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STUTTGART/Stuttgarter Ballett: „FORSYTHE/GOECKE/SCHOLZ“ – Alltagspoesie zwischen Klassikern. Premiere

31.01.2016 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„FORSYTHE/GOECKE/SCHOLZ“ 29.1.2016 (Premiere) – Alltagspoesie zwischen Klassikern

Eine Uraufführung eingerahmt von zwei zeitlosen Klassikern – was zunächst eher beliebig zu einem Programm gekoppelt scheint, erweist sich schließlich als Demonstration beispielhafter Lesarten abstrakten Umgangs mit Musik. Zufällig sind die beiden dem neuen Stück gegenüber gestellten Choreographien 25 Jahre alt. Dass ihnen das Alter kein bisschen anzumerken ist, zeichnet sie als zeitlos aus.

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Ein Tagtraum zu Mahlers Abschieds-Adagio:  Agnes Su + Constantine Allen in „Lucid dream“. Copyright: Stuttgarter Ballett
 
Auch wenn William Forsythes Schöpfung als Stuttgarter Erstaufführung neu für Compagnie und Publikum ist, wenden wir uns fairerweise zuerst der Novität des Abends zu. Dabei hatte Hauschoreograph Marco Goecke gegenüber den mit großer Begeisterung aufgenommenen Klassikern keinen leichten Stand. Dennoch durfte mit „LUCID DREAM“ auch er einen schönen, nicht unbedingt enthusiastischen, aber ehrlichen Erfolg für sich verbuchen. Die Latte seines unverwechselbaren, eigenständigen Stils hatte er sich diesmal höher als bei allen bisherigen Arbeiten gelegt, indem er als musikalische Herausforderung Gustav Mahlers Abschieds-Adagio aus seiner unvollendet gebliebenen Zehnten Sinfonie gewählt hatte – ein über 25 Minuten ausgedehntes, mit einem markanten Grundthema in den Streichern entfaltetes und in den Bläsern bis zur diatonischen Grenze führendes Klanggemälde von ungeheurer Tiefe. Der weite Atem dieser Komposition bei unleugbarer Wehmut öffnete bei ihm die Schleusen seiner aus dem Nervenzentrum des Körpers freigesetzten Bewegungssprache in bislang ungeahnte Weiten flügelartig ausgebreiteter Arme und einer andererseits immer noch weiter minimalisierten, in feinste Partikel aufgelösten Flatterigkeit der Hände. Nur dort, wo die Form gefährlich nahe in die Bewegungsmuster geistesbehinderter Menschen ausartet, kippt die Atmosphäre leicht ins Anstandslose. Ein grosser Überraschungsmoment gelingt durch die plötzliche Öffnung des Bühnenhintergrunds mit einem durchscheinenden Schleier in abgesetzten Schwarz-, Weiß- und Grautönen bei nun strahlendem Licht anstatt der zuvor für den Choreographen typischen halbdunklen, senkrecht von oben einfallenden Ausleuchtung. Auf diese Weise wird ein nun fast klassisch anmutender Pas de deux von Agnes Su, der einzigen Tänzerin inmitten eines 10köpfigen Männer-Ensembles, und Constantine Allen ins rechte Licht gerückt. Es sollte nicht ganz verschwiegen werden, dass Goeckes mit den betonten Muskeln freier Oberkörper spielender Stil im ebenmäßig weichen und eleganten Körper des amerikanischen Solisten nicht so zwingend ausgeprägt erscheint wie bei den meisten beteiligten Kollegen, allen voran Robert Robinson, Louis Stiens (die an diesem Abend gleich dreifach gefordert waren), Roman Novitzky (der hier mehr Eindruck hinterlässt als in klassischeren Rollen) und Adam Russell Jones. Als Ganzes dürfte diese passend mit Wach- oder Tagtraum betitelte weiter voran dringende Einsicht in eine aus alltäglichen Dingen entwickelte Poesie nun auch die Tür mehr und mehr für jene öffnen, die Goeckes dunkler Welt bisher nicht zu folgen vermochten.

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Ins Extreme getriebene Danse d’école:  Miriam Kacerova + Jason Reilly in „The second detail“. Copyright: Stuttgarter Ballett

Als überfällige Repertoire-Erweiterung behauptete sich „THE SECOND DETAIL“. Wo sonst das erste Stück eines Ballettabends meist noch etwas verhalten aufwärmt und zurückhaltender aufgenommen wird, fühlten sich Tänzer und Publikum bei William Forsythes 1991 beim National Ballet of Canada erstmals gezeigtem Werk gleichermaßen hypnotisiert von der unter dem Dauerstrom elektronischer Percussion von Thom Willems entwickelten Power. So beziehungslos, ohne konkreten Beginn und Schluss, in hellgrauem Einheitsambiente von Bühne, Ganzkörpertrikots und fahlem Licht die mit der Nüchternheit eines Labors exekutierte Choreographie erscheinen mag – dem Sog der rhythmisch unentwegt unter Spannung gehaltenen, auf die Spitze getriebenen Wendungen von Danse d’école – Formen vermag sich kaum jemand zu entziehen. Absolut faszinierend ist, was die 13 TänzerInnen zusätzlich der später in einer weißen Tunika auftretenden Agnes Su hier zum Teil in synchronen kleinen oder größeren Gruppen, teils aber auch diametral verlaufenden Soli und Pas de deux, in einem Irrsinnstempo an Details auf den Punkt zu bringen haben – und das alles erschwert durch die markante Handschrift des Choreographen, die Körperhaltung bis ins Extreme zu verschieben und dehnen sowie Beine und Unterarme gegen die Linie zu drehen. In Ermangelung einer sinnfälligen Dramaturgie ist die durch viele gleichzeitige Abläufe erschwerte Sicht auf Einzelheiten nicht unbedingt ein Nachteil – trotzdem wäre es lohnend die einzelnen Beteiligten näher und konzentrierter beobachten zu können. Es sei nicht unterschlagen, dass aus dem insgesamt hoch motivierten und mit unablässiger Energie eingesetzten Ensemble die Ersten Solisten Elisa Badenes, Hyo-Jung Kang, Angelina Zuccarini und Constantine Allen mit augenfälliger Elastizität herausragen. Welche Bedeutung dem zentral in der Mitte auf einem Plakat in großen Lettern stehenden und am Ende von einem Tänzer umgestoßenen „THE“ zukommt, setzt zuletzt ein Fragezeichen, kann aber die mit spontanem und anhaltendem Jubel aufgenommene Qualität dieses modernen und dabei zeitlos bleibenden Klassikers nicht im Mindesten einschränken.

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Transparentes Detail klassischer Technik: Angelina Zuccarini + Agnes Su in „Siebte Sinfonie“Copyright: Stuttgarter Ballett

Der vorantreibende tänzerische Impetus von Beethovens „SIEBTER SINFONIE“ in der gleichfalls 25 Jahre jungen und frisch wie am ersten Tag gebliebenen Choreographie von Uwe Scholz schaffte es auch in dieser wiederholten Neueinstudierung nach Forsythes geschlossenem Labor und Goeckescher Dämmerung in der optischen Schlichtheit eines sich in den weißen Kostümen fortsetzenden, von farbigen Linien geprägten Bildes von Morris Louis sowie einer stimmige Akzente setzenden Lichtregie die Sonne aufgehen zu lassen.

Die sehr transparent offen gelegte und deckungsgleich in den Ablauf übernommene Struktur der Musik lässt die Schönheiten der klassischen Technik optimal hervortreten. Und so fügen sich klare Hebungen, vielfach in verschiedene Richtungen gedrehte Arabesquen oder im Spagat über die Bühne gezogene Tänzerinnen organisch in die Gesamtlinie der immer wieder motivische Bezüge aufweisenden Gliederung ein.

Als im Mittelpunkt stehendes Solistenpaar setzte Alicia Amatriain mit flexibler Dynamik wieder einmal Glanzpunkte an schwerelosen Figurationen und Jason Reilly als vielleicht nicht optimaler Repräsentant klassischer Eleganz aber denkbar unterstützungsreichster und zuverlässigster Führer, der seiner Partnerin mit zu ihrer erfüllten Form verhilft. Bei den beiden kontrapunktisch dazu verlängerten Solo-Paaren vereinen Myriam Simon + Miriam Kacerova poetische Grazie und aparten Zauber, assistiert von Robert Robinson bzw. Roman Novitzky. Den Presto-Satz eröffnete Daniel Camargo mit überrumpelnder verspielter Beherztheit in gewohnter Exaktheit und gehörte im übrigen zu den neun weiteren mit Halbsolisten und Corps de ballet-Mitgliedern besetzten Paaren, die mit zu einem geschlossenen, bis in die Diagonalen hinein stimmigen Gesamtbild verhalfen.

Als Gast stand Kevin Rhodes am Pult des Staatsorchesters Stuttgart, das bis auf ein paar in der Hitze der Tempi entstandene Unsauberkeiten bei den Bläsern und einem bei Beethoven phasenweise etwas ruppigen Klang einen gewichtigen Beitrag zu diesem Programm leistete und schließlich in die viele Vorhänge fordernden Ovationen miteinbezogen wurde.

  Udo Klebes

 

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