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THE RUM DIARY

01.08.2012 | FILM/TV

Ab 3. August 2012 in den österreichischen Kinos
THE RUM DIARY
USA  /  2011
Regie: Bruce Robinson
Mit: Johnny Depp, Amber Heard, Aaron Eckhart, Richard Jenkins, Giovanni Ribisi u.a.

Man kann zu diesem Film ein wenig  Hintergrund bieten: Da ist Autor Hunter S. Thompson, Kulturautor („Fear and Loathing in Las Vergas“, 1998 von Terry Gilliam mit Johnny Depp verfilmt), 2005 durch Selbstmord aus der Welt gegangen. Von ihm gab es noch u.a. den autobiographischen Roman „The Rum Diary“, über dessen Verfilmung schon zu seinen Lebzeiten (und damals noch sehr vergeblich) spekuliert wurde. Johnny Depp, persönlicher Bekannter Thompsons, drängte auf das Projekt und konnte sich selbst in der Hauptrolle als Atout auf den Tisch legen. 2009 war es so weit, und mit offensichtlich einiger Verzögerung landet der Film nun auch in unseren Kinos.

Das braucht den Besucher des Streifens nicht zu interessieren. Er soll nur wissen, dass er reine Nostalgie serviert bekommt, die sich von den amerikanischen Krimis der Bogart-Ära hauptsächlich durch die Farbe und das Ambiente unterscheidet: Der Held, der Journalist Paul Kemp, flieht nämlich aus dem Dickicht der Städte in die heiße, bunte Welt der Karibik, wo der titelgebende Rum nur so fließt (im Gegensatz zu den exzessiven Drogen, die in „Fear and Loathing in Las Vergas“ alles beherrschten).

Puerto Rico, etwa 1960. Schäbige Zeitungsredaktionen mit sturen Chefs, ebenso schäbige Kneipen, schrille Hahnenkämpfe und jede Menge Oldtimer und schräge Gestalten. Das Ganze mixte sich nicht so attraktiv, wären da nicht auch die Superreichen, die hier in San Juan dieselben schmutzigen Geschäfte machen wie immer und überall auf der Welt (Immobilien sind das große Geld, da sitzen auch schon die asiatischen Kapitalisten am Tisch), und wo die reichen Männer sind, gibt es auch die entsprechend knackigen Blondinen…

Also erleben wir Johnny Depp im weißen Anzug, mit Strohhut und Sonnenbrille, wie er somnambul durch die Karibik-Welt schwankt – sein Gesichtsausdruck ist der abwesende eines Menschen, der eigentlich gar nicht dabei ist, man würde sagen „stoned“, aber in seinem Fall ist es wohl die Konstitution eines „Spiegel-Trinkers“, immer ein entsprechendes Rum-Level im Blut. Das Atmosphärische der karibischen Pracht (Sonne, Sand, Meer, Gesang, Tanz, Festestaumel) und Schäbigkeit (Autowracks, arme Farbige in Slums) wird von Regisseur Bruce Robinson liebevoll hingemalt und ein paar sehr gute Schauspieler sitzen herum, Richard Jenkins in der Redaktion (mit dem sprechenden Namen „Lottermann“), Giovanni Ribisi dauerbesoffen an der Bar.

Den wahren den grellen Farbtupfer erhält der Film aber, als an der Seite des smart-glatten Baulöwen (der immer ach so gut aussehende Aaron Eckhart) die Blondine schlechthin auftaucht: mit dem Kunstnamen Chenault und dem Aussehen von Amber Heard, die nun schon einige Filme hindurch zeigt, dass mit ihr zu rechnen ist (und die noch jene Mitte 20 ist, die Hollywood für seine Aktricen bevorzugt). Sie erfüllt sowohl die Kunst-Blondine des Genres wie die Lebendigkeit, die einen echten Menschen aus ihr macht. Dass ihr der schäbige Journalist besser gefällt als der reiche Wasp – na ja, es ist Johnny Depp. Außerdem wirft der reiche Liebhaber sie sofort raus, als er merkt, dass er nicht der einzige ist – Koffer und Kleider über den Zaun, weg, die Sitten sind rau. So richtig viel passiert bis zum vagen Happyend nicht – hier reitet man nicht in den Sonnenuntergang, sondern fährt mit dem nicht ganz legitim geborgten Boot in die Zukunft… und die Abendsonne glitzert am Meer.

Der Abspann erzählt, dass es daheim in Amerika für den Journalisten die große Karriere und Blondinchen als Gattin gab, so richtig glauben kann man es nicht. War es das, worum es ging? Eine Aussteiger-Geschichte über einen der auszog – ja was? Im Grunde erzählt der Film von einem, der nicht wusste, was er wollte, und am Ende ist er nicht weiter als zuvor.

Macht nichts: Es ist ein Film, den man sich der Atmosphäre wegen genüsslich hineingezogen hat, während man über die Handlung gar nicht so viel auszusagen vermöchte. Im Sommer schadet ein angenehmes Kinoerlebnis mit so viel Nostalgie-Touch nichts. Solange man dann nicht in einer Bar landet und sich so viel Rum hineinzieht wie Johnny Depp…

Renate Wagner

 

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