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TAMPERE/ Finnland: LA FORZA DEL DESTINO. Premiere

14.02.2016 | Oper

Tampere / Finnland: La forza del destino – Premiere am 13.2.2016

Jedes Jahr findet im Februar oder März in Tampere, der drittgrößten finnischen Stadt, eine Opern-Neuproduktion durch die örtliche Opernvereinigung statt, vor allem als Vehikel für den nur in den höchsten Tönen zu preisenden Chor (Einstudierung HEIKKI LIIMOLA) dienend, so dass in den vergangenen Jahren die Wahl solcher Choropern wie Nabucco, Tannhäuser oder Lohengrin plausibel erscheint. Dass die Tampere Filharmonia diesmal unter der Leitung ihres Chefdirigenten SANTTU-MATIAS ROUVALI stand, verlieh der Aufführung einen besonderen Reiz, wird dieser knapp 31jährige Dirigent doch als der kommende finnische Weltstar gehandelt. Verdis „Forza del destino“ war sein erstes Operndirigat, und dabei musste der junge Mann (leider auch das Publikum) die leidvolle Erfahrung machen, dass ein interessanter Konzertdirigent nicht automatisch ein guter Kapellmeister für die Oper ist. Unter seiner Leitung führten Orchester und Bühne ein Eigenleben, das selten zu einem harmonischen Ganzen fand. Wie von Rouvalis Konzerten bekannt, war seine Gestik großformatig, zwang aber weder die Solisten zur Präzision, noch wurden sich anbahnende Divergenzen (Schlussszene) aufgefangen. Zu einem überzeugenden Opernkapellmeister ist es offenbar noch ein weiter Weg, zumal auch seine Interpretation den Zuhörer nicht zur Konzentration darauf verführte.

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Johanna Rusanen (Leonora), Mika Pohjonen (Alvaro). Foto: Tampere-Talo

Auf dem Papier las sich die Besetzung gar nicht so übel: eine Mischung aus finnischen und bulgarischen Sängern. Leider hatte man gerade dem finnischen Protagonistenpaar offenbar den Klavierauszug mit der forte-Fassung des Werkes gegeben, so dass es sich gemüßigt sah, in der nicht für Opernaufführungen geschaffenen Tampere-Halle das Volumen seiner Stimmen beweisen zu müssen. Hier wurde leider Lautstärke mit Dramatik verwechselt, so dass das Dauerforte nicht nur einschläfernd wirkte, sondern auch Stimmprobleme zu Tage treten ließ. JOHANNA RUSANEN, die im Mai an der Finnischen Nationaloper ihre erste Isolde singen wird, hatte die Leonora unüberhörbar (noch) nicht in ihrer Kehle. In vereinzelten piano-Tönen ließ sie das im Prinzip interessante Timbre ihres Spinto-Soprans erkennen, der aber offenbar tiefer als diese Verdi-Partie gelagert ist, so dass die diversen Spitzentöne zu einer Pein für empfindlichere Zuhörer wurden.

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Johanna Rusanen (Leonora), Mika Pohjonen (Alvaro) und Suvi Väyrinen (Curra) im trauten Beieinander vor der Katastrophe. Foto: Tampere-Talo

Auch MIKA POHJONEN’s Alvaro krankte an dieser forte-Tortur, die ihm zeitweise (diverse Kiekser!) zum Verhängnis wurde. Glücklicherweise haben die Protagonisten in diesem Stück zwischen ihren Auftritten lange Pausen, so dass Pohjonen sich immer wieder erholen konnte. Somit wirkten seine forte-Attacken, als müsste er Probleme mit der Stimmtechnik übertünchen. Dritter im Bunde der forte-Anhänger war der bulgarische Bariton KIRIL MANOLOV (Carlo) von mächtiger Figur und ebensolcher Stimme, dem die diversen Nuancen, die sich in seiner Rolle, wie auch in den anderen. finden lassen, abgingen. Manolov wird diesen Sommer im Rahmen des Gastspiels des Ravenna-Festivals in Savonlinna als Falstaff zu hören sein, eine Rolle, die ihm figürlich und auch vokal mehr entgegenkommt. Ihm von der Statur zum Verwechseln ähnlich war der Padre Guardiano seines Landmanns GEORGI KIROF, der sich jedoch als einer von wenigen um piano- und legato-Kultur bemühte und nicht in den Lautstärke-Wettstreit einstimmte. Sein butterweiches, entfernt an den unvergessenen Martti Talvela erinnerndes Timbre kam seiner Güte und Milde ausstrahlenden Gestaltung sehr entgegen. HEIKKI KILPELÄINEN, ein in Deutschland (Mainz) engagierter Bariton, hatte keine Mühe mit der zeitweise unbequem hohen Tessitura des Fra Melitone. Für zwei spätere Vorstellungen ist diese Rolle mit Juha Uusitalo besetzt, der nach längerer, krankheitsbedingter Pause damit wieder auf der Bühne steht. NIINA KEITEL hat eine leichte, nette Stimme, zu wenig für die Preziosilla, die ruhig mehr vertragen könnte, zumal der Regisseur nicht viel mit dieser Figur anfangen konnte. In kleineren Rollen fielen sehr positiv auf der Alcade von NIKLAS SPANGBERG (warum hat man ihm nicht den Marquese von Calatrava gegeben?) sowie der Trabuco von JERE MARTIKAINEN, während die Sängerin der Curra (SUVI VÄYRINEN, ein hoher Koloratursopran) sicher in anderen Partien besser beweisen kann, dass sie im Januar dieses Jahres den nationalen Lappeenranta-Gesangswettbewerb zu Recht gewonnen hat.

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Mika Pohjonen (Alvaro), Kiril Manolov (Carlo). Foto: Tampere-Talo

Als Regisseur war KARI HEISKANEN gewonnen worden, mir in unguter Erinnerung durch seine CavPag-Produktion vor fast 20 Jahren in Savonlinna, bei der er den Mascagni-Einakter im Drogenmilieu spielen ließ und Pagliacci als Soap Opera inszenierte. Warum er die Verdi-Oper 1939, 1940 bzw. 1948 in Spanien (Akt I, II & IV) sowie 1944 in Italien (Akt III), spielen ließ, wollte sich mir nicht erschließen, trug meiner Ansicht nach auch nicht zum besseren Verständnis des Stückes bei, was eigentlich eine Voraussetzung für eine Zeit-Verlegung sein sollte. Deutlich wurde jedoch, dass Heiskanen zu den Regisseuren gehört, die an einem horror vacui leiden, so dass Passagen, in denen nicht gesungen wird, mit „action“ ausgefüllt werden müssen. Prägnantes Beispiel für diese Manie das lange Klarinetten-Vorspiel zu Alvaros großer Arie im 3. Akt, in dem Teile des Chores um ein Film-Vorführgerät herum lagern und sich einen Stummfilm (1944!) ansehen. Abgesehen von dem schnelle Szenenwechsel ermöglichenden Bühnenbild von MARKKU HAKURI empfand ich die Lösung der dieser Oper immanenten und namensgebenden Szene als gelungen, in der sich der den Marquese tötende Schuss im Handgemenge Alvaros mit den Dienern löst und nicht – wie bei Verdi – durch das Wegwerfen seiner Pistole. Ansonsten profitierte die Aufführung davon, dass die Obertitelanlage im 3. Akt ausfiel und somit die Diskrepanzen zwischen dem Text der Oper und der szenischen Realisierung nicht so deutlich wurde.

Fazit: Ein hervorragender Chor, zwei gute Sängerleistungen und viel, viel Durchschnitt, dazu ein Regisseur, der zwar nicht mehr so stark polarisiert wie früher, der aber nicht deutlich machen konnte, warum gerade er mit der Realisierung gerade dieser Oper betraut wurde. Hoffen wir, dass Tampere im nächsten Jahr mehr Glück hat, wenn im für Finnen wichtigen Jahr 2017 (100 Jahre Unabhängigkeit) mit Leevi Madetojas „Pohjolaisia“ (The Ostrobothnians) zum ersten Mal seit über 10 Jahren wieder eine finnische Oper aufgeführt werden wird.

Sune Manninen

 

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