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THE FOREST

02.02.2016 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat The Forest~1

Ab 5. Februar 2016 in den österreichischen Kinos
THE FOREST
USA / 2016
Regie: Jason Zada
Mit: Natalie Dormer, Taylor Kinney u.a.

Horror ist nicht zuletzt deshalb ein feines Genre des Kinos, weil seine Möglichkeiten schier grenzenlos sind – vom grunzenden Zombie bis zu ausgeklügelter psychologischer Raffinesse. Denn bekanntlich spielt sich ja viel, sehr viel, möglicherweise das Meiste im Kopf des Menschen ab, weit eher als in der Realität. Dieser Film von Jason Zada versucht, den Schrecken aus fassbarer Wirklichkeit zu holen. Das macht ihn auf seine Art interessant – aber, wie die Kritik feststellte, nicht horrormäßig genug. Schockeffekte werden nämlich nicht willkürlich, sondern mit einer gewissen Logik eingesetzt und können folglich vom Hirn des Zuschauers abgefangen werden, bevor er sich kreischend im Kinosessel verkriecht…

Der reale Hintergrund der Geschichte ist der geheimnisvolle „Aokigahara Jukai“, ein Wald am Fuß des japanischen Fujiyama, der voll von düsteren Legenden ist – und es verdient. Nicht nur wegen seiner beängstigenden Undurchdringlichkeit, sondern aus der verbürgten Tatsache, dass sich Selbstmörder dorthin zurückziehen. Die Japaner gehen damit ganz locker um, wollen niemanden „retten“ (offenbar gestehen sie den Menschen zu, über ihr Leben zu verfügen), sondern holen nur periodisch die Leichen heraus. Wie viele Spukgeschichten sich darum ranken, kann man sich vorstellen.

Der Film beginnt mit Sara, die in Jess eine eineiige Zwillingsschwester hat (als Doppelrolle für die Schauspielerin ausreichend mit verschiedener Haarfarbe differenziert) und folglich „fühlen“ kann, was mit der anderen los ist. Jess in Not, das weiß sie, als sie von ihr träumt, und da diese sich nicht meldet – nichts wie nach Japan, wo Jess offenbar als Englischlehrerin arbeitet. Aus ihrer Schule ist sie verschwunden, und die Polizei zuckt die Achseln: Ja, wenn sie in den Aokigahara-Wald gegangen ist, dann wollte sie sich vermutlich umbringen…

Wir folgen nun Sara, die mit dem Rucksack am Rücken und unerschütterlicher Entschlossenheit im Herzen in den Wald stapft, um die Schwester zu retten, von deren lebendiger Existenz sie überzeugt ist. Von der psychologischer Wirkung des Waldes auf unsichere Seelen kann gar nicht genug gewarnt werden kann: Man werde auf seine eigenen Ängste zurückgeworfen, man empfinde Misstrauen gegen jeden… und natürlich bewahrheitet sich dieses. Da ist der unaufgearbeitete Unfalltod von Saras Eltern, der sich ihr immer wieder vor Augen schiebt, und da ist der an sich so freundlich wirkende Australier Aiden, der ihr ja vermutlich nur helfen will, gegen den sie allerdings – gesundes? – Misstrauen hegt…

Einzig, wenn man nicht mehr weiß, ob Sara halluziniert oder Jess vielleicht real in einer Hütte versteckt ist, und als das Geschehen eine blutige Wende nimmt – ja dann zieht dieser Film von Regisseur Jason Zada (eigentlich ein Werbefilmer, der hier sein Spielfilmdebut gibt) ein bisschen in Richtung jener kruden Horror-Spannung, an die Fans des Genres erwarten.

Musikfans, die nicht nur ins Kino gehen, mögen übrigens die Augen aufmachen und ihren Blick auf den sympathischen japanischen Führer Michi richten. Dieser Yukiyoshi Ozawa ist nämlich der Sohn des großen Dirigenten Seiji Ozawa, dem Musikfreunde so viele unvergessliche Abende verdanken. Hat mit der Horrorgeschichte nichts zu tun, sei aber doch erwähnt.

Der Film ruht auf den Schultern von Natalie Dormer in der Doppelrolle, denn ja, wir bekommen Jess noch zu sehen, sie ist tatsächlich nicht tot, eine Schlusspointe (wenn auch so sehr vorhersehbar) gibt es trotzdem: Die Schauspielerin ist mit ihren unregelmäßigen Gesichtszügen keine Schönheit, aber wie stark sie wirken kann, weiß man von ihrer Ann Boleyn aus den „Tudors“ und aus „Game of Thrones“. Die Zweifel von Sara fordern sie da weit weniger, und mit Taylor Kinney (von dem Musikvideo-Fans wissen werden, dass er Lady Gaga heiraten wird) baut sich da weder romantic interest noch wirkliche Spannung zweier Persönlichkeiten auf.

Macht nichts, so schlecht, wie die US-Kritiken tun, ist der Film trotzdem nicht. Man darf allerdings – Kino ist Chimäre – nicht glauben, dass man wenigstens einen Blick auf den echten Aokigahara-Wald bekommt: Gedreht wurde in Serbien.

Renate Wagner

 

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