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THE WALK

20.10.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

KinoPlakat Walk, The~1

Ab 23. Oktober 2015 in den österreichischen Kinos
THE WALK
USA / 2015
Regie: Robert Zemeckis
Mit: Joseph Gordon-Levitt, Ben Kingsley, Charlotte Le Bon u.a.

„The Walk“ würde eigentlich „der Spaziergang“ bedeuten – aber was für einer! Einer, den es wirklich gab, den es aber nie wieder geben wird und der unter das Motto „Wozu ein Mensch fähig ist“ fällt. Am 7. August 1974 „ging“ der französische Artist Philippe Petit in 417 Metern Höhe auf einem Seil zwischen den Twin Towers hin und her, um 6 Uhr früh, eine Dreiviertelstunde lang. Wenn es nicht wahr gewesen wäre, man würde es nicht glauben.

Sieht man es dann aber über zwei Stunden lang im Kino, stellt sich ein seltsamer Effekt ein: Das Ganze ist nämlich nicht annähernd so spannend, wie es angesichts der absolut ungewöhnlichen, abstrusen Situation sein müsste. Robert Zemeckis hat inszeniert, ein Regisseur, dessen große Erfolge (dreimal „Zurück in die Zukunft“ und dann „Forrest Gump“) länger zurück liegen. Seltsam „seriös“ wird nacherzählt, was eigentlich verrückt ist – und Joseph Gordon-Levitt spielt, erzählt aber nebenbei (mit einem schrecklichen Prinz-Eisenherz-Haarschnitt und einem furchtbaren „französischen“ Akzent) die Geschichte, als ob es nichts wäre.

Man begegnet ihm als Straßenartisten in Frankreich, der ein bisschen jongliert und Pantomime macht und bei „Papa Rudy“ (Ben Kingsley liefert in einer viel zu kleinen Rolle die größte Leistung des Films) seiltanzen lernt. Ziemlich schnell, man sieht ihn ein paar Mal fallen, dann nimmt er sich schon vor, zwischen den Türmen von Notre Dame zu „wandern“ (was er mit 22 tut).

Dann hörte er vom Bau der „Zwillingstürme“ in New York (die ja 2001 an „Nine/Eleven“ aufhörten zu existieren), das damals aufregendste und extremste Gebäudeensemble der Welt. Nein, man bekommt nicht mit, was im Kopf von Philippe Petit vorging, als er beschloß, zwischen den Türmen auf dem Seil zu balancieren (das kann man ja auch nicht verstehen).

Aber die Vorbereitungen, für die Petit ja doch eine ganze Reihe von Leuten begeistern konnte, hätten doch um einiges spannender ausfallen müssen (und auch, wenn man es erklärt bekommt – wie man genau ein Seil zwischen den beiden Türmen spannen konnte, ist schwer zu kapieren).

Es ist natürlich ernüchternd, wenn man in Interviews erfährt, dass Joseph Gordon-Levitt zwar von dem originalen Petit lernte, auf dem Seil zu gehen, dass die fraglichen Aufnahmen aber natürlich nur auf vier Metern Höhe (hoch genug, aber vergleichsweise…) vor sich gingen und teils auch von einem Stuntman übernommen wurden. Dennoch, „the walk“ auf dem Seil, über 400 Meter hoch, New York zu Füßen oder auch auf diesen unglaublichen „Hochseilakt“ hinaufgeschaut, in 3 D, ist dann als Computerkunststück schwindelerregend – der relativ kurze Höhepunkt des Films, und wer Höhenangst hat, gerät ganz zweifellos in Panik…

Da hat man nun eine Geschichte, die – wie andere auch, zuletzt war es der Mount Everst – von dem Bedürfnis des Menschen berichten, den unglaublichen Traum nicht nur zu träumen, sondern Wirklichkeit werden zu lassen. Und dann zuckt man die Achseln und sagt, okey, das war’s. Das Staunen hat man leider nicht gelernt.

Renate Wagner

 

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