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THE WOLF OF WALL STREET

16.01.2014 | FILM/TV

Filmplakat Wall Street x

Ab 17. Jänner 2014 in den österreichischen Kinos
THE WOLF OF WALL STREET
USA  /  2013
Regie: Martin Scorsese
Mit: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey, Jean Dujardin u.a.

Das Thema ist nicht neu, war immer schon faszinierend (siehe die „Wall Street“-Filme von Oliver Stone), ist aber erst in unseren Tagen explodiert: Seit nämlich der Lack ab ist. Seit man weiß, dass hinter legendären Firmen (hi Goldman Sachs, hi Lehman Brothers!) und den Namen legendärer Tycoone schlicht und einfach Verbrechen an der Mitwelt stecken, die man nicht unbedingt mehr als „White Collar Crimes“ bezeichnen will. Wer das Leben so vieler Menschen ruiniert, hat keine weiße Weste mehr und genug metaphorisches Blut an den Händen.

Wenn Martin Scorsese sich mit Jordan Belfort einen originalen Wall Street-Gangster im Nadelstreif vornimmt, dann erzählt er dessen Geschichte wie seine Mafia-Stories – glitzernd, glänzend, faszinierend, mit hintergründigem Humor und so unterhaltend (trotz Überlänge), dass die Kritik an diesen Taten, an diesem Lebensstil eindeutig zu kurz kommt. Aber Moralisieren sollen die anderen: Scorsese zeigt den süßen Aufstieg und den gar nicht so harten Fall des Mannes, der Milliarden machte – und noch einigermaßen davon kam. Sonst hätte Belfort, nach einem kleinen bisschen Gefängnis, nicht seine Memoiren schreiben können, auf denen dieser Film beruht, und wenn man Wikipedia glaubt, geht es ihm heute gar nicht schlecht…

Zuerst ein Wort über Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio, der schon einen langen Weg mit Scorsese hinter sich hat. Als blonder Teenie-Liebling hat er seine Weltkarriere begonnen, suchte früh „Altersrollen“, hat sich etwa für seinen J.Edgar Hoover tatsächlich in einen stockigen, hässlichen alten Mann verwandelt. Heuer im November wird er 40, das heißt, dass er bei den Dreharbeiten 38, 39 war. Und es ist ihm gelungen, die Jugendlichkeit, die ihn früher ausgezeichnet hat, wieder zu finden (zuletzt als „Gatsby“ spielte er durchaus einen Mann in seinen mittleren Jahren). DiCaprio springt in die Rolle, taucht durch, wird nass, beutelt sich ab, springt wieder mit nie erlahmender Intensität, selbst, wenn er voll zugedröhnt ist… eine starke Leistung. Seinen „Golden Globe“ als bester Hauptdarsteller hat er wahrlich verdient.

Der Film umfasst etwa ein Jahrzehnt. Und zu Beginn, Ende der achtziger Jahre, ist dieser Jordan Belfort zwar noch jung und unsicher, aber doch entschlossen, es zu etwas zu bringen. In einer Anfangsszene darf er als Frischling in einer großen Wall Street Firma anfangen. Matthew McConaughey hat als sein dortiger Chef nicht viel mehr als einen großen Auftritt, aber was für einen! Diese Kurzeinführung in die Welt des Geldes und des Wahnsinns, mit dem Versprechen auf Sex und Drugs, ist ein Meisterstück für sich. Dem Anfänger fallen die Augen heraus, er muss schlucken und versuchen, nicht vor Erwartung des Kommenden zu sabbern…

Aber Angestellte bringen es nicht wirklich zu etwas. Als Belfort in der Finanzkrise seinen ersten Broker-Job verliert, fängt er ganz klein wieder an. Armen Gewerbetreibenden für ihre paar Dollar Ersparnisse irgendwelche Obligationen zu verkaufen, ist eine gute Schule – Verkaufen ist immer dasselbe, egal in welcher Größenordnung, und Belfort betreibt es mit meisterlicher Aggression. Bei den „Penny Stocks“, wie man sie nennt, ebenso wie bald darauf bei den Millionengeschäften. Da lässt er, nun sein eigener Firmenchef, dann schon seine Mitarbeiter ran und kassiert nur noch – man muss die anderen bloß ausreichend motivieren, wie die Wahnsinnigen zu arbeiten…

Dann allerdings verliert Scorsese – und das ist schade – fast sein Interesse an den Geschäften. Es ist aber auch zu viel von Party, Party, Party zu erzählen („Reich und schön“ auf exzessiv): Jonah Hill ist ein gewissenloser Partner, wenn es darum geht, sich zu besaufen und zu bekoksen. Es geht wirklich wild und eigentlich auch eklig zu. Die erste Ehefrau (Cristin Milioti), die anfangs gut genug war, wird bald durch eine jener atemberaubenden Blondinen ausgetauscht, deren einzige Funktion darin besteht, als Beutefrau der Reichen zu fungieren (Margot Robbie) – aber diese Naomi bereitet ganz schön Ärger, wenn man sie betrügt (und das tut Jordan ununterbrochen).

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Dass es in Jordans Firma „Stratton Oakmont“ nicht mit rechten Dingen zugeht, weiß bald auch das FBI, und dann muss unser Held kurz zu den Geschäften zurück: Den Agenten Denham (Kyle Chandler) zu bestechen, klappt nicht, also muss Geld verschwinden, eine „Tante Emma“ seiner Gattin (sehr elegant: Joanna Lumley) fungiert als englische Strohfrau. Am besten, man bringt Bares in die Schweiz: Hier liefert Jean Dujardin (unvergessen als „The Artist“, für den er den Oscar bekam) in einer Nebenrolle die köstliche Studie eines hochmütigen Bankers, der an diesen ungehobelten Amerikanern nur ihr Geld schätzt… aber sonst schon gar nichts (und gelegentlich zeigt er das sogar).

Nach und nach beginnt das Schiff zu schwanken, und unsere Helden, die keine sind, tauchen zu selten aus dem Drogenrausch auf, um noch klar zu denken und zu entscheiden: Gelegentlich können sie überhaupt nur noch am Boden kriechen, so „weg“ sind sie… aber selbst das macht Scorsese eher lächerlich als so widerlich (und möglicherweise auch tragisch) wie es ist.

Belfort hat, als man ihn erwischte und unter Druck setzte, sich auf die denkbar schäbigste Art frei gekauft – indem er andere vernaderte. Dafür kam er mit einem Minimum an Gefängnis davon. Am Ende zeigt der Film Belfort heute, Vortragender in Sachen Reichtum, vor einer Schar durchschnittlicher, also wohl durchschnittlich armer Leute. Und was spiegelt sich in deren Augen, wenn sie meinen, da sei einer, der ihnen sagen kann, wie man reich wird? Erwartung, Hoffnung und Gier… die Faszination des Geldes wirkt immer.

Und darum nimmt man Scorseses Streifen am besten als Ersatzleben für zwei Stunden: Wie leben die, die’s geschafft haben? Ob man selbst die Lust, die Nerven und die Gewissenlosigkeit hätte, es selbst zu versuchen – das muss ohnedies jeder selbst beantworten.

Renate Wagner

 

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