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TABU

14.06.2012 | FILM/TV

Ab 15. Juni 2012 in den österreichischen Kinos
TABU – ES IST DIE SEELE EIN FREMDES AUF ERDEN
Deutschland  /  2011 
Regie: Christoph Stark
Mit: Lars Eidinger, Peri Baumeister, Rainer Bock, Petra Morzé u.a.

Es gibt Menschen, die sind von Geburt an anders als die anderen. Mit Glück werden sie Künstler und nur selbst unglücklich. Mit weniger Glück machen sie andere und sich selbst unglücklich und gehen elend zugrunde. Diese beiden Varianten passen auf die Geschwister Trakl.

Lernt man über den aus Salzburg gebürtigen Georg Trakl in der Schule, so hat man es mit einem der großen österreichischen Lyriker zu tun. Peinlich wird die Tatsache unter den Tisch gekehrt, die sein Leben bestimmte und vermutlich zu seinem Selbstmord führte: Mit ihm und seiner Schwester spielte das Leben eine „Wälsungenblut“-Geschichte, die damals nicht zu bewältigen war (und mit der auch heute nicht so einfach umzugehen wäre). Genaues weiß man darüber natürlich nicht, es gab Klatsch, aber unter die Bettdecke konnte man nicht schauen.

Der Film von Regisseur Christoph Stark nimmt sich jede Freiheit im Umgang mit den Geschwistern Trakl, und er verfolgt sie tatsächlich bis ins Bett, bis in ihre leidenschaftlichen Liebesszenen. Erklärt wird in der Manier moderner Küchenpsychologie manches aus der eisernen Strenge der Mama (die übrigens auch dem Laudanum, einem morphiumhaltigen Beruhigungsmittel, zuspricht): Da muss der Sohn, zumal er in einer Apotheke arbeitet, ja drogenabhängig werden. Und die in eine Musikkarriere gepresste Tochter, die von der Mutter geohrfeigt wird, muss sich ein Ventil suchen. Zwei schwer belastete Geschwister, die sich aneinander klammern, wobei das Drehbuch von Ursula Mauder auf jeden Fall Grete zur treibenden Kraft auf der erotischen Ebene macht.

Der Film malt romantische Bilder von Bohemienleben im Wien von 1908, noch ist es die Monarchie mit ihrem fadenscheinigen Glanz, im Kaffeehaus tobt Oskar Kokoschka hinter Alma Mahler her (was schon von der Zeit her absolut nicht stimmt, denn die beiden lernten sich 1912 kennen – aber die „dichterische“ Freiheit eines Drehbuchs braucht dieses exzentrische Paar, um das Lebensgefühl der Epoche zu charakterisieren). Dass man hier immer wieder voll in den Kitsch einfährt, etwa wenn das Geschwisterpaar nackt in einem Wasserfall badet (wo der nur sein kann?), ist im Rahmen eines Films möglich, der sich grundsätzlich nicht „seriös“ gibt – dann lässt der junge Dichter beim Radfahren durch den Wienerwald auch provokant das nackte Hinterteil heraushängen… Nicht das wahre Dichterleben, sondern die tragisch-exzessive Folie wird geboten, bis zu sexuellen Gewalttätigkeiten zwischen den Geschwistern, vom Psychoterror zwischen ihnen ganz zu schweigen.

Grete Trakl hat später geheiratet, allerdings einen Buchhändler, nicht wie hier ihren berühmten Lehrer in der Musikschule, der sie zögerlich umwirbt, wobei es ihr nur darum geht, ihm das Kind, das sie vom Bruder erwartet, zu unterschieben. 27jährig starb Trakl im Jahr 1914 an einer Kokainvergiftung, dass er sich das Leben genommen hat, wird kaum bezweifelt. An Gretes Selbstmord ist nicht zu rütteln, aber davon (drei Jahre nach dem Tod des Bruders hat sie sich erschossen) erfährt man nur im Nachspann. Letztendlich soll es doch eine „schöne“ düstere Geschichte in der pittoresken Fin de Siècle-Welt bleiben…

Der Film lebt nicht zuletzt von seinen Hauptdarstellern, wobei Lars Eidinger und Peri Baumeister keine Persönlichkeiten sind, die „sympathisch“ auf den Kinobesucher zukämen und ihn für sich einnehmen würden, im Gegenteil, ihr Außenseitertum hat nichts Gewinnendes. Aber sie verkörpern vollendet die Figuren, die der Film zeigen will (über die Realität können wir ohnedies nichts wissen): ein an sich und seinem Talent zweifelnder junger Dichter, der dennoch nicht anders kann als schreiben, der drogen- und sexsüchtig und seiner Schwestern hörig ist, und eine junge, blasse, verbissene, in ihre verbotene Leidenschaft verbohrte Frau, die keinen anderen Lebensinhalt kennen will.

Dazu ein paar eindrucksvolle Figuren am Rande, voran Rainer Bock als der (fiktive) Musikprofessor, den Grete heiratet, und Petra Morzé mit faszinierender Härte als eine Mutter, die versucht, ihre Kinder auf einen „richtigen“ Weg zu führen und verbittert weiß, dass sie dazu nicht imstande ist. Ein paar einheimische Schauspielergesichter (Katharina Straßer, Vera Borek oder Susi Stach) geben in Nebenrollen dem deutschen Film die wienerische Prägung.

Wie gesagt, niemand weiß wirklich, wie die Geschwister Trakl einander zugrunde gerichtet haben – aber dass sie es taten, dürfte unbestritten sein. Und der Film bietet zumindest eine Möglichkeit an, wie es gewesen sein könnte.

Renate  Wagner

 

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