – was zu verschmerzen ist, verzichtet aber auch auf den kurzen, karnevalesken Choreinwurf  nach Violettas großer Arie im letzten Bild. Dass hier der Dramatiker Verdi bewußt einen scharfen musikalischen Kontrast zum einsamen Sterben gesetzt hat, das ignoriert Konwitschny leider. Dafür zeichnet er in der ihm so eigenen Drastik mit den darstellerisch sehr individuell und grell behandelten Mitgliedern des Chorensembles die Oberflächlichkeit und Vergnügungssucht einer in diesen Eigenschaften bekanntlich zeitlosen Gesellschaft wirkungsvoll und mit köstlichen Details versehen nach.

Marlies Petersen folgte in der Titelrolle mit einem Höchstmaß an Selbstverleugnung den Anforderungen der Regie und ihres Gesangparts. Eine Traviata, die einer Glaubwürdigkeit aufregenden Musiktheaters ihre Stimme lieh. Von solchen Leistungen konnten wir uns in Wien bereits bei ihrer Darstellung der “Lulu” und der Reimannschen “Medea” hinlänglich überzeugen.

Bewundernswert allein die Bewältigung ihrer Arie im ersten Bild, deren ersten Teil sie auf dem Sessel stehend singt, deren zweiten Teil sie, nach einem spektakulär gekonnten Fall auf dem Boden, liegend souverän zu Ende bringt. Ein typischer Gag des Regisseurs, das den Atem anhaltende Publikum für kurze Momente glauben zu machen, es handle sich um einen Bühnenunfall; jedenfalls eine zirkusreife Leistung der Sängerin.

Es gelang der Sängerin das packende Rollenportrait eines Abstiegs und Sterbens, welches man in dieser eindringlichen Form in dieser Partie bisher selten so beindruckend und überzeugend erleben konnte.

Ihr geliebter Alfredo fand in Arturo Chacón-Cruz einen, als brillentragenden Bücherliebhaber etwas hampeligen Darsteller aber gesanglich, wenigstens einen der zu phrasieren wußte und auch seine Stretta mit passablem Hochton krönte. Wer schmeichelnden Belcanto erwartete, der wartete bei diesem Sänger vergebens, auch störte dies aber wegen des Stils der Inszenierung nicht weiter. Sein Aussenseitertum als Gegensatz zur Dekadenz seiner Umgebung mußte er mit einer, bei den diversen Festen unpassenden Schmuddelkleidung zur Schau tragen und seine intellektuelle Abgehobenheit immer durch demonstativem Gefuchtel mit einem Buch zeigen oder bei Bedarf einen Bücherhaufen als Sitzgelegenheit benützen. Literatur als Holzhammerfürs Publikum. Es war nicht so ganz nachvollziehbar, dass sich Violetta in einen solchen Kümmerer bis zur Raserei verlieben konnte, aber die Wege der Liebe sind ja oft seltsam.

Aus ganz anderem Holz geschnitzt war da der Giorgio Germont des Roberto Frontali, der mit Nachdruck und stimmlicher Gewalt seine familiären Rechte forderte und zu diesem Zweck auch gleich seine kleine, ängstlich verhuschte Tochter mitzerrte, die er, gestört von ihrem Geflenne schon einmal mit einer ordentlichen Tachtel zum Schweigen bringt. Von der Regie vom allzu noblen Auftreten befreit führt er auch stimmlich keinen Kavaliersbariton klassischer Prägung vor, sondern einen teilweise sehr polternden und unerbittlichen Vertreter der alten Gesellschaft. Beeindruckend!

 Die Comprimarii aus dem Ensemble zeigten alle, dem Regiekonzept entsprechende Leistungen, wobei Gaia Petrone als Flora, Andrew Owens als Gastone und Ben Connor als Douphol auffielen. Der Dottore Grenville war Igor Bakan, den wünsche ich keinem als Hausarzt.

Die britische Dirigentin Sian Edwards leitete das ORF Radio-Symphonieorchester mit dem nötigen Drive, wobei einem Staatsopernverwöhntem Ohr der spröde Klang der Streicher auffällt. Musikalisch etwas bremsend die vielen, durch die Inszenierung erzwungenen Generalpausen.

Zu bewundern der Arnold Schönberg Chor, einstudiert von Erwin Ortner, für die Unmenge an individuellen Leistungen in der Darstellung einer sinnentleerten und gedankenlosen Event- und Partygesellschaft:  ein großes Pauschallob!

Das mit Applaus während der Aufführung noch zurückhaltende Publikum – hier waren es zunächst wohl die nicht gerade applaustreibenden Einzelleistungen der Sänger – spendete zuletzt reichlichen Jubel, besonders für Petersen und Konwitschny.

 

Peter Skorepa
Bild: ThaW/Kmetitsch

 

 

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