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THE DESCENDANTS – FAMILIE UND ANDERE ANGELEGENHEITEN

26.01.2012 | FILM/TV

Ab 27. Jänner 2012 in den österreichischen Kinos
THE DESCENDANTS – FAMILIE UND ANDERE ANGELEGENHEITEN
The Descendants  /  USA  /  2011
Regie: Alexander Payne
Mit: George Clooney, Shailene Woodley, Amara Miller u.a.

Seltsamerweise kreisten Besprechungen dieses Films oft um den einen Punkt: George Clooney spielt einmal “keinen Helden”. Es ist schwer nachzuvollziehen, wenn einem zu diesem Film nichts anderes einfällt. Wann hätte Clooney je einen glatten „Helden“ gespielt, ist er nicht vielmehr bekannt für differenzierte, oft ironiegetränkte Darstellungen? Sein Matt King, Anwalt in Hawaii, Durchschnittsmann, ist hier nur eine Charakterrolle unter vielen.

Vielmehr unterscheidet sich dieser Film von anderen, die Clooney als Darsteller, Produzent oder Regisseur sehen, einzig durch den leicht tremolierend-tragischen Unterton, den man mit ihm nicht so ohne weiteres in Verbindung gebracht hätte: Das ist, was die Amerikaner einen „Tear Jerker“ nennen, da braucht man mindestens drei Taschentücher, wenn ein hilfloser Vater am Ende die familiären Probleme gelöst hat und zum Lohn die beiden Töchter in die Arme schließen darf.

Problem 1: die Gattin. Sie liegt nach einem Bootsunfall im Koma, und der Film von Alexander Payne lässt offen, ob man das Kino-Wunder ihres Erwachens wünschen soll. Als sich allerdings herausstellt, dass die entfremdete Ehefrau einen Liebhaber hatte, muss sich das Drehbuch entscheiden, was tun: Der Ehemann geht der Sache nach, fast kriminalistisch, beim Aufspüren und Konfrontieren des Rivalen gewinnt der Film in Nuancen einen anderen Charakter.

Denn die Hauptsache ist Problem 2: die Töchter. Alex (Shailene Woodley) ist ein patziger Teenager von 17 mit Drogenproblemen, die ihren tumben Boyfriend überall mit hinschleppt (auch in das heimatliche Wohnzimmer). Die zehnjährige Scottie (Amara Miller) ist ein verstörtes Kind, das begreift, dass die Mutter dahinstirbt. Und beide benehmen sich, wie Kinder es heutzutage vielfach tun, nämlich so frech und aggressiv, dass man in den Schuhen dieses Matt King vermutlich nicht so freundlich reagieren würde. Aber das ist die „Beispielsschiene“: Sei liebevoll und geduldig, dann wirst du ernten, was du Gutes gesät hast.

Problem 3: Die Natur. Clooney spielt einen eingesessenen Hawaiianer, der sogar Eingeborene als Vorfahren hat und zusammen mit seiner weit verzweigten Familie ein riesiges Stück Küste besitzt. Man darf gemeinsam mit der Kamera seinen Blick ausführlich über das Paradies schweifen lassen. Die Verwandten wollen natürlich verkaufen, viel Geld winkt. Aber unser Held verhält sich in allen Belangen des Lebens vorbildlich, also auch hier: Nicht nur, dass er seiner Frau verzeiht, ihr die Augen schließt und letztendlich ihre Asche im Meer verstreut; nicht nur, dass die Töchter nach seinen Bemühungen liebevoll und schmiegsam werden; als zeichnungsberechtigter Anwalt der Familie verweigert der den Verkauf, denn die Natur ist wichtiger und muss gerettet werden.

Vielleicht ist das ein bisschen viel beispielhaftes Gutmenschentum. Aber wie der Preis- und Nominierungsregen mit Globes und Oscars zeigt, geht man damit auf Nummer Sicher. Auch an der Kinokasse: tragische Familienfilme mit glücklichem Ende sind bekannte Renner, zumal wenn ein Superstar den Daddy spielt.

Heiner Wesemann

 

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