Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

TATORT RATHAUS

26.11.2013 | buch

BuchCover Tatort Rathaus

Edith Kneifl (Hg.)
TATORT RATHAUS
13 Kriminalgeschichten aus Wien
272 Seiten, Falter Verlag, 2013 

Es muss nun schon eine verschworene Fangemeinde geben, die gerne Krimi-Kurzgeschichten im Wiener Ambiente liest, sonst würde sich der Falter-Verlag nicht in regelmäßigen Abständen zu neuen „Tatorten“ begeben. Diese haben keine Kommissare wie im deutschen Fernsehen, sondern sind tatsächlich bestimmte „Orte“ für (böse) Taten, wie der Name sagt.

Nach breit gestreuten Begriffen wie „Kaffeehaus“, „Beisl“, „Prater“, „Würstelstand“ und „Friedhof“, wo sich die Autoren (es ist, mit Variationen, stets eine bewährte Handvoll) frei fluktuierend umtun konnten, hat man diesmal das Wiener Rathaus gewählt, das ja groß und auch verwirrend genug ist, um zahllose mörderische Möglichkeiten zu gewähren. Tatsächlich begegnet man vielen Beamten, vielen Akten, vielen Spinnern und vielen auch skurrilen Begebenheiten.

Das Tüpfelchen auf dem „i“ setzt wieder Herausgeberin Edith Kneifl mit ihrer Geschichte. Kurz und bündig „Hass“ benannt, läuft sie auf zwei Ebenen. Da ist einmal ein höherer Beamter alten Zuschnitts, der gegen die „grüne“ Vizebürgermeisterin nur verbissenen Hass hegen kann: Ja, es ist ganz offenbar die ganz konkrete Maria Vassilakou, der Obersenatsrat Perkovic die Pest an den Hals wünscht (und, wie man als geborener und gelernter Wiener weiß: nicht nur er empfindet so). Seine Mordabsichten kann er allerdings nicht ausführen, weil er zum Opfer wird: Am Beispiel einer kleinen, erschreckend verbissenen Magistratsangestellten zeigt die Kneifl (ja, die Psychoanalytikerin im „Nebenberuf“ lässt sich nicht leugnen), wie ein kleiner Wutbürger (mit inneren Hassausbrüchen gegen den Gestank und die Mitmenschen in den „Öffis“) zum Zwangneurotiker wird, der zur Tat schreitet, Missliebiges wegzuschaffen. Und wenn es die Mitmenschen sind. Wui! Der Mensch ist ein Abgrund…

Und jetzt, wo sich das Rathaus als Schauplatz so bewährt hat, wird die mögliche Liste der Tatorte unendlich – Stefansdom und Staatsoper, Kunsthistorisches Museum und Universität, Hotel Imperial und Burgtheater… Wir werden sicherlich noch viele Kurzgeschichten im typisch wienerischen Ambiente lesen.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken