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STUTTGART/Theaterhaus: EGON MADSEN – EIN TANZLEBEN – Gala zum 70er

28.09.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgart: „EGON MADSEN – EIN TANZLEBEN“ Gala zum 70. Geburtstag 28.9.(Theaterhaus)

 
Egon Madsen. Foto: Regina Brocke

Während der Theaterferien, genau gesagt am 24. August, feierte Egon Madsen seinen 70. Geburtstag. Nicht nur das, vor 60 Jahren stand der auf der Insel Fünen geborene Däne mit dem unverkennbaren grauen (früher blonden) Lockenkopf zum ersten Mal auf der Bühne. Statt der Königlichen Dänischen Ballettschule, die ihn abgewiesen hatte, landete das Talent mit dem Hang zum Komischen in der Pantomimenschule des Kopenhagener Tivoli. Dieser Teil seiner Ausbildung dürfte es auch gewesen sein, die John Cranko bewogen hatten, den gerade 19Jährigen ohne persönliche Begegnung auf Empfehlungen hin ins Stuttgarter Ballett zu engagieren. Dort entwickelte er sich zu einer der vier Größen, denen der Begründer des Stuttgarter Ballettwunders 1971 in den „Initialen R.B.M.E.“ ein persönliches choreographisches Denkmal geschaffen hat. Nach seinem Abschied im Juli 1981 widmete sich Madsen verschiedenen direktorialen Aufgaben, zuerst in Frankfurt, dann in Stockholm, Florenz und zu Beginn der 90er Jahre wiederum in Stuttgart als Stellvertreter von Marcia Haydée. 1999 holte Jiri Kylian ihn zu der damals neu begründeten Senioren-Kompanie des Nederlands Dans Theaters, zuerst als immer noch agiler Tänzer, später bis zur Auflösung 2006 auch als deren Leiter. Doch auch mit 64 Jahren lockten den umtriebigen und stets neugierig vorwärts Blickenden noch neue Aufgaben, indem der ihm seelenverwandte ehemalige Stuttgarter Solist Eric Gauthier sein Vorbild für viele Rollen in die von ihm neu gegründete Gauthier Dance Company ans Stuttgarter Theaterhaus gewann, als Coach, Mentor und in Anbetracht seiner ungebrochenen Vitalität und Bühnenpräsenz auch als Charaktertänzer. Dort wurde für ihn nun auch dieser Gala-Abend ausgerichtet, verbunden mit der Verleihung der Stauffer-Medaille für kulturelle Verdienste um das Land Baden-Württemberg – einer weiteren ehrenvollen Auszeichnung nach dem Deutschen Tanzpreis 2011. Auf Wunsch des Jubilars sollten die drei Tanz-Institutionen, die sein Leben bestimmt hatten, das Programm gestalten. Dabei konnte er es sich nicht nehmen lassen, dabei aktiv auf der Bühne mitzuwirken, anstatt die Darbietungen genüsslich aus der ersten Zuschauerreihe zu verfolgen. Die vielleicht größte Überraschung gelang nach der Pause mit der einmaligen Wiederauferstehung des legendären NDT3, so dass das 2001 von Jiri Kylian für die Senioren geschaffene „BIRTH-DAY“ in der Originalbesetzung mit Sabine Kupferberg, Gioconda Barbuto, Gérard Lemaitre, David Krügel und natürlich Egon Madsen selbst in Anwesenheit des Choreographen über die Bühne gehen konnte. Ein heiter-skurriles Kaleidoskop über alternde Tänzer in Rokoko-Gewändern, die an einer Festtafel zu diversen Mozart-Kompositionen ihrer Vergangenheit, ihren wechselseitigen Erfahrungen nachsinnen und sich in einer musikalisch subtil darauf reagierenden Minimal-Choreographie aus Fächerspielen, Getuschel und karikierenden Amouren ergehen. Eine witzig-frivole Fortsetzung findet in diversen Filmszenen statt, die in Stummfilm-Manier im Hintergrund auf einer Leinwand ablaufen. Als Höhepunkt ist eine zackig-komische Bettszene sowie als köstliches Solo Egon Madsens vergeblicher Kampf in einer Ritterrüstung gegen eine unsichtbare Macht hervorzuheben. Bei aller Komik läßt Kylians Werk genauso wie Mozarts allumfassende Musik auch die ernsten Momente des Lebens, näher kommenden Abschied und den Tod durchschimmern, so dass sich bei aller Heiterkeit auch Wehmut breit macht. In diesem Fall eben auch jene, dass es diese Vereinigung in dieser Zusammensetzung nicht mehr geben wird. Der Gefeierte hat sich dieses Stück nicht zuletzt auch deshalb gewünscht, weil es ihm wichtig ist zu zeigen, dass er nie und auch heute nicht auf den komischen Charakter festgelegt war und ist. Dies zeigte auch im ersten Teil sein Beitrag in Ausschnitten aus Mauro Bigonzettis „CANTATA“, die im Juli anlässlich des 5jährigen Bestehens von Gauthier Dance ihre Stuttgarter Premiere hatte. Dort hat sich Madsen als Dorfdepp, erfasst von der Tanzlust. unter das junge Volk (das vollständige und neben ihm auch aus verschiedenen markanten Persönlichkeiten bestehende Gauthier Dance Ensemble) gemischt, von dem er schließlich verspottet wird. Inmitten dessen Ausgelassenheit, die vom körperlichen bis zum verbalen Geschlechterkampf reicht, kommen Madsens von Melancholie umwehte liebenswerte Züge zum Ausdruck, wie sie viele seiner verkörperten Rollen bestimmt hat, und diese auch deshalb unvergesslich in Erinnerung bleiben werden. Zur Wehmut in dieser so urgewaltig elementar den menschlichen Körper einsetzenden Choreographie trug auch diesmal wieder als Live-Beitrag die Vokalgruppe Assurd mit ihrem bewegenden süditalienischen Volksmusikgut bei.

Tänzerische Wehmut durchwehte die Beiträge des Stuttgarter Balletts – Soli, Pas de deux und Ensembles, die Madsen maßgeblich geprägt hat, nicht zuletzt deshalb, weil Cranko und Neumeier sie für ihn kreiert haben. Zunächst das vergebliche Ständchen des Gremio aus „DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG“, in dem Solist Arman Zazyan erfolgreich in die Fußstapfen Egon Madsens tritt, in dem er hinter der leicht plakativ wirkenden Imitation kläglichen Gesanges und Liebeswerbens Menschlichkeit sichtbar macht.

In jenem Solo aus Crankos „BROUILLARDS“, wo ein Junge sich irrtümlich von einem auf der Parkbank schlafenden Mädchen geliebt glaubt, und Glücksgefühl und Anbetung tänzerisch auf den Punkt bringt, durfte sich erstmals der frisch gekürte Solist Daniel Camargo präsentieren und in der leichten, von lyrischem Zauber durchwehten Linie seiner Drehungen und Balancen bis hin zur gelösten Ausstrahlung erfolgreich auf Madsens Spuren wandeln. Der weiße Pas de deux aus „DIE KAMELIENDAME“ mit dem viel Erfahrung und Gefühls-Dosierung einbringenden Paar Sue Jin Kang und Jason Reilly erinnerte daran, dass der Jubilar als Armand auch im Fach des leidenschaftlichen Danseur noble ein Meister seiner Kunst war. Zum Überraschungs-Coup wurde schließlich die Szene mit Mercutios Tod aus „ROMEO UND JULIA“, wo sich unter das fröhliche Corps de ballet plötzlich Tybalt mischte, zum ersten Mal in Gestalt des mit herrischer Haltung und arroganter Herausforderung Respekt gebietend provozierenden Filip Barankiewicz. Gleich darauf trat von Ahs und Ohs aus dem Publikum begleitet, Tamas Detrich aus dem tänzerischen Ruhestand als Romeo mit immer noch beneidenswert jugendlicher Aura in Erscheinung. Zum Höhepunkt wurde schließlich der schnelle Austausch von Eric Gauthier, der als Mercutio so gut in Form war, als hätte er die Rolle nicht schon vor einigen Jahren das letzte Mal getanzt, durch Egon Madsen. In der Sterbeszene ließ er den Montague-Anhänger in immer noch agil wirkenden Fallbewegungen und Aufbäumungsversuchen mit seiner differenzierten tragikomischen Mimik zwischen Glückseligkeit und Melancholie sowie verklärtem Lächeln lebendig werden.

Ergänzt durch die humorvoll kommentierende Ansprache von Theaterhaus-Leiter Werner Schretzmeier und die wie immer launige, Deutsch und Englisch gekonnt vermischende Moderation von Eric Gauthier, der mit dem Jubilar auf besonders innige Art verbunden ist, geriet dieser Abend zur bewegenden Feier aus Erinnerung und lebendiger Gegenwart in der gelöst lockeren Atmosphäre des Stuttgarter Theaterhauses.

Egon Madsen gelten an dieser Stelle nachträglich Dank für seine unschätzbare Bereicherung der Tanzwelt und die besten Wünsche für eine hoffentlich noch lange Aktivität vor und hinter den Kulissen.

Udo Klebes

 

 

 

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