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TEL AVIV/ Israel: SALOME. Kurzbericht von der A-Premiere

09.01.2019 | Allgemein, Oper


Copyright: Yosi Zwecker/ Ora Lapidot

 

TEL AVIV/ISRAEL: Kurzbericht SALOME– Premiere 8. Januar 2019 2019

 

Gestern Abend erlebte das Meisterwerk des großen Garmischers Richard Strauss an der Israeli Opera Tel-Aviv-Yafo eine emotional und optisch überaus beeindruckende Premiere in der Regie des Israeli Itay Tiran unter der musikalischenLeitung von Dan Ettinger. Es wurde ein dramatisches Ereignis der großen Dimensionen, und zwar was die Leistung des Orchesters, aber auch die enorme Bühnengröße und -optik betrifft. Den überwältigendsten Eindruck hinterließ The Israeli Symphony Orchestra, welches hier als „Opernorchester“ fungiert, wohl ähnlich wie die Wiener Philharmoniker auch das Orchester der Wiener Staatsoper stellen. Das Ensemble sitzt in Tel Aviv aber in einem riesigen Orchestergraben, der weit zum Publikum geöffnet ist und damit einen besonders plastischen und dynamischen Klang entwickelt. Dan Ettinger brachte diesen mit der gegebenen Dramatik optimal zur Entfaltung, wobei auch die lyrischen Momente nie zu kurz kamen.

Es gelang nicht nur musikalisch, sondern auch optisch und dramaturgisch mit einigen Überraschungen eine packende „Salome“. Der Bühnenbildner Eran Atzmon ließ über der schwarzen Bühne mit der kreisrunden Zisterne in der Mitte einen riesigen Spiegel nach vorn aufsteigen, mit einer großen runden Öffnung, die oben die Gesellschaft des Herodes sowie die sich langweilende Salome zeigt und unten das Geschehen um die Zisterne. Das Riesenloch suggeriert mit den nach unten gehenden Lichtstrahlen (starke Akzente setzend: Avi Yona Bueno) aber auch die Assoziation, dass sich hier alles bereits in der Zisterne abspielt. Auf dieser rotiert eine große Kugel in Assoziation an den Mond, die zunächst jedoch wie ein erloschener Stern, wie ein schwarzes Loch aussieht, bei den Reden des Jochanaan darunter aber von bläulichem (göttlichem?) Licht durchzogen wird, um am Ende immer roter zu werden und schließlich zu einer blutigen Kugel mutierend (Phantasievolle Videos: Yoav Cohen), wenn darunter Salome begehrlich den abgeschlagenen Kopf des Jochanan küsst und mit ihm spielt. Zuvor hatte sie Narraboth mit der Übergabe einer Sonnenblume umgestimmt, wie einst Carmen Don José. Er stirbt aber in Robert Wilsonscher Manier in Zeitlupe, und der Page drückt sein Mitgefühl mit unverändertem Gesichtsausdruck ebenfalls so aus. Emotionen sind allen Herodes-Angestellten offenbar verboten. Jochanan kommt in einem abgerissenen, verkalkten Kostüm und mit verfilzten Haaren aus der Zisterne, während Orna Smorgonsky den Wachen, Narraboth, dem Kappadozier und dem Pagen futuristisch anmutende schwarze Lederkostüme mit Leuchtdioden verleiht und die Nazarener und Juden mit modistisch wirkender, religiös gestylter Tracht versieht. Das alles passt perfekt in das Bühnenbild, in dem dunkle Töne in Schwarz, Grün und Blau bis zum Rot gegen Ende dramaturgisch passend dominieren.

Völlig aus der Reihe, aber interessant und aufregend fiel die Aufmachung des Herodes, der als völlig dekadenter, ja degenerierter und mit von Geschwüren übersätem Fettwanst mit Glatze von einigen spärlich bekleideten Slaven herumgetragen wurde, da er selbst kaum noch gehen kann – ganz offenbar dem Ende nahe. (Gute Choreographie: Renana Raz). Und so kam es auch: Als Salome mit ihrer Forderung nicht lockerließ, laufen die Slaven nach und nach zu ihr über und lassen den hilflosen Tetrarchen am Boden liegen. Der König ist tot, es lebe der/die neue König/in, die nun getragen wird!Tanzen musste sie zur Erfüllung ihres Wahnsinnswunsches allerdings nicht. Das erledigten die sieben Sklaven mit langen Tuchbahnen, während sie in ihrer Mitte thronte. Zum Schluss wirkte das wie eine Varieté-Nummer. Salome erkennt aber die Verwerflichkeit ihrer Tat und schneidet sich die Kehle durch, während die Sklaven dem alten König beim Dunkelwerden mit ihren Messern ein Ende setzen. Hier durfte keiner überleben, das konnte das leading team auch mit einer exzellenten Personenregie klar dokumentieren.

Die Schwedin Elisabet Strid spielt eine als Kindfrau aufgemachte Salome in Unschuldsweiß mit freilich umso effektvoller wirkenden Blutflecken am Schluss und mit silbrigem Bubikopf. Strid offenbart einmal mehr ihr beachtliches darstellerisches Format und einen leuchtenden Sopran, der in allen Lagen perfekt anspricht und bei den Fortestellen stets noch über dem großen Orchesterapparat zu hören ist. Edna Prochnik singt mit dramatischem Mezzo und guter Tiefe eine boshafte und von ihrem Leben völlig gelangweilte Herodias, die es offenbar schon mit dem Henker getrieben hat. Chris Merritt, ein alter Hase des Operngesangs, passt genau deswegen zur Rolle des Herodes, wie Tiran sie hier (über-)zeichnet – ein altgewordener Herrscher mit immer noch gutem Aplomb und Spitzentönen. Robert McPherson spielt einen offenbar so gewollten, völlig unengagierten Narraboth und singt ihn mit einem verblüffenden, ja fast trompetenhaften Tenor.

Allein Daniel Sumegi konnte zumindest mich als Jochanaan nicht überzeugen. Darstellerisch vermochte er wie auch in seinen anderen Rollen wie dem Hagen, den er oft in Erl sang, dem Jochanaan alle relevanten Facetten zu verleihen. Die Rolle verlangt aber einen Bariton, und Sumegi ist Bass. Und dieser scheint mit der Tessitura des Jochanan einfach überfordert. Die Höhen kommen gequält, und die Stimme klingt bei nicht gerade guter Diktion oft nasal und kopflastig und hat damit auch zu wenig Resonanz. Sumegi wurde so zum einzigen stimmlichen Manko und hatte auch noch das Pech, dass seine Anklagen aus der Zisterne verstärkt wurden und dabei ein Nachhall entstand. Das sollte man doch abstellen können. Der Page von Shay Bloch, einer Alumni des Meitar Opera Studios, sowie die weiteren Nebenrollen waren gut bis ansprechend besetzt. Die Juden hätten etwas intensiver um die gültige Lehre streiten können.

In jedem Falle war dies eine große Premiere zum Jahresaftakt der von Zach Granit geleiteten Israel Opera. Starker Beifall, aber das leading team außer Dan Ettinger zeigte sich nicht. Heute kommt die B-Premiere mit anderer Besetzung in den Hauptrollen.

(Detaillierterer Bericht folgt in Kürze).

 

Klaus Billand aus Tel Aviv

 

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